BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Spitzen-Hackerin aus der Pwn2Own-Szene warnt, dass leistungsfähige KI-Modelle wie Mythos den Wettbewerb zwischen menschlichen Bug-Jägern und automatisierten Angriffsmethoden stark verschieben könnten. Zwar helfen KI-gestützte Assistenztools bereits beim schnelleren Testen und bei der Recherche, doch die Aussicht auf deutlich weniger „low-hanging fruit“ macht eine ganze Generation von Einzelfindern vorsichtiger. Gleichzeitig betont die Community, dass Verteidiger nur dann profitieren, wenn solche Systeme verantwortungsvoll und mit Priorität für Forschungseinrichtungen bereitgestellt werden.

KI-Bugjäger unter Druck: Ethical Hacker warnt vor Tools wie Mythos
KI-Bugjäger unter Druck: Ethical Hacker warnt vor Tools wie Mythos (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf dem Weg durch die Werkstätten des digitalen Sicherheitswettbewerbs wird eine Beobachtung zunehmend lauter: KI-gestützte Werkzeuge verändern nicht nur die Geschwindigkeit von Analysen, sondern verschieben auch den Charakter dessen, was überhaupt noch „findbar“ ist. Die in der Szene als Chompie bekannte Valentina Palmiotti, die bei Pwn2Own in Berlin als erfolgreichste Einzelperson abgeräumt hat, beschreibt diese Entwicklung als persönlichen Einschnitt. Sie gewinnt aktuell noch mit Hilfe von KI-Assistenz, fürchtet aber, dass künftig selbst Top-Talente in der Suche nach Schwachstellen gegen Systeme antreten müssen, die automatisiert ganze Softwarelandschaften systematisch abarbeiten.

Technisch lässt sich der Wandel gut erklären: Moderne generative KI-Systeme werden nicht nur als Chatbots genutzt, sondern als Workflows, die von der Hypothesenbildung über die Code- und Testunterstützung bis hin zur Fehleranalyse reichen. In der Praxis bedeutet das, dass Modelle ähnlich wie „Compiler für Gedanken“ fungieren können: Sie erzeugen Vorschläge, beschleunigen das Reproduzieren von Zuständen und helfen, aus umfangreichen Log- und Codekontexten schnell wahrscheinlichere Angriffsflächen abzuleiten. Genau diese Beschleunigung ist der Punkt, an dem ein Wettbewerb wie Pwn2Own seine Wurzeln berührt—denn die Zeit bis zur verwertbaren Findings sinkt massiv, während die Hürden für neue, seltene Schwachstellen steigen.

Die besondere Brisanz entsteht, weil Hersteller die Fähigkeiten ihrer Modelle unterschiedlich einordnen und gleichzeitig Sicherheitsauflagen formulieren. Anthropic, der Anbieter hinter dem KI-System Claude Mythos, verweist darauf, dass das Modell in umfangreichen Programmen Tausende potenzieller Schwachstellen identifiziert habe. In der Darstellung werden diese Ergebnisse als so potenziell riskant bewertet, dass das System vorerst nur einem ausgewählten Kreis—etwa staatlichen Stellen und Cyber-Sicherheitsinstitutionen—zugänglich gemacht werden soll. Das ist ein zentraler Unterschied zu klassischer Sicherheits-Tooling-Ware: Während klassische Scanner öffentlich verfügbar sind, zielen manche KI-Systeme direkt auf die Automatisierung von „Finding-to-Exploitation“-Teilenkette.

Für den Wettbewerb selbst ist die Skalierung entscheidend. Pwn2Own ist Teil des Zero Day Initiative-Ökosystems und setzt auf menschliche „ethical hackers“, die gezielt Schwachstellen in bestimmten Produkten demonstrieren. In diesem Spannungsfeld berichtet Chompie von einem typischen Arbeitsszenario: Am ersten Tag gelingt das erfolgreiche Eindringen in ein mit NVIDIA verknüpftes System—danach folgt der sogenannte „zombie hacker mode“, eine Phase intensiver Forschung und Tests bis in den frühen Morgen. Auch das ist eine Form der Optimierung: Wo früher Stunden für manuelle Hypothesenprüfung nötig waren, kann KI im Hintergrund helfen, Testpfade schneller zu generieren und die Wahrscheinlichkeit für eine verwertbare Demonstration zu erhöhen.

Markt- und Wettbewerbsseitig wirkt das wie eine neue Runde im Wettrüsten, nur verschoben von „Exploit-Know-how“ hin zu „Workflow-Engineering“. Neben Claude Mythos werden auch andere Systeme in derselben Kategorie diskutiert, etwa „GPT 5.5 Cyber“, die in der Szene als nächste Stufe der Automatisierung gesehen wird. Chompie prognostiziert, dass sich der Anteil leichter Auffindbares reduziert und nur noch die Besten echten Vorsprung erzeugen. Gleichzeitig nennt Orange Tsai, ebenfalls ein prominenter Gewinner aus Berlin, eine differenziertere Perspektive: Für ihn ist KI weniger ein Gegner als ein Assistenzsystem, das freie Kapazitäten schafft, damit Forschungsideen schneller in überprüfbare Tests übergehen—ohne dass Menschen den Schlaf komplett abschaffen müssen.

Gerade diese Gegenüberstellung zeigt, warum das Thema nicht nur „Offense vs. Defense“ ist, sondern auch Ressourcen- und Prozessfragen. Wenn KI die Barriere für erste Ergebnisse senkt, verschiebt sich die Differenzierung von „Wer hat das beste Exploit-Mentalmodell?“ zu „Wer gestaltet den besten Analyse- und Verifikationsprozess?“. Das betrifft nicht nur Wettkämpfe, sondern auch Enterprise-Teams, die Schwachstellenmanagement, Threat Modeling und Secure Development Lifecycle betreiben. Unternehmen profitieren, wenn KI in der Verifikationsschicht sauber eingebunden wird—z. B. über reproduzierbare Testcases, kontrollierte Umgebungen und konsequente Protokollierung—damit nicht jede „klingt plausibel“-Ausgabe automatisch zur Sicherheitsentscheidung wird.

Die historische Linie reicht dabei weiter als die aktuelle Schlagzeile: Schon seit Jahren versuchen Automatisierungssysteme, Schwachstellen zuverlässiger zu identifizieren—von statischer Analyse über Fuzzing bis zu regelbasierten „Vulnerability Scorern“. Der Unterschied heutiger KI-Werkzeuge liegt weniger im Grundgedanken der Automatisierung, sondern in der Breite des Kontexts und in der Fähigkeit, aus unstrukturierten Artefakten handlungsfähige Schritte zu erzeugen. Das erhöht die Angriffsfläche für Missbrauch und zugleich die Chance auf systematischere Abwehr, allerdings nur, wenn die Einsatzbedingungen klar geregelt sind. Genau hier verortet Chompie den Knackpunkt: Verteidiger sollen früh Zugang zu leistungsfähiger KI erhalten, um Lücken zu schließen, bevor Kriminelle die gleichen Hebel adaptieren.

Was bedeutet das aber für die „bad guys“? Die offensichtliche Sorge: Wenn es schwerer wird, neue Bugs zu entdecken, dann könnte die kriminelle Seite KI nutzen, um schneller in bekannten Pfaden zu skalieren oder sogar neue Angriffsrouten zu generieren. In der Praxis bleibt jedoch vieles von Cyber-Kriminalität auf etablierten, relativ einfachen Techniken aufgebaut—Phishing und Social Engineering etwa, die über gefälschte E-Mails oder Links Zugriff verschaffen. Dennoch kann KI den „Speed Layer“ erhöhen: Sie verbessert Textgenerierung, Lures, Recon-Phasen und macht Teile der Kampagnenanpassung automatisierbarer. Das heißt, die Offensive muss nicht sofort „neue Exploits erfinden“, um trotzdem wirkungsvoller zu werden.

Aus Unternehmenssicht hängt die nächste Phase an zwei Faktoren: verantwortungsvolle Freigabe und belastbare Sicherheitsprozesse. Wenn leistungsfähige Modelle wie Mythos nur selektiv verfügbar sind, dann ist das aus Sicht der Anbieter vor allem eine Schadensbegrenzung; aus Sicht von Verteidigern heißt es aber, dass die Abwehr erst dann maximal profitiert, wenn passende Institutionen frühzeitig Zugriff bekommen. Ergänzend braucht es Datenschutz- und Compliance-Design: Ergebnisse dürfen nicht unkontrolliert in proprietäre Trainingsdaten zurückfließen, sensible Logs müssen geschützt bleiben und die Nutzung muss nachvollziehbar sein. Chompie fasst diese Logik zusammen, indem sie betont, dass der Vorteil für die guten Akteure nur dann real wird, wenn sie die stärksten Werkzeuge zuerst erhalten.


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