LONDON (IT BOLTWISE) – Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erhöhen ihre Herbstprognose für Deutschland: Für 2026 wird ein Plus des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent erwartet. Gleichzeitig bleibt die Erholung laut den Instituten insgesamt schwach, weil hohe Energiepreise, Strukturprobleme und sogar Niedrigwasser die Aktivität zeitweise dämpfen. Während Exporte und Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe überraschend stark zugelegt haben, dürfte die Zahl der Erwerbstätigen nach Einschätzung des IAB in den kommenden Jahren sinken. Parallel verbessert sich aber das Geschäftsklima spürbar, was auf eine robustere Unternehmenslage hinweist.

Die Herbstprognose der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute zeichnet für 2026 ein deutlich freundlicheres Bild als noch im Frühjahr: Statt damals veranschlagter 0,6 Prozent wird nun ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,3 Prozent erwartet. Im Kern geht es dabei um eine schnellere Erholung als zuerst angenommen – jedoch ohne dass Entspannung gleichbedeutend mit Stabilität auf breiter Front wäre. Gerade der Abstand zwischen einer angehobenen Wachstumsrate und einer weiterhin angespannten Lage am Arbeitsmarkt zeigt, wie selektiv der Aufschwung bislang ausfällt.
Technisch und wirtschaftlich lässt sich das Update vor allem über zwei Treiber erklären: Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe hätten „überraschend stark“ zugelegt, wie die Institute in ihrer gemeinsamen Herbstprognose begründen. Als Impuls nennen sie einerseits die robuste Weltkonjunktur und andererseits den globalen „Boom“ rund um Künstliche Intelligenz (KI), der sich über Lieferketten, Investitionsgüter und Nachfrage nach IT-nahen Komponenten auch in der Industrie bemerkbar macht. Zusätzlich spielt ein außenwirtschaftlicher Entlastungseffekt hinein: Wettbewerber aus der Golfregion hätten wegen des Iran-Kriegs erhebliche Produktionsprobleme gehabt – das verschiebt Marktanteile, ohne dass die Ursache in Deutschland liegt.
Der Blick auf die Makrodämpfer bleibt dennoch ernüchternd. Der mit dem Krieg verbundene Energiepreisschock habe die deutsche Wirtschaft zwar gebremst, heißt es weiter, und die höheren Preise für Kraftstoffe und Heizöl hätten sich bislang kaum in den übrigen Verbraucherpreisen niedergeschlagen. Trotzdem stützen sich die Institute auf Faktoren, die den konjunkturellen Wiederaufbau verlangsamen: „Auf einem schmalen Fundament“ stehe die Erholung, weil hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten. Dazu kommt ein kurzfristiger Sonderfaktor im laufenden Quartal: Niedrigwasser bremse die Aktivität vorübergehend – ein Hinweis darauf, dass auch physische Engpässe in Logistik und Energiewirtschaft Konjunkturprofile beeinflussen.
Auch die zeitliche Streckung der Erholung verdeutlicht den Spagat zwischen Fortschritt und Grenzen: Für 2027 erwarten die Institute statt 0,9 Prozent nun ein Plus von 1,1 Prozent. 2028 bleibt das Wachstum jedoch mit 0,4 Prozent deutlich schwächer; dort „verliert die Expansion an Tempo“. Parallel warnen die Wirtschaftsforscher mit Blick auf die jüngsten Wahlen und die Regierungsbildungen vor einer Politik, die in Teilen stärker populistisch geprägt sei. Aus dieser Richtung könnte die Attraktivität des Standorts für gut qualifizierte Beschäftigte sinken und der Arbeitskräftenotstand sich weiter verschärfen – allerdings bleibt offen, welche konkreten Effekte sich aus der wirtschaftspolitischen Reformagenda ergeben.
Dass sich trotzdem Bewegung in den Unternehmen zeigt, untermauert die Entwicklung des ifo-Geschäftsklimaindex: Er stieg von 88,8 Punkten im August auf 89,9 Punkte im September. Das ifo bewertet den Kurs als Fortsetzung des Erholungskurses; auch die Begründung ist pragmatisch: Offenbar hätten Unternehmen den massiven Anstieg der Energiepreise abgefedert. Aus Unternehmenssicht wirkt das wie eine Art Anpassungsphase, in der Preisrisiken nicht nur bilanziell, sondern auch operativ abgearbeitet werden. Der Sommer bleibt zwar schwierig wegen Hitze und Trockenheit, doch die Erwartung lautet, Produktionsausfälle im vierten Quartal nachzuholen.
Die entscheidende Gegenbotschaft kommt vom Arbeitsmarkt. Trotz der verbesserten Konjunkturperspektive erwartet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) einen Rückgang der Erwerbstätigen: 2026 um rund 210.000 und 2027 um weitere 140.000 Personen. Als Hauptgrund nennt das IAB den demografischen Wandel und die Alterung der Gesellschaft: 2026 werde das erste Jahr seit der Weltfinanzkrise 2009 sein, in dem die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr wächst. Damit dürften die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Jahr um 70.000 auf 34,89 Millionen sinken, für 2027 wird ein weiterer Rückgang um 40.000 erwartet; auch die Arbeitslosenzahlen könnten zunächst leicht steigen. In Summe heißt das: Selbst wenn die Industrie schneller anspringt und Exporte dynamisch bleiben, verlagert sich das Wachstumsnarrativ zunehmend von „Kapazität aufbauen“ zu „Engpässe managen“ – und das wird die Planungszyklen in Unternehmen prägen.
Für Entscheider folgt daraus eine eher nüchterne, aber handlungsrelevante Schlussfolgerung. Kurzfristig spricht viel für Stabilisierung über den Außenhandel und die Industrie, besonders dort, wo Investitionszyklen rund um KI und Automatisierung Nachfrage erzeugen. Gleichzeitig bleiben Energie- und Strukturfragen ungelöst, Niedrigwasser kann als temporärer Faktor wiederkehren, und die mittelfristige demografische Bremse sorgt dafür, dass Wachstum ohne ausreichendes Personal schwerer wird. Wer jetzt in Qualifizierung, Prozessautomation und robuste Lieferketten investiert, verbessert nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass die konjunkturelle Erholung tatsächlich in stabile Beschäftigungseffekte überspringt.
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