LONDON (IT BOLTWISE) – Das Kieler Institut für Weltwirtschaft fordert eine Neuausrichtung der deutschen Rüstungsbeschaffung hin zu modernen Technologien und einer zentralen Koordination. Der IfW-Präsident Moritz Schularick kritisiert, dass 700 Milliarden Euro bis 2030 nicht effizient genug in zukunftsfähige Waffensysteme fließen. Statt veralteter Einzelplattformen sollten KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik stärker in den Mittelpunkt der Beschaffung rücken. Außerdem verlangt er mehr Planbarkeit, damit Deutschland im Ernstfall schnell und in hoher Stückzahl produzieren kann.

IfW fordert Umdenken bei deutschen Rüstungsinvestitionen bis 2030
IfW fordert Umdenken bei deutschen Rüstungsinvestitionen bis 2030 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Deutschlands Rüstungsinvestitionen bekommt durch eine neue Forderung aus der Forschung eine deutlich andere Schwerpunktsetzung. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) plädiert nicht nur für mehr Technik-Modernisierung, sondern zugleich für einen anderen Takt in der Beschaffung: koordinierter, industrieller und stärker an digitaler Einsatzfähigkeit ausgerichtet. Kern der Argumentation von IfW-Präsident Moritz Schularick ist dabei die Diskrepanz zwischen dem finanziellen Volumen und der Frage, wofür genau es über Jahre wirksam wird.

Schularick stellt das geplante Budget in den Mittelpunkt. In den Jahren bis 2030 sollen insgesamt 700 Milliarden Euro für die Modernisierung der Bundeswehr bereitstehen, doch aus seiner Sicht verfehlt die aktuelle Ausrichtung einen Teil der Zielsetzung. Er kritisiert, dass ein erheblicher Anteil des Geldes weiterhin in vergleichsweise veraltete Technologiepfade wie Panzer und Fregatten fließe. Das sei aus seiner Perspektive nicht automatisch falsch, aber es mindere die Wirkung, die mit einem so großen Investitionsschub eigentlich erreichbar wäre. Gleichzeitig verortet er Deutschlands Startvorteile klar: Kapital, industrielles Know-how und in Teilbereichen auch hochmoderne Technologien sind vorhanden, nur fehle es an den passenden personellen Kapazitäten, um das Potenzial in der Breite wirklich auszuschöpfen.

Technologisch zieht der IfW-Chef daraus eine klare Konsequenz: Die Zukunft sieht er stärker in Technologien wie Künstlicher Intelligenz, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik. Diese Bereiche lassen sich im Vergleich zu vielen klassischen Plattform-Programmen anders „in Systeme denken“: Statt ausschließlich einzelne Großgeräte zu beschaffen, wird die Fähigkeit zunehmend durch Software, Sensorik, Datenfusion und automatisierte Abläufe bestimmt. In der Praxis heißt das auch, dass Beschaffung nicht nur ein Thema von Stückzahlen und Lieferterminen ist, sondern von durchgängigen Betriebsmodellen – etwa wie Trainingsdaten entstehen, wie Updates in der Fläche funktionieren und wie sich neue Fähigkeiten schnell in bestehende Abläufe integrieren lassen.

Damit rückt eine zweite Baustelle in den Vordergrund: Wer orchestriert das Ganze? Schularick fordert die Einrichtung eines zentralen Koordinators für die militärische Beschaffung im Kanzleramt, weil ein einzelnes Ministerium die Verflechtungen zwischen Politik, Industrie und europäischer Strategie seiner Ansicht nach nicht vollständig abbilden kann. Er argumentiert, dass es eine Rolle mit politischer Durchsetzungskraft brauche, die Industrieakteure, auch Startups, sowie Ressorts zusammenführt und „auf ein Ziel“ konzentriert. Als mögliche Persönlichkeiten nennt Schularick dabei unter anderem den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann und den früheren Airbus-Chef Tom Enders. Hinter der Personalie steckt aber vor allem ein Mechanismus: Beschaffung soll weniger in Silos laufen und stärker entlang einer gemeinsamen Priorisierung priorisiert werden, die auch technologisch über mehrere Jahre trägt.

Besonders konkret wird die Forderung anschließend bei der Frage, wie Produktionsfähigkeit im Ernstfall entstehen soll. Schularick sagt sinngemäß, es reiche nicht, viel Geld auszugeben und die Bestände der Bundeswehr „aufzufüllen“. Entscheidend sei vielmehr, wie die wirtschaftlichen Prozesse gestaltet werden müssen, damit Deutschland Waffensysteme bei Bedarf schnell und in ausreichender Menge nachproduzieren kann. Sein Vorschlag setzt dabei auf den Aufbau von Produktionskapazitäten statt auf hochkomplexe, maßgefertigte Einzelstücke: „Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik“, lautet seine zugespitzte Logik. Damit verschiebt sich der Fokus von einmaligen Einkaufsentscheidungen hin zu industrieller Resilienz.

Aus ökonomischer Sicht ist diese Umstellung in Friedenszeiten allerdings unattraktiv, weil Unternehmen die Fixkosten einer solchen „Fabrik im Ernstfall“ ohne garantierte Abrufe häufig nicht refinanzieren können. Schularick plädiert daher dafür, dass der Staat eine Prämie zahlt, um diese strategische Kapazität abzusichern. Das ist ein Ansatz, der eng mit modernen Beschaffungsmodellen für sicherheitsrelevante Lieferketten verwandt ist: Nicht nur die Leistungsfähigkeit eines Produkts zählt, sondern die Verfügbarkeit der Produktionsumgebung selbst. Für den Markt bedeutet das zugleich eine andere Planbarkeit, weil Investitionen in Maschinen, Qualifikation und Lieferanten-Netzwerke eher dann attraktiv werden, wenn es eine staatlich flankierte Grundlage für die Nutzung gibt.

In Summe ordnet Schularicks Analyse die Investitionsdebatte als Wettbewerbsthema ein. Wer im globalen Markt wettbewerbsfähig bleiben will, braucht nach seiner Darstellung nicht nur ambitionierte Budgets, sondern eine Beschaffungsstrategie, die modernste Technologien in operative Fähigkeiten übersetzt und gleichzeitig industrielle Lieferfähigkeit sicherstellt. Für Unternehmen aus dem Technologie- und Anlagenbau sowie für KI- und Robotik-Ökosysteme liegt darin eine Chance, weil die Anforderungen stärker in Richtung Systemintegration, skalierbare Produktion und Daten-/Software-Lebenszyklen zeigen. Gleichzeitig wird die Politik vor die Aufgabe gestellt, Prioritäten, Koordination und Kapazitätsmodelle so zu verzahnen, dass aus Ankündigungen bis 2030 tatsächliche industrielle Umsetzung wird – und nicht nur zusätzliche Bestände.


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