KÖLN / BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) geförderte Simulation kommt zu dem Ergebnis, dass eine fairere Bewertung des Yuan das preisbereinigte deutsche BIP bis 2028 um bis zu 0,3 Prozent erhöhen könnte. Laut Studie summiert sich der Effekt über 2026 bis 2028 auf rund 43 Milliarden Euro. Im Kern steht die Annahme, dass ein staatlich gesteuertes Währungsmanagement in China den Yuan künstlich unter Wert setzt. Für Deutschland würde das zugleich die Handelsbilanz mit China spürbar entlasten, allerdings mit kurzfristigen Anpassungswirkungen auf beiden Seiten des Marktes.

Deutsche Unternehmen spüren Zölle und Lieferketten schon heute – doch die IW-Studie rückt eine oft unterschätzte Stellschraube der internationalen Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus: die Wechselkursgestaltung. Wenn der Yuan laut der Untersuchung über Jahre hinweg künstlich niedrig gehalten wird, wirkt das wie ein versteckter Exportvorteil. Für Deutschland bedeutet das, dass die Preisrelationen im Handel mit China dauerhaft verschoben werden und Wachstumspotenziale verloren gehen. Die Studie quantifiziert diesen Mechanismus über eine Simulation bis 2028 und leitet daraus ein wirtschaftliches Chancenfenster ab: Eine fairere Bewertung könnte das preisbereinigte deutsche Bruttoinlandsprodukt spürbar erhöhen.
Technisch-methodisch basiert die Aussage auf einer makroökonomischen Simulation, die den Yuan in einem Szenario um 40 Prozent aufwertet. Der Ansatz knüpft an die ökonomische Logik an, dass Wechselkurse die relativen Preise von Importen und Exporten verändern: Unterbewertung verbilligt Ausfuhren, während Einfuhren relativ teurer werden. In der Studie wird genau diese Preis- und Nachfrageverschiebung als Treiber der Handelsströme modelliert. Daraus leitet das IW ab, dass die deutsche Wirtschaft im Zeitraum 2026 bis 2028 kumuliert bis zu rund 43 Milliarden Euro mehr Output erzielen könnte – als preisbereinigtes Ergebnis einer weniger verzerrten Handelslage.
Der Makromix steht dabei nicht isoliert. Die Untersuchung argumentiert, dass China keinen vollständig freien Wechselkurs zulässt, sondern ein staatlich gesteuertes Währungsmanagement betreibt. Diese Steuerung habe den Effekt, chinesische Exporte im Ausland künstlich attraktiver zu machen und gleichzeitig Importe für China attraktiver zu kalkulieren. Entsprechend seien deutsche Ausfuhren nach China deutlich gesunken, während Einfuhren chinesischer Güter deutlich zugenommen hätten. Als Indikator wird genannt, dass das Handelsbilanzdefizit mit China 2025 auf rund 90 Milliarden Euro gewachsen ist – ein Signal dafür, wie stark Wechselkursverzerrungen reale Geschäftsbeziehungen beeinflussen können.
Marktpolitisch verschiebt die Debatte zudem den Blick auf den Wettbewerb innerhalb der exportorientierten Wertschöpfung. Wenn chinesische Anbieter durch Währungseffekte systematisch günstiger erscheinen, konkurrieren europäische Hersteller nicht nur über Produktqualität und Effizienz, sondern auch über eine scheinbar „eingepreiste“ Kostenstruktur. In dieser Konstellation rücken Vergleichsräume in den Vordergrund: So stehen Deutschland und Europa in einzelnen Industrien gleichzeitig in Konkurrenz zu anderen großen Exportregionen wie den USA oder Japan, deren Preis- und Wechselkursdynamik weniger stark durch harte Eingriffe geprägt ist. Das macht die IW-Argumentation strategisch: Selbst wenn Unternehmen ihre Prozesse optimieren, bleibt der Wettbewerb verzerrt, solange ein Akteur den Marktsignalcharakter des Wechselkurses reduziert.
Der gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Ausgleich auf chinesischer Seite ist dabei Teil der Simulation. Das IW sieht zwar kurzfristige Belastungen: Durch den Rückgang der Exporte würde das chinesische BIP vorübergehend unter Druck geraten. Gleichzeitig beschreibt die Studie eine Gegenbewegung, weil bei teurer werdenden Ausfuhren mehr Waren auf dem heimischen Markt verbleiben. Die dadurch ausgelösten Preisdynamiken können die Binnennachfrage stimulieren, wodurch ein Exportüberschuss nach und nach abnimmt. Bis 2028, so die Projektion, nähere sich Chinas Wirtschaft dem Niveau des Ausgangsszenarios mit unterbewerteter Währung wieder an. Ein solcher Verlauf würde zugleich zeigen, dass Umsteuerung weniger „Nullsummenspiel“ als dynamischer Anpassungsprozess ist.
Als besonders zugespitzt bewertet das IW das Thema „faire Handelsbedingungen“. Außenhandelsexperte Jürgen Matthes formuliert es deutlich: Für den freien Handel sei Chinas Währungsmanagement „Gift“, weil China Waren günstiger verkaufe, als sie unter fairen Bedingungen sein müssten, und so Marktanteile gewinne, die es im Wettbewerb nicht erreichen würde. Solche Aussagen zielen weniger auf eine moralische Wertung als auf Wettbewerbsökonomie. Gleichzeitig sind sie politisch relevant, weil sie die Frage nach Ausgleichsmaßnahmen verschärfen: Wie reagiert Europa, wenn Wechselkurse faktisch als industriepolitisches Instrument wirken? Genau an dieser Stelle treffen Markt, Regulierung und Diplomatie aufeinander.
Für die Zukunft ergeben sich daraus konkrete Implikationen für Unternehmen und Politik. Erstens wird der Bedarf an Währungsrisiko-Strategien in Beschaffung und Vertrieb sichtbar: Wenn Wechselkurse strukturell verzerrt sind, verschiebt sich auch das Risikoprofil von Preisbindungen, Absatzprognosen und Margenplanung. Zweitens stellt sich die Frage nach der Daten- und Bewertungsgrundlage für politische Reaktionslogik: Behörden und Unternehmen müssen transparenter entscheiden können, wann eine Währungsbewegung konjunkturell, wann steuerungsbedingt ist. Drittens ist die historische Dimension relevant: Bereits in früheren Handelskonflikten wurde Wechselkurspolitik als Faktor im Spannungsfeld aus Wettbewerbsfähigkeit und Protektionismus diskutiert, ohne dass es einfache Einmalregeln gab. Eine mögliche Weiterentwicklung in der Praxis könnte daher stärker in Richtung datenbasierter Monitoring- und Ausgleichsmechanismen gehen, die Unternehmen frühzeitig in die Lage versetzen, sich auf neue Preisrealitäten einzustellen.
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