GREIFSWALD / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Helmholtz-Institut für One Health (HIOH) baut seine klinische Surveillance in Zentralafrika aus, um Zoonosen früher zu erkennen. Im Fokus stehen Proben aus Gesundheitszentren, die auf Erreger an der Schnittstelle zwischen Mensch, Tier und Umwelt untersucht werden. Ein zentrales Element ist das Labor in Bayanga, das mit Solarenergie betrieben wird und damit auch in abgelegenen Regionen verlässliche Messreihen ermöglichen soll. Parallel stärkt das Institut in Deutschland Kapazitäten mit einem geplanten Institutsneubau und vernetzt sich über Projekte mit dem Robert Koch-Institut.

Die neue Surveillance-Offensive des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) macht vor allem eines deutlich: Pandemieprävention wird zunehmend als Infrastruktur- und Prozessaufgabe verstanden. Statt nur einzelne Ausbrüche zu untersuchen, will das Institut Zoonosen systematisch im Vorfeld erkennen. Dafür erweitert es klinische Beobachtungsprogramme in Zentralafrika und koppelt sie an Feldforschung, Diagnostik und eine langfristige Datenstrategie. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von reiner Ereignisreaktion hin zu einem kontinuierlichen Monitoring, das Krankheitsmuster im Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt früh sichtbar machen soll.
In der Zentralafrikanischen Republik setzt das HIOH dazu auf ein konkretes Labor-Setup in Bayanga. Das dortige Labor wird in Zusammenarbeit mit dem World Wide Fund For Nature (WWF) betrieben und wurde im Rahmen des ersten Dzanga-Sangha-Tages im November 2025 offiziell eingeweiht. Zentral ist der Betrieb über Solarenergie, wodurch die Station unabhängig von instabilen Stromnetzen funktionieren soll und in einer abgelegenen Region überhaupt erst einen durchgehenden Proben- und Analysebetrieb ermöglicht. Laut Angaben des Instituts dient das Labor der Untersuchung von Proben aus lokalen Gesundheitszentren auf zoonotische Erreger; für den Zeitraum ab November 2025 wurde die Ankunft der ersten systematisch erhobenen Proben avisiert.
Technisch betrachtet knüpft das Projekt an den Grundgedanken der One-Health-Architektur an, bei der Ergebnisse aus verschiedenen Sphären zusammengeführt werden: klinische Daten aus Menschen, Beobachtungen zur Tierwelt und Umweltbezüge bilden gemeinsam die Basis für Frühwarnsignale. Im konkreten Vorhaben INFORBIO, das von 2024 bis 2030 läuft und durch die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) gefördert wird, führten Forscher im Oktober 2025 in der Zentralafrikanischen Republik sowie in Kamerun eine Feldmission durch. Dabei wurden über 200 Nagetiere und Fledermäuse gefangen; die gewonnenen Proben werden gezielt auf Erreger untersucht, darunter Mpox. Dass die Arbeit dabei nicht mit der Einweihung beginnt, sondern schon in Missionslogik und Probentransportplanung verankert ist, zeigt, wie stark Surveillance von verlässlichen Wiederholungsmustern abhängt.
Der Organisationsrahmen geht über die Feldstation hinaus und umfasst auch die wissenschaftliche Begründung der Methode. Bereits 2024 berichteten Wissenschaftler des HIOH in den EMBO Reports über die Relevanz eines kontinuierlichen Wildtiermonitorings; ein Langzeitmonitoring von Menschenaffen habe in der Vergangenheit zur Entdeckung wichtiger Erreger beigetragen. Außerdem wird die methodische Früherkennung in öffentlich begleiteter Dokumentation adressiert, die die Arbeit zur Identifizierung von Zoonosen in den Kontext aktueller praktischer Forschung stellt. Für Entscheider ist das relevant, weil es zeigt, dass das Surveillance-Programm nicht als isoliertes Pilotprojekt gedacht ist, sondern auf einem bereits erprobten methodischen Fundament aufbaut und gleichzeitig in der breiteren Öffentlichkeit verständlich gemacht wird.
Parallel zu den internationalen Programmen investiert das HIOH in Deutschland den Unterbau. In Greifswald baut das Institut Kapazitäten am Hauptstandort und in nationalen Netzwerken aus: Das Land Mecklenburg-Vorpommern stellte im Sommer 2023 zusätzliche Mittel in Höhe von 15 Millionen Euro für einen Institutsneubau bereit. Die Gesamtkosten des Vorhabens, das auch Hochsicherheitslabore der Schutzstufe BSL-3 umfassen soll, belaufen sich auf 38 Millionen Euro; derzeit sind bereits 65 Wissenschaftler am Institut tätig. Solche Zahlen sind mehr als reine Ausbauplanung, weil BSL-3-Umgebungen, Probenlogistik und standardisierte Diagnostikprozesse die Voraussetzung dafür schaffen, dass Ergebnisse aus Zentralafrika in belastbaren klinischen und laborbasierten Auswertungen zusammenlaufen können.
Auch die nationale und internationale Vernetzung ist Teil der Strategie. Auf nationaler Ebene koordiniert das HIOH die im Dezember 2023 gestartete One Health Platform, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF); das Institut übernimmt dabei laut Angaben die Leitung in den Bereichen Internationalisierung sowie Umwelt- und Klimaforschung. International startete das HIOH bereits im Juni 2023 gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut (RKI) ein molekularbiologisches Labor in Côte d’Ivoire. Das dortige PAcCI-Projekt ist auf drei Jahre ausgelegt und zielt auf die Stärkung der genomischen Überwachung; zudem unterstützt ein internationaler wissenschaftlicher Beirat das Institut, der sich im April 2025 erstmals persönlich in Greifswald traf und aus neun Experten besteht. Für die Risikoplanung in Organisationen außerhalb der Forschung bedeutet das: Surveillance wird hier als lernendes System gedacht, in dem Laborkapazitäten, Feldarbeit und genomische Analytik eine gemeinsame Datenbasis bilden.
Wer One-Health-Programme in der Praxis nachbauen will, bekommt aus dem Zusammenspiel der genannten Bausteine vor allem eine Blaupause: Die Frühwarnfähigkeit entsteht nicht durch einzelne Messungen, sondern durch die Kombination aus geschützter Diagnostik, wiederholter Probenahme und klaren Kooperationswegen. Das Labor in Bayanga adressiert dabei die Hürde der Energie- und Infrastrukturverfügbarkeit; INFORBIO liefert die langfristige Missionslogik; die deutschen Investitionen und BSL-3-Kapazitäten ergänzen die Skalierbarkeit der Laboranalytik. Unternehmen und Behörden mit Schnittstellen zu Gesundheitsschutz, Umweltmonitoring oder Krisenplanung können daraus ableiten, dass robuste Datenerhebung in abgelegenen Regionen ebenso entscheidend ist wie die Fähigkeit, Ergebnisse in nationalen Plattformstrukturen und internationalen Partnernetzwerken konsistent weiterzuverwenden.
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