LONDON / IT BOLTWISE – Eine neue Untersuchung meldet eine „widespread class“ von Sicherheitslücken in 4G- und 5G-Core-Netzen, die im Worst Case zu DoS und Session Hijacking führen können. Die Schwachstellen werden auf ein wiederkehrendes Wurzelproblem zurückgeführt: implizites Vertrauen zwischen Core-Netz-Funktionen in Cloud-Deployments. Die Forscher setzen dabei auf einen LLM-gestützten Multi-Agent-Ansatz namens iFinder, um Muster zu erkennen und Proof-of-Concepts iterativ abzusichern. Insgesamt wurden 84 zuvor unbekannte Schwachstellen in mehreren verbreiteten Open-Source-Implementierungen identifiziert.

iTrue-Sicherheitslücken: 84 Schwachstellen in 4G/5G-Core-Netzen
iTrue-Sicherheitslücken: 84 Schwachstellen in 4G/5G-Core-Netzen (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Mobilfunkbetrieb zählt meist die Robustheit der „Core“-Schicht: Dort laufen Signalisierung und Paketvermittlung zusammen, und genau hier werden Angriffsflächen sichtbar, sobald die klassische Annahme verschwindet, dass einzelne Netzfunktionen streng isoliert sind. Eine akademische Studie beschreibt für 4G- und 5G-Core-Netze eine „widespread class“ von Sicherheitslücken, die bei erfolgreicher Ausnutzung eine Verfügbarkeitsschädigung durch Denial-of-Service (DoS) ermöglichen und in bestimmten Szenarien sogar Session Hijacking erlauben. Im Kern geht es dabei nicht um einzelne Ausnahmen, sondern um ein wiederkehrendes Muster, das die Forscher als implicit trust errors (iTrues, auch iTrue) codieren.

Technisch verankern die Autoren das Problem im Zusammenspiel von Core-Komponenten, deren Vertrauensmodell seit Jahren gewachsen ist. Historisch wurden Schnittstellen zwischen den Funktionen oft über physische Isolation oder klare Netzwerkgrenzen geschützt; mit dem Wechsel zu cloud-nativen Deployments wird dieser Vertrauensbereich jedoch „fragile“ – so schildern es die Autoren. Dadurch können Angreifer aus Netzen, die vorher als „intern“ galten, plötzlich Schnittstellen erreichen, die zuvor nur innerhalb einer vertrauenswürdigen Zone verwendet wurden. Die Studie beschreibt dabei blindes Weiterhandeln zwischen CN-Funktionen: Wenn eine Komponente Nachrichten aus dem „Peer“-Umfeld ohne ausreichende Validierung akzeptiert, reichen schon Schwächen in der Format- und Semantikprüfung oder in Ressourcen-Checks, um unerwartete Zustände anzustoßen.

Besonders greifbar wird die Analyse an den konkreten Protokollbereichen: Die Forscher nennen Signaling-Interfaces in LTE-/5G-Core-Netzwerken und untersuchen zwei LTE-Implementierungen (Open5GS und OpenAirInterface) sowie fünf 5G-Implementierungen (Open5GS, free5GC, OpenAirInterface, SD-Core und eUPF). Über zwei Core-Signaling-Protokolle hinweg betrachten sie insbesondere GTP-C und PFCP. Um nicht nur bekannte Schwachstellen zu sammeln, entwickeln sie einen LLM-gestützten Multi-Agenten-Ansatz namens iFinder. Dieser fasst bekannte Flaws zusammen, kategorisiert sie in Detektionsmuster und nutzt sie wiederum als Startpunkt, um neue iTrues in den Implementierungen zu finden. Für die Qualitätssicherung setzen die Autoren anschließend auf eine neuartige „code-specification cross-checking technique“, die Halluzinationen und False Positives reduziert, bevor sie Proof-of-Concept-Exploits generiert, gegen die Core-Software ausführt und iterativ verfeinert.

Die Ergebnisse fallen zahlenmäßig deutlich aus: Beim Lauf des Agenten gegen sieben 4G- und 5G-Open-Source-Core-Implementierungen identifizierten die Forscher 84 zuvor unbekannte Vulnerabilities. Von diesen gelten 83 bereits als bestätigt, und 81 erhielten CVE-Identifier. Die Studie betont zudem, dass sich ein Teil der 5G-iTrues aus 4G-Gegenstücken „inherit“ lässt. Damit wird greifbar, wie Sicherheitsrisiken Generationen überdauern: Wenn Legacy-Logik in modernere Deployments übertragen wird und die Annahmen zum Vertrauensmodell nicht angepasst werden, entstehen neue Lücken genau dort, wo man eigentlich Stabilität erwartet. Ein Beispiel nennt eine Angriffsmöglichkeit über doppelte PDR-IDs (Packet Detection Rule) in PFCP Session Modification Request Messages, die im UPF-Kontext (User Plane Function) zu Session Hijacking führen können – praktisch heißt das, dass die Weiterleitungsregeln so manipuliert werden, dass Pakete nicht mehr zum legitimen Zielpfad laufen.

Wie ein erfolgreicher Angriff in der Praxis aussehen kann, hängt laut Studie von Fähigkeiten ab, die in der Realität nicht automatisch gegeben sind: Der Angreifer muss die IP-Adressen der Core-Komponenten beschaffen können – etwa über öffentliche Dokumentation, passive Enumeration oder aktives Scanning – und anschließend in der Lage sein, PFCP- und GTP-C-Nachrichten einzuspeisen. Das setzt allerdings eine Fehlkonfiguration bzw. eine Durchlässigkeit voraus, die die im Design nicht vorgesehene Erreichbarkeit interner Schnittstellen über das Internet ermöglicht. Die Autoren beschreiben außerdem remote-Angriffe sowie Szenarien mit einem bösartigen User Equipment (UE). In letzterem Fall können präparierte Payloads in den Uplink-Stream gelangen, die dann über Protocol Tunneling und Boundary Bridging so „geschmuggelt“ werden, dass sie beim Empfänger durch die Parserlogik der Core-Funktionen verarbeitet werden.

Auch wenn die Studie den Angriffsablauf sehr konkret beschreibt, bleibt die zentrale Erkenntnis strategisch: Entscheidend ist weniger die Bedienoberfläche als die Semantik- und Ressourcenvalidierung in der Codebasis. Für einen hypothetischen DoS-Angriff gegen Open5GS im LTE-Bereich nennen die Autoren den Versand von GTPv2-C Nachrichten, um Schwachstellen beim Parsen von GTPv2-C Create Session Request auszulösen und dadurch den Serving Gateway Control plane (SGW-C) zum Absturz zu bringen. Für Session Hijacking skizzieren sie eine Abfolge, in der ein Angreifer eine PFCP Association Setup Request an das UPF sendet, die victim-initiierte Attach-Phase die SMF zu PFCP Session Establishment Request an das UPF führt und der Angreifer anschließend über eine PFCP Session Modification Request eine PDR-ID mit niedrigerem Precedence-Wert (höhere Priorität) erneut verwendet und an eine bösartige FAR-Kopplung bindet. Ergebnis: Das UPF akzeptiert die Duplikate, sortiert nach Priorität und wählt die manipulierte Regel zuerst, wodurch der Uplink-Verkehr des Opfers an den Angreifer weitergeleitet wird: „At a high level, this flaw allows an attacker to inject a PFCP Session Modification Request, causing the User Plane Function (UPF) to forward the victim UE’s uplink traffic to the attacker, “ schreiben die Forscher.

Auf der Abhilfeseite nennt die Studie bereits Kompensationen aus der Industrie: Die Session-Hijacking-Schwachstelle wurde den Angaben zufolge in zwei realen kommerziellen 5G-Core-Netzen entdeckt. Ein Hersteller habe den Defekt in XproUPF adressiert (CVE-2026-8233, CVSS 4.6). Bei einem zweiten kommerziellen 5GC-Anbieter – namentlich nicht genannt – sei die Remediation noch nicht abgeschlossen. Genau an dieser Mischung aus bestätigten CVEs, laufenden Patch-Zyklen und der strukturellen Natur der iTrues setzt auch die übergeordnete Bewertung an: „The continually increasing number of vulnerabilities demonstrates that this is not a small collection of isolated implementation bugs, but a broader and ongoing security problem that requires urgent attention from vendors and network operators, “ sagt Ziyu Lin, ein Autor der Studie.


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