LONDON (IT BOLTWISE) – Eine russische Hackergruppe nutzt manipulierte Hotel-WLAN-Netze, um Anmeldedaten für Microsoft 365 abzugreifen. Die Kampagne „CaptiveCrunch“ täuscht dabei Microsoft-Login-Seiten vor und schleust anschließend Schadsoftware ein. Nach Angaben der betroffenen Sicherheitsexperten laufen die Aktivitäten seit Mai 2026; als frühe Spuren nennen sie den Februar als Startpunkt. Für Unternehmen in der EU ist das besonders relevant, weil die Gruppe gezielt auch Ziele in Deutschland ansteuert.

Hotel-WLANs wirken für Geschäftsreisende oft wie ein praktischer Komfortdienst, doch genau dort setzt die aktuelle Angriffskampagne an: Manipulierte Netz-Zugangsportale führen Gäste nicht zur erwarteten Anmeldeseite, sondern zu gefälschten Microsoft-Login-Masken und fingierten Update-Hinweisen. Damit wird aus dem alltäglichen Schritt „ins Internet kommen“ ein Relais für Identitätsdiebstahl. Besonders angreifbar sind Microsoft-365-Konten von Hotelgästen, weil sich die Betrugsseiten eng an das echte Look-and-Feel anlehnen und Nutzer dadurch weniger misstrauisch reagieren.
Technisch beschrieben erfolgt der Einstieg über kompromittierte DNS- und HTTP-Weiterleitungen im Anmeldeportal des Hotel-WLANs. Wer sich einwählen will, landet so nicht nur auf einer Website, sondern in einem gesteuerten Ablauf, der die Zielseite „ersetzt“. Microsofts Sicherheitsexperten ordnen die Kampagne unter dem Namen „CaptiveCrunch“ ein und datieren sie auf den Zeitraum ab Mai 2026; erste nachweisbare Aktivitäten reichen laut den Angaben bis in den Februar zurück. Im Visier stehen dabei vor allem Microsoft-365-Konten von Gästen, wobei der Fokus auf Geschäftsreisenden liegt.
Für die Zuordnung wird ein staatlich unterstützter Akteur genannt, der auch unter den Bezeichnungen Storm-2945 sowie Midnight Blizzard oder APT29 bekannt ist. Für europäische Organisationen erhöht das die Dringlichkeit, weil solche Gruppen traditionell nicht nur globale Ziele, sondern auch Regionen innerhalb der EU ansteuern. Praktisch heißt das: IT-Teams sollten nicht nur auf einzelne kompromittierte Konten reagieren, sondern die Angriffsoberfläche „Reisegerät + öffentliches WLAN + Browser-Interaktion“ als zusammenhängendes Muster betrachten. In der Praxis ist die entscheidende Schwachstelle selten das WLAN selbst, sondern der Moment, in dem Nutzer Interaktionsaufforderungen bestätigen.
Das Angriffsmuster trägt in der Beschreibung den Namen „ClickFix“: Durch scheinbar harmlose Dialogfelder werden Opfer dazu gebracht, schädliche Inhalte zu bestätigen. Hinzu kommen sogenannte Doppelgänger-Domains, die legitime Adressen optisch so nahe aneinanderlegen, dass Verwechslungen wahrscheinlich werden. Auffällig ist außerdem die Bandbreite der imitierenden Meldungen: Die gefälschten Seiten nutzen Hinweise, die wie Systemmeldungen wie „winupdate“, „defender“ oder „directx“ wirken, und ergänzen das Ganze um Aufforderungen für Browser- oder PDF-Viewer-Updates. So entsteht ein konsistentes Narrativ aus „Sicherheits- und Systemzustand“ statt aus einem klar erkennbaren Phishing-Login.
Gelingt die Täuschung, folgen zwei Schadsoftware-Varianten, die nach den vorliegenden Beschreibungen eingesetzt werden können. CornFlake ist ein in Go programmierten Remote-Access-Trojaner, der dauerhaften Zugriff auf das Gerät ermöglichen kann. ChocoShell dagegen basiert auf PowerShell und wird als Datendieb eingeordnet. Beide Werkzeuge zielen auf konkrete Aktionen ab: Sie können Tastatureingaben mitlesen, Screenshots anfertigen und sogar Audio- oder Videoaufnahmen aktivieren; in einzelnen Fällen ist zudem eine vollständige Fernsteuerung des kompromittierten Systems möglich. Genau dieser Funktionsumfang erklärt, warum das „nur kurz bestätigen“ auf einer Fake-Update-Seite schnell zu einem umfassenden Incident werden kann.
Für Reisende leiten sich daraus klare Handlungsregeln ab, die in der beschriebenen Lage besonders wirksam sind. Sicherheitsexperten raten, Hotel-WLAN grundsätzlich als unsichere Umgebung zu behandeln: Wer sich einwählt, sollte unerwartete Update-Aufforderungen nicht sofort bestätigen und keine Software installieren. Als Alternative wird empfohlen, auf den mobilen Hotspot des Smartphones zurückzugreifen; ist das Hotel-WLAN unvermeidbar, sollte eine VPN-Verbindung mit Kill-Switch genutzt werden, damit die Verbindung automatisch abbricht, sobald der Schutz aus irgendeinem Grund nicht mehr greift. Ergänzend spielt Multi-Faktor-Authentifizierung eine zentrale Rolle, während die Gerätecode-Authentifizierung deaktiviert werden soll, da diese Funktion bei Microsoft-Konten zwar häufig als Standard bereitsteht, aber in diesem Kontext als Umgehungspunkt dienen kann.
Auch auf der Unternehmensebene lohnt es sich, die Ereignisse nicht als „Einzelfall“ zu behandeln, sondern als Testlauf für die Reise-spezifische Sicherheitsstrategie. Wer Accounts schützen will, muss neben MFA auch den Zugriff aus mobilen Kontexten mitdenken, denn die Angriffslogik setzt an Interaktionen und Authentifizierung an. In der beschriebenen Kampagne wird genau dieses Zusammenspiel aus gefälschten UI-Dialogen, Domänenimitation und nachgelagertem Payload-Einsatz ausgenutzt. Für IT-Verantwortliche bedeutet das: Konten-Hardening, klare Nutzerleitlinien für Authentifizierungsanfragen in öffentlichen Netzen und eine schnelle Reaktionsfähigkeit bei verdächtigen Login-Mustern sind entscheidend, bevor aus gestohlenen Anmeldedaten ein längerer Zugriff über Trojaner wird.
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