MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die gematik zieht eine positive Bilanz zur digitalen Transformation im Gesundheitswesen und erweitert ePA und eMP in Richtung mehr Automation. Gleichzeitig mahnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dass Patientensteuerung über viele Kassen-Apps ein Sicherheits- und Qualitätsrisiko darstellt. Im Fokus steht die Frage, ob eine einheitliche digitale Ersteinschätzung auf Basis von 116117 die fragmentierte App-Landschaft ersetzen soll. Parallel laufen Pilotprojekte zu eVerordnung und Assistierter Telemedizin in Apotheken.

KBV warnt: Patientensteuerung droht bei bis zu 90 Kassen-Apps zu zerfasern
KBV warnt: Patientensteuerung droht bei bis zu 90 Kassen-Apps zu zerfasern (Foto: IT BOLTWISE)
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Die digitale Gesundheitsversorgung in Deutschland kommt in Bewegung, aber die nächste Entscheidungsstufe hängt weniger an neuen Funktionen als an der Frage, wie Patienten überhaupt gesteuert werden. Während die gematik am 25. Juli 2026 ihre Fortschritte bei der digitalen Transformation herausstellte, wird im gleichen Atemzug sichtbar, dass sich Technik und Betrieb nicht automatisch zu einem konsistenten Nutzer- und Versorgungsprozess verdichten. Der eigentliche Spannungsbogen liegt in der Architektur der Patientensteuerung: Sie soll entweder über eine breite, fragmentierte App-Landschaft laufen oder über einen zentralen, standardisierten Einstiegspunkt, der Entscheidungen und Datenflüsse vereinheitlicht.

Auf der Produkt- und Infrastrukturseite geht es konkret weiter mit der elektronischen Patientenakte (ePA) und dem elektronischen Medikationsplan (eMP). Seit dem 24. Juli 2026 erhält die ePA-App eine Push-Funktion, die Nutzer unmittelbar über neu eingehende Dokumente informiert; der Update-Rollout läuft dabei bereits seit Anfang Juli über die Krankenkassen an. Parallel startete Mitte Juli in ausgewählten Modellregionen der schrittweise Rollout des eMP. Ziel ist laut Gesetzeslage die bessere Arzneimittelsicherheit durch digital verfügbare Medikationsdaten, die im Alltag schneller verfügbar sein sollen als in klassischen Medienbrüchen. Auch der gesetzliche Rahmen des GeDIG-Gesetzes spielt hinein: Die Bundesregierung sieht die ePA als zentrale Plattform vor, unter anderem mit einer Volltextsuche ab 2027 und einem digitalen Impfpass ab Mitte 2027. In der politischen Rechnung sind dadurch jährliche Einsparungen in Höhe von 445 Millionen Euro vorgesehen.

Während ePA und eMP die Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten verbessern, rückt an dieser Stelle ein anderes Risiko in den Vordergrund: Wie werden Patienten dann zur passenden Leistung gelenkt, wenn Steuerungslogik über unterschiedliche Apps verteilt wird? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hält genau diese Fragmentierung für gefährlich. KBV-Chef Andreas Gassen kritisierte am 25. Juli 2026 die Pläne, Patientensteuerung über individuelle Apps der Krankenkassen zu organisieren, und bezeichnete das Vorhaben als absolut disruptiv. Seine zentrale Warnung: Wenn bis zu 90 verschiedene Anwendungen parallel existieren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Prozesse uneinheitlich ablaufen, Nutzer im Zweifel an der falschen Stelle landen und die Qualität der Ersteinschätzung variiert. Für eine Versorgung, die im Akutfall auf klare, nachvollziehbare Entscheidungen angewiesen ist, ist das mehr als ein Komfortthema; es geht um klinische Kohärenz und um einen Betriebsstandard.

Statt auf viele parallele App-Oberflächen setzt die KBV auf eine einheitliche Plattform. Als Anknüpfungspunkt nennt sie die bestehende Struktur der 116117, ergänzt um eine digitale Ersteinschätzung. Gassen fordert zudem eine verbindliche Patientensteuerung, die nicht nur als Option existiert, sondern im Prozess verankert wird. Besonders kontrovers ist dabei die Frage, wie stark die freie Facharztwahl eingeschränkt werden soll: Entweder soll eine Steuerung über Hausärzte erfolgen oder es braucht eine verpflichtende digitale Ersteinschätzung. Für Facharztbesuche ohne vorherigen Termin schlägt die KBV außerdem eine Zuzahlung vor. Technisch betrachtet bedeutet das: Eine zentrale Logik für Erstkontakte kann die Varianz reduzieren, aber sie muss auch so gestaltet sein, dass sie in der Praxis effizient bleibt und nicht durch komplizierte Schritte neue Reibung erzeugt.

Die Digitalisierung endet jedoch nicht bei der Steuerung, sie verändert ebenso die Leistungserbringung in Apotheken und Pflege. In ausgewählten Modellregionen starteten Krankenkassen Mitte Juli eine Ausweitung der eVerordnung: Versicherte sollen Verordnungen für fast alle Hilfsmittel per App erhalten, ausgenommen werden Sehhilfen, Hörhilfen und Pflegehilfsmittel. Die betriebliche Zielsetzung klingt nach klassischem Standardisierungsvorlauf: Man will eine praxistaugliche Vorlage schaffen, die später gesetzlich eingeführt werden kann. Ebenfalls seit dem 1. Juli 2026 bieten Apotheken Assisted Telemedicine (aTM) an, also Video-Sprechstunden und strukturierte Ersteinschätzungen. Für die Vergütung gilt zunächst ein Zeitraum 2026/27 mit 30 Euro, der bis 2029 auf 21,50 Euro sinken soll; abgerechnet wird aktuell noch papierbasiert, während eine Umstellung auf elektronische Verfahren vorgesehen ist. Neben der reinen Digital-UX verschiebt das auch die Anforderungen an Schnittstellen, Authentifizierung und Datenhaltung in Apotheken, wo Prozesse oft eng getaktet sind.

Auch im Pflegesektor entstehen neue Pfade, die ohne Sicherheitskonzept kaum beherrschbar sind. Bereits seit Juli 2025 müssen ambulante Pflegedienste zur Anbindung an die Telematikinfrastruktur verpflichtet werden; ab Dezember 2026 soll die Abrechnung in diesem Bereich ausschließlich digital erfolgen. Die gematik verweist dabei ausdrücklich auf zertifizierte Hardware und eine strikte Zugangsverwaltung, weil die Vernetzung sowohl die Cybersicherheitsanforderungen als auch die Haftung nach DSGVO erhöht. Für Verantwortliche in Unternehmen wird damit klar: Je stärker Datenflüsse standardisiert und digitalisiert werden, desto relevanter werden Risikoanalyse, Logging, Rollen- und Rechtekonzepte sowie die Fähigkeit, Sicherheitsvorfälle schnell zu erkennen und einzudämmen. In einem zweiten Schritt fordert der BVMed Verbesserungen für das Telemonitoring, unter anderem einen eigenständigen Erstattungsweg, weil Telemonitoring bislang primär für Patienten mit Herzinsuffizienz vorgesehen ist. Ergänzend stehen eine Erweiterung des Hilfsmittelverzeichnisses und ein Fast-Track-Verfahren für DiGA auf der Agenda, um telemedizinische Überwachung besser umzusetzen.


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