LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher warnen vor HollowGraph, einer neuartigen Malware, die Microsoft-365-Kalendereinträge als versteckte Kommandozentrale nutzt. Statt auffällige C2-Server anzusprechen, kommuniziert die Schadsoftware über Microsoft-Graph und tarnt Anweisungen in Termindetails. Für Authentifizierung und dauerhaften Zugriff setzen die Angreifer auf DNS-Tunneling. Zusätzlich zeigen weitere Beobachtungen im Jahr 2026, dass EDR-Umgehung und Zero-Days den Abwehrdruck im selben Umfeld deutlich erhöhen.

Die jüngste HollowGraph-Kampagne zeigt, wie stark sich moderne Angriffe vom klassischen Muster „Schadcode auf dem Rechner, Kommunikation zum C2-Server“ lösen. Laut einer Analyse von Group-IB missbraucht die Malware Kalenderinhalte in Microsoft 365, genauer: sie verwendet Microsoft-Graph als Kommunikationsweg und nutzt dafür scheinbar harmlose Kalendereintragsdetails. Damit verschiebt sich der Blick der Verteidigung weg von einzelnen Netzwerkverbindungen hin zu den Geschäftsprozessen, die in produktiven Cloud-Workspaces laufen.
Technisch betrachtet startet HollowGraph mit der Idee, dass Office- und Collaboration-Dienste für Unternehmen Normalität sind. Die Angreifer platzieren Befehle und gestohlene Daten in Termindetails und in verschlüsselten Anhängen, während die Malware über die Microsoft-Graph-Schnittstelle mit den kompromittierten Systemen kommuniziert. Auffällig ist dabei die OpSec-Strategie: Um Entdeckungen durch zeitnahe Anomalien zu vermeiden, datieren die Angreifer entsprechende Einträge weit in die Zukunft, konkret auf den 13. Mai 2050. Diese Art der „zeitlichen Verschleierung“ kann in SIEM- oder EDR-Regeln, die auf kurze Zeitfenster achten, eine Lücke erzeugen.
Bei den Funktionalitäten beschreibt die Untersuchung zwei Kernmodi: Die Schadsoftware kann Befehle empfangen und Daten vom infizierten Rechner zurück an die Angreifer übermitteln. Für die Authentifizierung und zur Aufrechterhaltung des Zugriffs setzen die Betreiber auf DNS-Tunneling über eine bestimmte Domain. Das ist besonders relevant, weil DNS in vielen Umgebungen bereits stark erlaubt und weniger tiefgehend geprüft wird als etwa HTTP(S)-Traffic. In Kombination mit legitimen Cloud-Kommunikationsmustern entsteht so ein Hybrid aus „vertrauenswürdiger Transportebene“ und „taktisch genutzter Nebenkanal“.
Die Kampagne wirkt zudem nicht wie ein Einzeltest, sondern wie eine organisierte Operation. Insgesamt identifizierten die Forscher zwölf infizierte Systeme; drei davon waren zwischen dem 3. Juni und dem 9. Juli 2026 noch aktiv. Als potenzielle Urheber nennen die Analysten die Gruppe Cavern Manticore, die mit dem Cavern-Framework arbeitet. Daneben wird mit geringerer Sicherheit eine Verbindung zur iranischen Hackergruppe Lyceum diskutiert. Für Defender bedeutet das: Selbst wenn einzelne Indikatoren austauschbar sind, bleiben Taktik und Toolchain oft als „wiederkehrendes Betriebsverhalten“ erhalten, sodass Threat-Hunting über mehrere Kampagnen hinweg sinnvoll ist.
Parallel zu HollowGraph zeichnen andere Beobachtungen ein breiteres Muster für 2026: Endpoint-Detection-Systeme (EDR) werden zunehmend mit ausgeklügelten Techniken ausgetrickst. Ein Beispiel ist eine Technik, bei der Windows-Bind-Links missbraucht werden: Angreifer mit lokalen Administratorrechten können dabei Dateipfade umleiten und Sicherheitstools wie EDR, AMSI, AppLocker und Sysmon gezielt „blind“ stellen. Die Methode wird in drei Varianten beschrieben – File-Binding, Process-Binding und Silo-Binding – und zielt darauf, die tatsächlichen Speicherorte ausführbarer Dateien zu verschleiern. Genau an solchen Stellen zeigt sich der Unterschied zwischen reiner Signaturerkennung und Verhaltens- sowie Pfadvalidierung: Wenn das System glaubt, es arbeite mit dem erwarteten Pfad, greifen viele Guardrails zu kurz.
Zusätzlich verschärft sich der „Produktionsdruck“ auf Verteidiger durch die Kommerzialisierung von Malware-Zubehör. Laut den Angaben ist die Verbreitung über „Crypter-as-a-Service“-Plattformen erleichtert; ein Dienst namens Cruciferra soll seit Herbst 2025 in Cybercrime-Foren aktiv sein. Für monatliche Gebühren zwischen 450 und 2.000 US-Dollar bieten die Betreiber Funktionen an, die Sicherheitssoftware deaktivieren und Remote-Access-Trojaner wie AsyncRAT, XWorm und Remcos einschleusen. Solche Angebote senken die Hürde für Erst- und Nebentäter, wodurch einzelne Kampagnen häufiger, aber oft ähnlich aufgebaut werden.
Auch die Angriffssurface vergrößert sich: Sicherheitsfirmen beobachten, dass Kampagnen mit Cruciferra vor allem Finanz-, Gesundheits- und Regierungsorganisationen adressieren, etwa über Lockmails mit Steuerdokumenten oder Sozialversicherungs-Benachrichtigungen. Gleichzeitig steigt der Druck durch die Ausnutzung kritischer Sicherheitslücken: Zero-Day-Schwachstellen in SonicWall-SMA1000-Geräten (CVE-2026-15409 und CVE-2026-15410) sollen ab Ende Juni ausgenutzt worden sein, bevor am 14. Juli ein Patch verfügbar war. Dazu kommt eine Lücke in der ServiceNow-AI-Plattform (CVE-2026-6875), die seit Juli aktiv angegriffen wird. Für Unternehmen heißt das praktisch: Patch-Disziplin allein reicht nicht; besonders bei Cloud-Workspaces müssen auch „Business-Datenflüsse“ stärker überwacht werden – etwa über Policies rund um Kalenderänderungen, ungewöhnliche Zeitmuster und verschlüsselte Anhangsmuster.
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