GÓRAŻDŻE / LONDON (IT BOLTWISE) – In Górażdże endet die Erprobung einer CO₂-Abscheideanlage im Rahmen des von SINTEF koordinierten EU-Projekts ACCSESS. Die Pilotanlage soll dabei nahezu zwei Tonnen CO₂ pro Tag abgefangen und eine Abscheiderate von 90 Prozent erreicht haben. Für Heidelberg Materials ist das ein weiterer Schritt Richtung Dekarbonisierung. Parallel baut der Konzern Recyclingkapazitäten in Manchester aus und treibt den Nordics-Ausbau mit dem NCC-Zukauf voran.

Heidelberg Materials: CO₂-Test in Górażdże endet – Recycling & Nordics-Deal
Heidelberg Materials: CO₂-Test in Górażdże endet – Recycling & Nordics-Deal (Foto: IT BOLTWISE)
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Am Standort Górażdże in Polen ist die Testphase einer CO₂-Abscheideanlage nach Angaben aus dem Projektumfeld beendet. Das von der norwegischen Forschungsorganisation SINTEF koordinierte EU-Projekt ACCSESS wurde demnach abgeschlossen, nachdem die Pilotanlage die geplante Erprobung hinter sich gebracht hatte. Für Heidelberg Materials ist dieser Abschluss vor allem deshalb relevant, weil Zement- und Baustoffwerke zu den energieintensiven Industrien gehören, in denen CO₂-Emissionen nicht nur aus der Stromnutzung, sondern auch aus den chemischen Prozessen selbst entstehen. Genau hier setzt CO₂-Abscheidung an: Sie zielt darauf, Emissionen am Punkt der Entstehung zu reduzieren, statt allein über Effizienzsteigerungen oder die Umstellung auf erneuerbare Energien zu gehen.

Technisch betrachtet liefert der Testlauf konkrete Betriebsdaten, die über „Laborergebnisse“ hinausgehen sollen: Während der Testkampagne habe die Pilotanlage nahezu zwei Tonnen Kohlendioxid pro Tag abgeschieden und eine Abscheiderate von 90 Prozent erreicht. Entscheidend für die industrielle Einordnung ist dabei, dass eine hohe Abscheideleistung nicht automatisch heißt, dass sich der Prozess später auch wirtschaftlich und robust skalieren lässt. In der Praxis spielen dafür Faktoren wie Energiebedarf für Vorbehandlung und Regeneration, der Umgang mit Nebenprodukten sowie die Verfügbarkeit von Rohgasqualitäten eine Rolle. Ein Projektabschluss im Rahmen eines EU-Programms bedeutet zudem meist, dass die Prozessschritte systematisch dokumentiert wurden, damit ein Übergang in eine nachgelagerte Demonstrations- oder Investitionsphase überhaupt planbar wird.

Während der Konzern parallel an der CO₂-Seite arbeitet, richtet er den Fokus zugleich auf zirkulärere Stoffkreisläufe. So baut Heidelberg Materials am britischen Standort Agecroft in Manchester Kapazitäten aus, um Boden- und Bauabfälle vor Ort zu Recycling-Zuschlagstoffen aufzubereiten. Das ist aus Marktsicht mehr als ein reines Nachhaltigkeitsnarrativ: In vielen Regionen entscheidet Verfügbarkeit über die Umsetzbarkeit von Infrastrukturprojekten. Recycling-Zuschlagstoffe können dabei helfen, Rohstoffbeschaffung resilienter zu machen und Materialflüsse lokaler zu gestalten. Gerade für Baustoffhersteller, die stark von regionalen Baukonjunkturen abhängen, kann ein zusätzlicher Standbein-Ansatz die Ergebnisqualität glätten, wenn Primärrohstoffe zeitweise knapp oder teuer werden.

Auch an den Kapitalmärkten wird derweil die operative Entwicklung im Blick sein. Heidelberg Materials legt sein Trading-Update für das dritte Quartal am 4. November 2026 vor, und Analysten erwarten branchenweit Bremsspuren in den Bilanzen der Baustoffhersteller. In der Argumentation der Analysten tauchen dabei typische Treiber auf, etwa wenn Hitzewellen Bauaktivitäten einschränken und die Logistik- oder Baustellenplanung ins Stocken gerät. Zudem wird für Europa im Branchenschnitt ein Absatzrückgang gegenüber dem Vorquartal erwartet, was zeigt, wie stark Witterung und Bauzeitfenster die kurzfristigen Mengen steuern.

Die konkrete Aktienbewertung spiegelt den Spagat aus Gegenwind und Strategie. JPMorgan-Analystin Elodie Rall bestätigte ihr Votum „Overweight“ mit einem Kursziel von 225 Euro und verwies dabei auf Schließungen von Baustellen durch sommerliche Hitze sowie die erwartete Branchenentwicklung. Weniger optimistisch, aber weiterhin aktiv im Bewertungsprozess, agierte zuvor Anthony Codling von RBC Capital Markets: Er stufte die Aktie am 9. Oktober von „Sector Perform“ auf „Outperform“ hoch, senkte jedoch das Kursziel von 217 auf 211 Euro. Als Belastungsfaktoren nannte er unter anderem, dass Preise die Kosteninflation im dritten Quartal kaum ausgleichen konnten, während geopolitische Unsicherheit, fehlende Erholungsimpulse im Wohnungsbau und Wetterbelastungen die Nachfrage schwächen.

Strategisch setzt Heidelberg Materials trotz dieses Umfelds auf Expansion in Nordics. Vor rund zwei Wochen vereinbarte der Konzern verbindlich den Zukauf der schwedischen und norwegischen Zuschlagstoff- sowie Asphaltaktivitäten von NCC. Das Vorhaben umfasst 106 Zuschlagstoffanlagen und 44 Asphaltwerke, steht aber noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen. Für den norwegischen Teil wird Medienberichten zufolge von rund zwölf Asphaltwerken und sieben Steinbrüchen ausgegangen; der Gesamtwert der Transaktion für beide Länder liegt demnach bei rund 5,5 Milliarden schwedischen Kronen. Solche Portfolioerweiterungen sind für Baustoffgruppen ein klassischer Hebel, weil sie Skaleneffekte in Einkauf, Produktion und Vertrieb ermöglichen können – zugleich aber die Integration und die regulatorische Freigabe zeitlich strukturieren.

An der Börse zeigte sich die jüngste Entwicklung am Freitag in einer stabilen Kursbewegung: Die Aktie von Heidelberg Materials schloss mit einem Plus von 0,8 Prozent bei 143,80 Euro. Seit Jahresanfang liegt die Aktie allerdings mit minus 36 Prozent im Rückstand, sodass der Markt offenbar stärker auf den Fortgang der Ergebnisentwicklung im Herbst schaut. Ob der Konzern die Erwartungen im bevorstehenden Quartalsfenster stabilisieren kann, wird sich spätestens mit den detaillierten Quartalszahlen Anfang November zeigen. Bis dahin bleibt die Kombination aus Technologiefortschritt bei der CO₂-Abscheidung, dem Ausbau von Recyclingkapazitäten und dem wettbewerbsorientierten Nordics-Deal der zentrale Dreiklang, an dem sich Anleger und Unternehmensplanung gleichermaßen orientieren dürften.


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