LONDON (IT BOLTWISE) – Ray Dalio vergleicht den KI-Boom mit Technologie-Euphorie aus den späten 1920er Jahren und sieht das Risiko einer Blase, wenn Anleger Fortschritt und zu teuer bezahlte Aktien nicht trennen. Die Bank of England verweist derweil auf historisch hohe Bewertungen im S&P 500 und auf deutlich gewachsene Risiken durch KI-nahe Titel. Im Hintergrund treiben Hyperscaler den Ausbau ihrer Rechenzentren mit massiven Budgets voran, in denen NVIDIA als zentraler Zulieferer und Unterstützer der Investitionswelle auftaucht. Entscheidend wird, ob die geplanten Investitionssummen in der kommenden Berichtssaison Bestand haben.

Ray Dalio stellt die KI-Rally im Kern als Bewertungsfrage dar. Der Bridgewater-Gründer argumentiert, dass ein Technologiesprung zwar echte Produktivität schaffen kann, dass Anleger aber dennoch in eine Falle laufen, wenn Aktienpreise den Fortschritt bereits zu früh und zu aggressiv einpreisen. Genau dieses Muster habe er in früheren Technologiewellen wiedererkannt – von der Eisenbahn bis zur Industriellen Revolution. Der zentrale Punkt ist dabei nicht, ob KI funktioniert, sondern ob die Kapitalmärkte für die erwarteten Gewinne bereits den „richtigen“ Preis gefunden haben.
Als historisches Spiegelbild nennt Dalio die späten 1920er Jahre. Damals veränderten Stromnetze, Kühltechnik, Telefone, Radio, Flugzeuge und Autos den Alltag in vergleichsweise kurzer Zeit; Anleger suchten in großer Zahl nach Teilhabe an dieser Modernisierung. Die spätere Weltwirtschaftskrise zeigt aus seiner Sicht, wie schnell sich die Narrative drehen können: Wenn Investitionen auf Kredit basieren oder Renditeannahmen unrealistisch hoch sind, kann aus dem Fortschritt eine Überbewertung werden. Dalios Warnung zielt daher auf die Unterscheidung zwischen technologischer Entwicklung und dem finanziellen Risiko, das entsteht, sobald die Kursentwicklung nicht mehr durch belastbare Fundamentaldaten gedeckt ist.
In der Gegenwart, so Dalios Lesart, verschiebt sich die Dynamik besonders stark zu den großen Plattform- und Chip-Akteuren. Konkret wird die Investitionswelle durch den massiven Ausbau von Rechenzentren vorangetrieben: Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta Platforms bauen ihre Infrastruktur im Rekordtempo aus. Aus den Angaben von Torsten Slok, Chefvolkswirt bei Apollo Global Management, geht hervor, dass die US-Hyperscaler binnen zwölf Monaten Investitionen in Höhe von 916 Milliarden US-Dollar stemmen könnten; bis 2027 würden die Rechenzentrums-Ausgaben dadurch auf etwa 3,1 Prozent der US-Wirtschaftsleistung steigen. Damit liegt der Aufwand laut der Einordnung fast dreimal so hoch wie am Höhepunkt des Telekom-Ausbaus in der Dotcom-Ära.
Gerade an diesem Punkt wird verständlich, warum NVIDIA in der Debatte so auffällig auftaucht. Der Chipkonzern übernimmt laut der Darstellung zunehmend eine Schlüsselrolle als „Käufer letzter Instanz“ – also als zentraler Abnehmer, der die Hardware- und Systemnachfrage für Rechenzentren beschleunigt und damit den Aufbau bei Kunden mitfinanziert. Technisch betrachtet wirkt das wie ein Verstärker: Wenn Trainings- und Inferenzlasten steigen, müssen nicht nur Cloud-Kapazitäten entstehen, sondern auch die Lieferketten für Beschleuniger, Netzwerke und Speicher für die Cluster-Scale-Aufbauten. Wirtschaftlich bedeutet das, dass ein großer Teil der Investitionsspirale sichtbar in Hardwareumsätzen und Lieferkettenprozessen landet – was die Kursfantasie für Chip- und Infrastrukturtitel gleichzeitig befeuert.
Die Bewertungssorge wird zusätzlich durch die Bank of England unterfüttert. In ihrem Finanzstabilitätsbericht nennt sie historisch hohe Bewertungsniveaus, verbunden mit wachsenden Risiken: Die um Konjunkturzyklen bereinigte Gewinnrendite des S&P 500 nähere sich Ständen an, die zuletzt während der Dotcom-Blase zu beobachten gewesen seien. Dabei fällt die Kennzahl laut Bericht auf den niedrigsten Stand seit 2007, selbst wenn die 30 größten KI-Werte nicht berücksichtigt werden. Zudem sei der Anteil KI-naher Unternehmen an der Marktkapitalisierung des Index von rund einem Viertel im Jahr 2022 auf inzwischen etwa die Hälfte gestiegen, während gehebelte Positionen von Hedgefonds innerhalb eines Jahres um etwa 40 Prozent zulegten.
Wichtig ist aber der Unterschied zwischen „Blase“ und „sofortigem Crash“. Dalio wurde bereits im vergangenen November im US-Fernsehen mit der Aussage konfrontiert, dass der Markt „definitiv“ in einer Blase sei; gleichzeitig empfahl er laut der damaligen Berichterstattung, nicht zwangsläufig sofort zu verkaufen. Der Grund: Historische Blasen – etwa in den 1920er Jahren oder in der Dotcom-Phase – konnten sich über Jahre ausdehnen, bevor sie tatsächlich platzten. Für Anleger heißt das in der Praxis weniger ein pauschales Exit-Signal als vielmehr ein schärferes Monitoring einzelner Bewertungsniveaus, beispielsweise anhand von Erwartungen an Umsatzwachstum, Margenpfade und der Glaubwürdigkeit der Kapazitäts- und Nachfrageannahmen.
Als nächster Belastungstest zeichnet sich insbesondere die Berichtssaison der Hyperscaler ab. Wenn die Konzerne ihre geplanten Investitionssummen bestätigen, bleibt die „Kapitalspirale“ zunächst intakt: Investitionen treiben Nachfrage nach Rechenleistung, Rechenleistung stützt die KI-Workloads, und die Workloads rechtfertigen wiederum weitere Investitionen. Umgekehrt würde ein Kürzen der Prognosen die Debatte um Dalios Warnung vermutlich sofort neu befeuern, weil dann die Annahmen zur Nachfrageentwicklung und zur Timing-Kohärenz zwischen Capex und monetarisierbaren Erträgen unter Druck geraten. Genau darauf müssen Unternehmen und Investoren im laufenden Jahr achten, denn in einer Phase hoher Erwartungen reicht oft schon eine einzige Komponente – Wachstumstempo, Auslastung oder Kostenentwicklung – aus, um die Bewertungslogik neu zu justieren.
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