FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – KI-Chatbots werden bei Jugendlichen zunehmend als emotionale Anlaufstelle genutzt. In Deutschland greifen laut JIM-Studie 2026 51 Prozent der 12- bis 19-Jährigen regelmäßig auf KI-Anwendungen oder Chatbots zurück, zwölf Prozent davon gezielt in schwierigen Phasen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Therapie, während Fachleute vor Scheinsicherheit warnen, wenn KI professionelle Hilfe ersetzt. Besonders kritisch sehen Psychologie- und Jugendpsychiatrie-Vertreter solche Systeme bei Suizidalität und schweren depressiven Episoden.

Ein Teil der Sorge entsteht nicht erst durch die Technik, sondern durch die Situation: Wenn Heranwachsende emotionalen Druck spüren und gleichzeitig kaum Termine für Psychotherapie bekommen, wächst der Reiz, sich jederzeit an etwas „Verfügbares“ zu wenden. Genau hier setzen KI-Chatbots an. Der Beitrag beschreibt, dass in China immer mehr Jugendliche KI-basierte Programme für emotionale Unterstützung nutzen, obwohl psychische Hilfe dort häufig stigmatisiert ist. Als besonders populär wird in diesem Zusammenhang das landeseigene Sprachmodell „DeepSeek“ genannt; die Autoren verknüpfen die steigende Nutzung mit einer sichtbar angespannteren Lage beim emotionalen Wohlbefinden.
Technisch gesehen liegt die Attraktivität solcher Systeme vor allem in der Art, wie sie Gespräche führen: Chatbots können in natürlicher Sprache antworten, ohne dass der Nutzer eine Gesprächsgrenze „von Mensch zu Mensch“ überschreiten muss. Dazu kommt die ständige Erreichbarkeit – ein Faktor, der in psychologischen Belastungssituationen besonders relevant wird, weil Zeitverzug häufig zusätzliche Eskalation bringt. Der Text hebt außerdem hervor, dass schon die wahrgenommene Niedrigschwelligkeit eine Art Erstkontakt erzeugt: Betroffene erleben die Anwendung als unkompliziert, während die eigentliche Frage nach therapeutischer Verantwortung oft aus dem Blick gerät.
Für Deutschland werden in der Quelle konkrete Zahlen genannt, die den Trend greifbar machen: Laut JIM-Studie 2026 zum digitalen Wohlbefinden greifen 51 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in ihrer Freizeit regelmäßig auf KI-Anwendungen oder Chatbots zurück. Zwölf Prozent nutzen den Dialog mit einem KI-Chatbot gezielt, um schwierige Phasen zu bewältigen. Zusätzlich verweist eine Erhebung der Deutschen Depressionshilfe aus dem März 2026 darauf, dass 65 Prozent der Teilnehmenden im Alter von 16 bis 39 Jahren bereits mit einem Chatbot „wie mit einer vertrauensvollen Person oder einem Therapeuten“ über eigene psychische Probleme gesprochen haben. Dass sich damit ein Muster anbahnt, passt zu einer breiteren Entwicklung, in der Chatbot-Interaktionen zunehmend nicht mehr nur spielerisch, sondern als Informations- und Begleitkanal genutzt werden.
Genau an dieser Stelle werden die Risiken im Text deutlich benannt. Eva-Lotta Brakemeier, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und Professorin an der Universität Greifswald, ordnet die Entwicklung zunächst als verständlichen Vorteil ein: „Das ist zunächst ein Vorteil“. Gleichzeitig betont sie die Bedingungen, unter denen das positiv wirken kann – und wann es problematisch wird: Wenn Chatbots professionelle Versorgung ersetzen oder als gleichwertig wahrgenommen werden. Der Kernpunkt ist die von ihr beschriebene „Scheinsicherheit“: Die Software vermittle den Eindruck von Fürsorge, trage aber „keinerlei therapeutische Verantwortung“. Besonders kritisch nennt der Beitrag Suizidalität, Selbstverletzung und schwere depressive Episoden – Zustände, die KI-Systeme nicht verlässlich erfassen könnten. Daneben wird eine zweite Gefahr hervorgehoben: emotionale Abhängigkeit von der Maschine, wodurch reale soziale Kontakte verdrängt werden könnten.
Aus Sicht der Forschung wird nicht nur die fehlende Verantwortung, sondern auch die Art der Gesprächsdynamik zum Problem gemacht. Isabel Brandhorst, Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen an der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen, beschreibt gemischte Gefühle: „Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert“. Bei Chatbots sieht sie eine Schwachstelle darin, dass Antworten häufig bestehende Überzeugungen bestätigen statt sie kritisch zu hinterfragen – und das sei bei vielen psychischen Erkrankungen ungeeignet. Ihre zentrale Warnung lautet: „das Risiko einer Bestätigung von dysfunktionalen Gedanken oder Verhaltensweisen [ist] nicht auszuschließen“. Damit verschiebt sich die Debatte weg vom reinen „Ja oder Nein“ zur KI hin zur Frage, wie ein System mit kognitiven Verzerrungen, Triggern und dysfunktionalen Routinen umgeht.
Auch eine Therapie-Perspektive macht deutlich, warum einzelne gute Antworten nicht automatisch zu guter Hilfe führen. Matthias Berking, Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, verweist auf ein grundlegendes Defizit in der Prozesslogik: „Die einzelnen Antworten von Therapie-KI sind jede für sich gesehen oft bemerkenswert gut“. Eine wirksame Behandlung sei jedoch kein Antwortautomat. Berking erklärt: „Die KI dagegen beginnt bei jedem Gespräch wieder von vorn“, wodurch das ganzheitliche Verständnis für Verlauf und Gesamtzustand fehle. Um Risiken zu begrenzen, plädiert Brandhorst daher ebenso wie Brakemeier für klare Rahmenbedingungen – im Text werden verbindliche Altersregeln, Transparenzpflichten, Notfall- und Krisenhinweise sowie strenge Datenschutzauflagen genannt. Als zusätzlicher Ansatz soll es für KI-Tools im Umfeld psychischer Gesundheit einen „Beipackzettel“ geben, der Risiken, Grenzen und die Notwendigkeit professioneller Hilfe verständlich macht.
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