MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Kriminalpolizei München warnt vor einem professioneller werdenden Arzneimittel-Betrug im Gesundheitswesen. Täter nutzen gefälschte Rezepte und legitimieren sich zunehmend mit Versichertenkarten, deren Merkmale per KI generiert wurden. Betroffen sind besonders hochpreisige Präparate, darunter Livmarli mit einem Preis von 27.268,28 Euro pro 30ml-Flasche. Für 2024 und 2025 beziffert die Behörde den bundesweiten Schaden auf 10,5 Mio. Euro.

Die Kriminalpolizei München sieht im Gesundheitswesen eine Betrugsmasche wachsen, die auf den ersten Blick wie ein klassisches Fälschungsdelikt wirkt, technisch aber deutlich anspruchsvoller ist. Im Kern geht es um organisierte Banden, die mit gefälschten Rezepten hochpreisige Arzneimittel aus Apotheken beziehen. Dabei entsteht nicht nur ein finanzieller Schaden für die Krankenkassen, sondern auch ein zusätzlicher Druck auf den Abgabeprozess vor Ort, weil die Fälscher ihre Vorgehensweise Schritt für Schritt anpassen. Auffällig ist vor allem, dass die Täter für die Legitimation inzwischen stärker auf digital generierte Dokumentenmerkmale setzen.
In den Ermittlungen steht eine Neuerung im Modus Operandi: Zur Legitimation in Apotheken werden vermehrt Versichertenkarten eingesetzt, deren Merkmale mit Künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurden. Diese tendenziell täuschend echten Imitationen sollen es ermöglichen, Rezepte für Medikamente einzulösen, deren Preise im regulären Handel schnell in sehr hohe Bereiche reichen. Technisch bedeutet das: Es reicht längst nicht mehr, eine Karte grob zu imitieren. Stattdessen zielen die Täter darauf, visuelle oder datennahe Eigenschaften so zu gestalten, dass sie beim schnellen Plausibilitätscheck im Tagesgeschäft bestehen können. Genau dieser Spalt zwischen „stichprobenartiger Kontrolle“ und „KI-gestützter Fälschungsqualität“ wird zum Risiko.
Als besonders begehrte Beute nennt die Kripo München unter anderem das Medikament Livmarli. Mit 27.268,28 Euro pro 30ml-Flasche gehört es zu den teuersten Arzneimitteln auf dem Markt, und genau solche Produkte lohnen sich für Betrugsnetze besonders stark. Neben Spezialtherapien werden auch Präparate wie Ozempic sowie verschiedene Krebsmittel genannt. Laut polizeilichen Erkenntnissen erfolgen Bestellungen teilweise aus Russland, während die logistische Abwicklung vor Ort häufig von Personen übernommen wird, die aus Moldau und der Ukraine stammen. Für Betrugsnetzwerke ist diese Aufgabenteilung typisch: Beschaffung, Legitimationsauftritt in der Apotheke und Abholung der Ware folgen getrennten Rollen, sodass Fehler in einem Teil weniger automatisch das Gesamtsystem enttarnen.
Die Dimensionen des Schadens machen die Bedrohung greifbar. Nach Angaben der Kripo München wurden deutschlandweit bereits rund 650 Mitglieder der betreffenden Bande identifiziert, und allein im Raum München ordnet die Polizei etwa 70 Personen direkt den Taten zu. Für den Zeitraum der Jahre 2024 und 2025 beziffert die Behörde den deutschlandweiten Schaden durch diese spezifische Betrugsmasche auf 10,5 Mio. Euro. Solche Summen entstehen nicht nur durch einzelne Einlösungen, sondern auch dadurch, dass sich die Masche wiederholen lässt, sobald ein Muster in Apotheken bekannt wird und Kontrollabläufe nur punktuell nachjustiert werden. Für das Gesundheitssystem erhöht sich damit die Wahrscheinlichkeit, dass Ressourcen für Rückfragen, Korrekturen und Nachermittlungen gebunden werden.
Dass die Ermittlungsbehörden den Druck auf die Netzwerke erhöhen, zeigen konkrete Fahndungserfolge. Im Juli 2026 gelang der Polizei in München die Festnahme von zwei jungen Männern im Alter von 18 und 19 Jahren, die ukrainische Staatsangehörige sind und ihren Wohnsitz in Brandenburg hatten. Die beiden wurden in einer Münchner Apotheke gestellt, als sie versuchten, Medikamente mit gefälschten Rezepten zu erlangen; die Beute im Einzelfall soll einen Wert von über 150.000 Euro gehabt haben. Gegen beide Personen wurden Haftbefehle erlassen. Für Apotheken ist das ein Signal, dass die Ermittlungsarbeit nicht bei der Dokumentenprüfung stehen bleibt, sondern die gesamte Liefer- und Einlöseprozedur bis in den Abholmoment hinein nachverfolgt.
Aus Sicht der Prävention liegt der Fokus der Kripo München auf dem Abgabeprozess in der Apotheke. Als zentrale Maßnahme empfiehlt sie, bei der Abgabe hochpreisiger Medikamente konsequent auf der Vorlage der physischen Versichertenkarte zu bestehen und diese sorgfältig zu prüfen. Diese Empfehlung zielt genau auf den Punkt, an dem KI-generierte Imitationen die Prozesse bisher am ehesten „durchrutschen“ können: Wenn Kontrollen zu schnell werden oder wenn die physische Prüfung durch vereinheitlichte Routine abgekürzt wird. Gerade weil die Polizei betont, dass immer mehr Organisationen ins Visier technisch versierter Täter geraten, wird proaktive Absicherung zur betriebswirtschaftlichen Pflicht, nicht zur reinen Compliance-Übung.
Neben Prozessregeln setzt die Polizei auch auf Sensibilisierung für die technischen Möglichkeiten der Fälscher. Entscheidend sei dabei, dass das Personal die Logik hinter KI-generierten Dokumenten versteht und typische Anomalien nicht nur „nach Bauchgefühl“, sondern nach klaren Prüfpunkten bewertet. Daneben spielt die länderübergreifende Zusammenarbeit eine Rolle, um die Hintermänner weit verzweigter Strukturen zu schwächen, die über nationale Grenzen hinweg agieren. Für Unternehmen im Gesundheitsumfeld heißt das im Ergebnis: IT-Sicherheit und Abgabe-Sicherheit greifen ineinander. Wo Dokumente, Rollenaufteilung und organisatorische Routine zusammenkommen, entsteht eine Angriffsfläche, die sich nicht allein durch das „richtige Dokument“ schließen lässt, sondern durch einen belastbaren, geübten Prüfprozess.
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