HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die aktuelle Schiffbauumfrage der IG Metall meldet für viele norddeutsche Werften eine sehr gute Auftragslage und eine steigende Auslastung. Für die kommenden zwölf Monate werden den Angaben zufolge rund 1700 neue Arbeitsplätze erwartet. Gleichzeitig betonen Gewerkschaft und Betriebsräte das Risiko, dass der Aufschwung zu stark vom Marineschiffbau getragen wird. Im Fokus stehen daher Ausbildung, Fachkräftegewinnung sowie bessere Rahmenbedingungen statt dauerhafter Leiharbeit.

IG Metall: Auftragslage im Schiffbau gut – Risiko durch Marineschwerpunkt
IG Metall: Auftragslage im Schiffbau gut – Risiko durch Marineschwerpunkt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Stimmung in den Werften bleibt ungewöhnlich optimistisch: Laut einer Umfrage der IG Metall bei Betriebsräten erwarten die Befragten für die kommenden zwölf Monate rund 1700 neue Arbeitsplätze. In der täglichen Planung übersetzt sich so ein Signal schnell in konkreten Druck auf Produktions- und Projektteams, weil nicht nur vorhandene Aufträge abgearbeitet werden müssen, sondern weil Kapazitäten und Qualifikationen für die nächsten Ausschreibungsrunden mitgedacht werden. Besonders deutlich wird das an der Einschätzung zur Auslastung: Für das laufende Jahr liegt sie den Angaben zufolge im Schnitt bei 90 Prozent, 2026 sollen es 94 Prozent werden, und bis 2028 peilen viele Betriebe sogar 100 Prozent an.

Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist laut IG Metall die Auftragslage im Marineschiffbau. Der militärische Bereich macht den Angaben nach mehr als die Hälfte des Branchenumsatzes aus, und genau diese Gewichtung sorgt für eine angespannte Planungslogik: Wer heute vor allem Marineaufträge liefert, kann kurzfristig von stabilen Projekten profitieren, wird aber mittelfristig verwundbar, wenn sich Beschaffungszyklen oder Budgetentscheidungen verschieben. Betriebsräte sehen dieses Ungleichgewicht nicht als abstraktes Risiko, sondern verknüpfen es mit der Frage, wie der zivilen Schiffbauanteil sowie Anwendungen im Kontext von Offshore-Energie und klimafreundlicher maritimer Technologie dauerhaft mitwachsen.

Technisch betrachtet bedeutet eine Auslastung von 100 Prozent oder mehr für viele Betriebe nicht nur „mehr Stunden“, sondern auch höhere Anforderungen an Materialflüsse, Zulieferkoordination und die Taktung zwischen Bauabschnitten. Die Umfrage verweist darauf, dass bereits heute etwa die Hälfte der befragten Betriebe mit einer Auslastung von 100 Prozent oder mehr arbeitet. Gleichzeitig zeigt die gleiche Erhebung, dass der kurzfristige Rückgangs-Schock für viele Standorte offenbar ausgeblieben ist: Während im Vorjahr noch 9 Prozent der Betriebsräte einen Rückgang der Aufträge erwartet hatten, rechnete nun niemand mehr damit. Diese Entwicklung ist ein Hinweis darauf, dass die Auftragsbücher vieler Werften ausreichend gefüllt sind, allerdings verschärft die starke Konzentration auf den Marinesektor die Abhängigkeit von einzelnen Auftraggeber-Ökosystemen.

Genau an dieser Stelle rückt die Personalfrage als zweiter Engpass in den Mittelpunkt. Fachkräftemangel bleibt laut Umfrage eines der größten Probleme der Branche. Bemerkenswert ist dabei auch der Hinweis auf rund 1100 Leiharbeitsbeschäftigte, die weiterhin eingesetzt werden. Aus Unternehmenssicht ist das eine doppelte Kosten- und Steuerungsfrage: Leiharbeit kann helfen, kurzfristige Kapazitätslücken zu schließen, löst aber strukturelle Ausbildungs- und Bindungsprobleme häufig nicht, weil Wissen und Erfahrung nicht dauerhaft im Kernteam wachsen. IG-Metall-Bezirksleiter Daniel Friedrich verbindet daher die Forderung nach mehr Fachkräften mit konkreten Hebeln wie Tarifbindung, guten Arbeitsbedingungen und der Übernahme von Leiharbeitsbeschäftigten in reguläre Beschäftigung.

Die IG Metall veröffentlicht ihre Schiffbauumfrage jährlich seit 1991; für die Einordnung ist das relevant, weil die Branche über Jahrzehnte in Wellen zwischen staatlich oder politisch getriebenen Programmen, zivilen Projektzyklen und phasenweise schwankender Nachfrage navigieren musste. Dass die aktuellen Werte bei der Auslastung so geschlossen nach oben zeigen, wirkt wie eine Bestätigung dafür, dass die Werften aktuell gut durch die nächsten Monate kommen. Dennoch lautet die Kernwarnung der Gewerkschaft: Deutschland dürfe seine maritime Industrie nicht einseitig auf den Marineschiffbau ausrichten. Der zivile Schiffbau braucht demnach langfristige Perspektiven, um auch Investitionen in neue Fertigungs- und Konstruktionskompetenzen anzustoßen.

Für Entscheiderinnen und Entscheider in der Werften- und Zulieferlandschaft ergibt sich daraus ein klarer Handlungsrahmen: Die gute Auslastung sollte genutzt werden, um die Transformation hin zu klimafreundlichen maritimen Technologien organisatorisch abzusichern, statt die Kapazität nur kurzfristig zu „verbrücken“. Parallel liegt der Engpass in der Rekrutierung und Qualifizierung. Wer die Ausbildung ausbaut und Fachkräfte gewinnt, muss dafür spürbar Attraktivität schaffen, also Planungssicherheit im Betrieb, verlässliche Karrierepfade und faire Arbeitsbedingungen. Wenn die Branche außerdem Leiharbeit systematisch reduziert und in feste Beschäftigung überführt, sinkt die Reibung in der Projektabwicklung typischerweise dort, wo Erfahrung aus ähnlich gelagerten Bauabschnitten zählt.

Offen bleibt damit weniger die unmittelbare Auftragslage als die Frage, wie robust die nächsten Jahre werden, wenn der Marineschwerpunkt zwar kurzfristig Stabilität liefert, aber nicht automatisch einen breiten technologischen Aufbauplan garantiert. Die Umfrage legt nahe, dass genau diese Lücke der strategische Kern der Debatte ist: Eine solide Werftenbasis braucht sowohl Auftragspolster als auch kontinuierliche Entwicklungslinien im zivilen Markt. Für die Branche entscheidet sich daran, ob aus der aktuellen Hochphase eine nachhaltige Aufhol- und Modernisierungsstrategie wird – oder ob die Verfügbarkeit von Fachkräften und die Angebotsstruktur zum limitierenden Faktor werden, sobald sich die Zusammensetzung der Aufträge wieder verschiebt.


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