WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Peer-Programm mit dem Namen HOP (Honest, Open, Proud) senkt das Selbststigma bei Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen deutlich stärker als eine Standardbehandlung. In der randomisierten Studie lag die Reduktion bei rund 50 Prozent, während die Vergleichsgruppe nur etwa 10 Prozent erreichte. Gleichzeitig zeigen weitere Kennzahlen, dass soziale Isolation und Ausschlusserleben in mehreren Bevölkerungsgruppen besonders hoch sind. Die Ergebnisse machen klar, dass Unterstützungsangebote nicht nur medizinisch, sondern auch sozial wirksam gestaltet werden müssen.

Selbststigma wirkt wie eine zweite Krankheit: Wer gesellschaftliche Vorurteile gegen psychische Erkrankungen oder Behinderungen verinnerlicht, zieht sich oft aus dem sozialen Umfeld zurück – und verstärkt damit genau die Isolation, die die Lebensqualität weiter senkt. Genau an diesem Punkt setzt das HOP-Programm (Honest, Open, Proud) an. In einer randomisierten kontrollierten Studie, die im Fachjournal Lancet eBioMedicine veröffentlicht wurde, reduzierte HOP das Selbststigma bei Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen um rund 50 Prozent. Die Standardbehandlung brachte in derselben Studie dagegen lediglich etwa 10 Prozent – ein deutlicher Unterschied, der vor allem die Wirkung von Peer-gestützter Ansprache in den Vordergrund rückt.
Technisch betrachtet ist HOP weniger ein „neues Medikament“, sondern ein Format zur Veränderung von Einstellungen und Verhaltensmustern. Entscheidend ist die Einbindung von Betroffenen in klinischen und gemeindenahen Settings: Statt nur über Risiken oder Symptome zu sprechen, werden die Teilnehmenden mit Erfahrungen konfrontiert, die ihnen zeigen, dass Offenheit, Selbstakzeptanz und Zugehörigkeit realistisch sind. In der Studie waren laut Angaben über 500 Teilnehmende beteiligt, was die Ergebnisse statistisch robuster macht als viele kleinere Wirksamkeitsberichte. Dass die Scham gegenüber der eigenen Erkrankung halbiert werden kann, lässt sich dann auch als Hinweis lesen, dass psychische Unterstützung nicht allein auf Behandlung im engeren Sinn reduziert werden darf.
Die Tragweite wird noch klarer, wenn man die sozialen Rahmenbedingungen mitdenkt. Der Inklusionsindex 2026 nennt vier von fünf Menschen mit Behinderungen, die sich stark ausgeschlossen fühlen. Solche Zahlen deuten darauf hin, dass Selbststigma nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern aus wiederkehrenden Erfahrungen von Abwertung und Distanz. Passend dazu startet die Organisation Pro Infirmis am 3. August die Kampagne „Umdenken. Für uns Menschen“, die Normalitätsvorstellungen infrage stellt. Für Organisationen, die psychische Versorgung planen, bedeutet das: Peer-Programme funktionieren am besten, wenn sie in ein Umfeld eingebettet sind, das die gesellschaftliche Erwartungshaltung nicht kontinuierlich reproduziert.
Auch innerhalb weiterer Communities zeigt sich, wie stark Einsamkeit mit spezifischen Belastungen zusammenhängt. Laut Einsamkeitsbarometer der letzten Bundesregierung fühlen sich 16,1 Prozent der queeren Menschen einsam; in der Gesamtbevölkerung sind es 10 Prozent. Als mögliche Ursachen werden Herausforderungen beim Coming-out und altersbezogene Faktoren genannt. Ergänzend verweist Psychotherapeutin Katie Gillis auf den sogenannten Minderheitenstress, der besonders in gewaltgeprägten Beziehungen die Suche nach Unterstützung erschweren kann. In solchen Situationen wird Selbststigma häufig zu einer Schutzstrategie umgedeutet: Wer Angst vor Zurückweisung hat, vermeidet Kontakt – und bestätigt damit die Vorannahmen, die man eigentlich entkräften will.
Besonders auffällig ist die Lage bei jungen Erwachsenen. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ermittelte, dass 21 Prozent der 21- bis 30-Jährigen sich stark einsam fühlen, weitere 42 Prozent zumindest zeitweise. Die JIMplus-Studie des mpfs liefert dabei einen erklärenden Teilaspekt: 82 Prozent der Jugendlichen nutzen soziale Medien für den Wissenszugang, gleichzeitig geben 72 Prozent an, sich davon abgelenkt zu fühlen. Das Bild dahinter passt zum Selbststigma-Mechanismus: Abgelenkt sein, weniger verlässliche soziale Rückkopplung zu bekommen und sich in Online-Umgebungen häufiger als „anders“ zu erleben, kann die innere Distanz weiter festigen. Dass genau hier HOP nachweislich das Selbststigma um rund 50 Prozent senkt, wirkt deshalb nicht nur therapeutisch, sondern auch präventiv, weil es den Rückzug frühzeitig unterbricht.
Dass es auch therapeutische Ansätze jenseits der Peer-Kommunikation gibt, zeigt eine weitere Studie aus der medizinischen Forschung. Eine Untersuchung der Berliner Charité, veröffentlicht in Nature Medicine, betrachtete den Cannabis-Wirkstoff Dronabinol (THC) bei 171 Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung. Die Albtraumlast sank auf einer achtstufigen Skala um 3,7 Punkte, während die Placebogruppe nur um 2,2 Punkte besser wurde. Bei über einem Drittel der Probanden verschwanden die Albträume unter einer zehnwöchigen Dosierung vollständig; schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Wichtig ist hier der Abgleich mit dem eigentlichen Thema des HOP-Programms: Während THC gezielt belastende Symptome beeinflusst, adressiert HOP die soziale und kognitive Dimension – also die Frage, wie Menschen mit ihrer Situation umgehen, darüber sprechen und Zugehörigkeit wiederherstellen.
Damit wird auch verständlich, warum Debatten über Betreuung und Stigmavermeidung so sensibel sind. In Wien wird über die Betreuung straffällig gewordener Jugendlicher diskutiert; die zuständige Behörde MA 11 hält an Konzepten wie der „Auszeit-WG“ fest, während der Kinder- und Jugendpsychiater Patrick Frottier strukturelle Mängel bei der Umsetzung kritisiert. Für die Umsetzung von Programmen gegen Selbststigma heißt das: Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten und Kommunikationskultur entscheiden mit darüber, ob Maßnahmen Entlastung schaffen oder neue Abgrenzung erzeugen. Ebenso gilt für Städte mit hoher Bevölkerungsdichte – in urbanen Räumen leben inzwischen laut Quelle 77 Prozent der deutschen Bevölkerung –, dass soziale Nähe nicht automatisch entsteht. Gerade dort müssen verlässliche Unterstützungsstrukturen aufgebaut werden, in denen Zugehörigkeit praktisch erfahrbar wird.
Wenn man die Befunde zusammenführt, entsteht ein konsistentes Gesamtbild: Selbststigma lässt sich reduzieren, wenn Programme nicht nur Wissen vermitteln, sondern Identität und Bindung an Betroffene aktiv unterstützen. HOP zeigt mit der im Lancet eBioMedicine berichteten Größenordnung von etwa 50 Prozent im Vergleich zu rund 10 Prozent unter Standardbehandlung, dass Peer-Elemente messbar wirken. Gleichzeitig legen Zahlen aus dem Inklusionsindex, Einsamkeitsbarometern und Bevölkerungsstudien nahe, dass ein gesellschaftlicher Unterbau fehlt, wenn Ausschlusserleben hoch bleibt. Für Entscheider in Versorgung, Kommunen und Trägerlandschaften heißt das vor allem eins: Psychische Gesundheit ist nicht nur eine medizinische Frage – sie hängt ebenso an Interaktion, Sprache und der tatsächlichen Möglichkeit, Unterstützung anzunehmen.
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