LONDON (IT BOLTWISE) – In den Federal Courts häufen sich Klagen von nicht anwaltlich vertretenen Parteien deutlich schneller als im Vorjahr. Berichte sprechen von einem Anstieg „mehr als einer Verdopplung“ bei Workplace-claims, während auch General protections in der Federal Circuit Court die stärkste jährliche Zunahme verzeichnen. Auslöser soll sein, dass Künstliche Intelligenz die Erstellung von Schriftsätzen für Mitarbeitende beschleunigt und damit das Arbeitsvolumen für Richterinnen und Richter spürbar erhöht. Offen bleibt, wie Gerichte künftig die Qualität von KI-erzeugten Eingaben prüfen, ohne den Zugang zu Rechtsmitteln auszubremsen.

KI-gestützte Klagen: Gerichte sehen eine Flut an „AI Slop“-Vorwürfen
KI-gestützte Klagen: Gerichte sehen eine Flut an „AI Slop“-Vorwürfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Arbeitswelt verändert sich nicht nur durch Automatisierung und neue Assistenzsysteme, sondern auch durch die Art, wie Rechtsstreitigkeiten vorbereitet werden. In den Federal Courts soll eine deutliche Zunahme von Klagen zu beobachten sein, die von sogenannten self-represented litigants, also ohne anwaltliche Vertretung, eingereicht werden. Wie aus der Berichterstattung hervorgeht, sind die Workplace-claims in der Federal Court-Ebene im Verlauf des vergangenen Jahres „mehr als“ auf das Doppelte gestiegen. Der zentrale Treiber wird dabei nicht in neuen Gesetzen gesehen, sondern in der Art, wie KI-Tools Mitarbeitende beim Erstellen von Schriftverkehr unterstützen: Je schneller und kostengünstiger Eingaben entstehen, desto stärker verschiebt sich das Volumen weg von „klassisch“ juristisch vorbereiteten Fällen und hin zu einer Masse an neuen Verfahren.

Technisch betrachtet spielt dabei weniger die juristische Substanz als die Produktionsgeschwindigkeit von Text eine Rolle. Moderne KI-Systeme können aus kurzen Stichpunkten konsistente Schriftsätze, Beschwerdeentwürfe und formale Begründungen generieren. Für nicht vertretene Kläger bedeutet das: Ein Einstieg in das Verfassen einer Klage oder eines Antrags wird niedrigschwelliger, und viele Schritte, die früher Recherche und rechtliche Formulierungsarbeit erforderten, lassen sich zumindest teilweise „vorschreiben“. Genau diese Dynamik führt jedoch zu einem Qualitätsproblem, das in der Berichterstattung als „AI slop“ beschrieben wird – also Texte, die zwar sprachlich nach juristischem Stil aussehen, aber in der Substanz nicht immer sauber belegt, präzise oder widerspruchsfrei sind. Für Gerichte ist das relevant, weil Richterinnen und Richter ihre Zeit nicht nur in die juristische Prüfung stecken, sondern auch in das Durchdringen der Eingaben, das Sortieren von Argumenten und das Identifizieren von tatsächlichen Streitpunkten.

In den Kategorien zeigt sich der Effekt offenbar besonders deutlich bei Workplace-Fällen. Laut der Darstellung haben die claims, die in den Federal Courts unter Workplace fallen, im Vergleich zum Vorjahr deutlich stärker zugelegt als durchschnittliche Verfahrenseingänge. Auch in der Federal Circuit Court wird ein klarer Trend genannt: General protections claims, darunter Fälle wegen unlawful dismissal, verzeichnen dort die steilste jährliche Zunahme. Der gemeinsame Nenner ist wiederum die Beschleunigung durch KI-unterstützte Selbstvertretung. Wenn mehr Menschen ähnliche Workflows nutzen – Entwurf generieren, anpassen, einreichen – steigt die Zahl der eingehenden Dokumente. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass jeder einzelne Text schon vor der gerichtlichen Prüfung die nötige Stringenz hat, um die Sache effizient auf die rechtlich relevanten Punkte zu bringen.

Für die Praxis bedeutet das eine Verschiebung der richterlichen Arbeit hin zu mehr „Text- und Relevanzmanagement“. Während in klassischen Fällen das Gericht häufig auf bereits juristisch strukturierte Schriftsätze trifft, müssen bei einer Flut an KI-erzeugten oder zumindest KI-gestalteten Texten vermehrt Fragen geklärt werden, die eigentlich nachgelagert sind: Welche Tatsachen werden konkret behauptet? Welche Beweismittel werden wirklich angeboten? Wo liegen Widersprüche zwischen einzelnen Abschnitten? Und wie trennt man den Kern des Begehrens von sprachlichen oder formalen Überhängen? Gerade weil die Eingaben in diesen Verfahren von Personen ohne anwaltliche Unterstützung stammen, kann der Aufwand am Anfang besonders hoch sein. Dass die Berichte von einem „major headache for judges“ sprechen, ist dabei weniger eine Stimmungslage als eine Beschreibung einer zusätzlichen Kostenstelle im Prozess: Nicht nur das Urteil, sondern schon die Vorprüfung verschlingt mehr Zeit.

Historisch war der Rechtszugang schon immer ein Spannungsfeld zwischen Breite und Effizienz. In vielen Rechtssystemen haben Gerichte deshalb schon früher Regeln entwickelt, um mit selbst verfassten Eingaben umzugehen: etwa durch formale Leitplanken, Hinweise im Prozessverlauf oder die Verpflichtung, bestimmte Mindestangaben zu machen. Der neue Faktor besteht darin, dass KI-Tools die Hürde zwischen „ich habe eine Beschwerde“ und „ich reiche einen vollständigen Text ein“ drastisch senken. Das kann die demokratische Zugänglichkeit erhöhen, gleichzeitig aber den Anteil ungenauer oder schlecht strukturierter Dokumente steigern. Der Knackpunkt für die nächsten Monate dürfte daher weniger „KI abschalten“ sein als ein besseres Zusammenspiel zwischen Parteienautonomie und gerichtlicher Verfahrenssteuerung, damit aus der Flut nicht automatisch eine längere Durchlaufzeit wird.

Unternehmen, die mit solchen Workplace-claims konfrontiert werden, stehen zusätzlich vor einem operativen Problem: Wenn Schriftsätze mehr werden, steigt auch der Bedarf, schneller rechtlich zu reagieren – selbst dann, wenn die Eingaben inhaltlich schwach sind. In der Praxis betrifft das vor allem das Vorfeld der eigentlichen Streitfrage, etwa das Prüfen, ob die Klage überhaupt hinreichend konkret ist, welche Tatsachenbehauptungen angegriffen werden müssen und wo sich der Streitpunkt verlässlich eingrenzen lässt. Für Prozessabteilungen heißt das: Es braucht skalierbare Arbeitsabläufe, um Eingaben schnell zu klassifizieren, Risiken zu priorisieren und die Kommunikation mit dem Gericht effizient zu strukturieren. Gleichzeitig dürfen Unternehmen nicht automatisch davon ausgehen, dass „KI-Text“ gleich „geringe Relevanz“ bedeutet; Sprachstil ist kein Beweis, und auch schlecht formulierte Eingaben können substantielle Ansprüche enthalten.

Aus Branchen- und Zukunftsperspektive ist damit ein Thema gesetzt, das auch außerhalb der Gerichte in den Fokus rückt: KI-gestützte Selbstvertretung verändert die Input-Seite des Justizsystems. Wenn mehr Menschen die KI-Assistenz nutzen, werden Gerichte wahrscheinlich stärker in Richtung Prozess-Design gehen müssen – etwa durch deutlichere Anforderungen an die Tatsachenbasis, durch standardisierte Formate für bestimmte Beschwerdearten oder durch geschärfte Prüfmechanismen zur Relevanz von Argumenten. Für Rechtsdienstleister entsteht zudem eine neue Nische: Nicht jede Partei braucht sofort eine komplette anwaltliche Übernahme, aber viele brauchen Hilfe beim „Übersetzen“ der eigenen Situation in gerichtstaugliche Behauptungen. Genau hier entsteht ein Markt für Qualitätssicherung, der weit über reines Textgenerieren hinausgeht.

Gleichzeitig bleibt eine offene Frage: Wie balancieren Gerichte den erhöhten Zulauf an Eingaben mit dem Ziel, Verfahren fair und zügig zu bearbeiten? Der Bericht liefert vor allem die Schlagrichtung – mehr Eingaben, unterstützt durch KI, führen zu zusätzlicher Belastung im richterlichen Alltag. Wie genau die Systeme in den nächsten Schritten reagieren, ist noch nicht entschieden. Klar ist aber: Sobald KI das Einreichen von Klagen massiv beschleunigt, wird die Justiz nicht nur mit neuen Fallzahlen konfrontiert, sondern mit neuen Mustern in der Darstellung von Sachverhalten. Darauf müssen sowohl Verfahrensregeln als auch die praktische Prozessarbeit reagieren, sonst droht sich die „AI slop“-Problematik auf die gesamte Bearbeitungsdauer auszuwirken.


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