MAINZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Career Service der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz prallen Hoffnungen auf den Arbeitsmarkt zunehmend auf harten Hürden. Eine 22-Jährige berichtet von rund 30 Bewerbungen um ein Praktikum, das bislang nicht zustande kommt. Hintergrund ist der wachsende Einsatz von KI in Büro-, Verwaltungs- und Routineaufgaben, der Einstiegsrollen reduziert. Gleichzeitig signalisieren Personalverantwortliche und Lohnumfragen, dass Berufsanfänger mit weniger Gehaltsdynamik rechnen müssen.

Der Start ins Berufsleben fühlt sich für viele junge Absolventen aktuell weniger wie ein Türöffner an, sondern eher wie ein Engpass. Im Career Service der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz schildert eine 22-jährige Studentin der Wirtschaftspsychologie, dass sie seit geraumer Zeit einen Praktikumsplatz in einer Unternehmensberatung oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sucht. Trotz etwa 30 Bewerbungen blieb der Erfolg aus. Genau diese frühen Praxisstationen, sagt sie, seien für den nächsten Schritt nötig – auch um den eigenen Umgang mit Künstlicher Intelligenz nicht nur theoretisch, sondern in echten Projekten zu schärfen.
Die Begründung, die in der Beratungspraxis immer öfter auf den Tisch kommt, ist dabei nicht abstrakt. Seit rund 16 Jahren begleitet die Career-Service-Leiterin Bewerbungsprozesse in Mainz, und sie berichtet, dass Studierende heute mit deutlich größerer Sorge in Gespräche kommen als noch vor einigen Jahren. Weniger Stellenangebote in bestimmten Bereichen lassen sich laut ihrer Darstellung auch damit erklären, dass Unternehmen Tätigkeiten, die früher als Einstiegsarbeit vergeben wurden, zunehmend automatisieren oder zumindest stark digitalisieren. In der Folge sinkt für Bewerberinnen und Bewerber nicht nur die Zahl der offenen Rollen, sondern auch die Sichtbarkeit der Arbeitgeber: Wenn Hochschulmarketing und Recruiting-Events weniger werden, fehlen Anknüpfungspunkte für die ersten Kontakte.
Unterfüttert wird diese Wahrnehmung durch Zahlen aus der Arbeitsmarkt- und Unternehmensperspektive. Laut einer Umfrage des Kienbaum Instituts, auf die im Bericht Bezug genommen wird, planen 35 Prozent von über 1.000 Personalverantwortlichen, aufgrund von KI bis 2030 weniger Berufseinsteiger einzustellen. Zusätzlich hat sich die Zahl arbeitsloser Akademiker unter 30 Jahren seit 2022 fast verdoppelt, von durchschnittlich 23.000 auf 45.000 im Jahr 2025 – das entspricht einem Plus von 96 Prozent. Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ordnet das als spürliche Verschlechterung der Gesamtlage ein: Es gebe zwar keine großen Entlassungswellen, aber die Dynamik beim Neuaufbau von Arbeitsplätzen bleibe deutlich hinter früheren Erwartungen zurück. In diesem Muster verdichtet sich der Begriff „Erneuerungskrise“: Neue Tätigkeiten entstehen, aber sie treffen zeitlich und qualitativ nicht automatisch auf die Profile, die Berufseinsteiger gerade mitbringen.
Technisch betrachtet betrifft der Wandel besonders jene Aufgaben, die sich in digitale Workflows zerlegen lassen: Büro-, Verwaltungs- und Routineanteile wandern in Systeme, die Informationen schneller finden, strukturieren und in Standardprozesse einspeisen. Genau diese Muster sind häufig dort anzutreffen, wo Einsteigerinnen und Einsteiger schon früh Verantwortung für klar definierte Teilaufgaben übernehmen – etwa in IT-nahem Umfeld, bei Banken oder Versicherungen. Dass dieser Prozess nicht nur konzeptionell, sondern bereits in der Personalplanung sichtbar ist, illustrieren Unternehmensbeispiele: Die Allianz kündigte an, in ihrer Reiseversicherungssparte europaweit zwischen 1.500 und 1.800 Jobs abzubauen und durch KI ersetzen zu lassen. Konkurrent Ergo will allein in Deutschland bis 2030 KI-bedingt etwa 1.000 Arbeitsplätze abbauen, wobei als Instrument insbesondere Altersteilzeit genannt wird. Wettbewerbsdruck wirkt hier wie ein Verstärker: Wer Produktivitätsgewinne aus Automatisierung früher realisiert, verschiebt Budgets und Prioritäten schneller als bislang.
Gleichzeitig darf der zweite Teil der Gleichung nicht unter den Tisch fallen: Künstliche Intelligenz kann auch Produktivität steigern und damit langfristig neue Bedarfe auslösen. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts, verweist auf den KI-Boom und argumentiert, dass geförderte Automatisierung viele Probleme lösen kann – unter anderem angesichts des demografischen Wandels und einer sinkenden Zahl verfügbarer Arbeitskräfte. Wichtig ist aber seine einschränkende Perspektive: Noch sehe man nicht, dass die Beschäftigung insgesamt durch KI schon sinkt; bei den Löhnen gebe es ebenfalls keinen klaren Abwärtstrend. Gleichzeitig bleibt die wissenschaftliche Unsicherheit groß, weil KI-gestützte Umbrüche stark vom Typ der implementierten Systeme, von internen Prozessarchitekturen und von der Fähigkeit abhängen, neue Rollen zu schaffen und bestehende Qualifikationsprofile umzuschichten.
Gerade für den Übergang vom Studium in den Job schärfen sich dadurch die Erwartungen. Die jüngste ifo-Konjunkturumfrage zu Lohnerwartungen durch KI deutet darauf hin, dass Unternehmen für Berufsanfänger mit weniger als fünf Jahren Erfahrung mehrheitlich mit zurückgehenden Gehaltszahlungen rechnen. Bei Hochschulabsolventen erwarten 50,8 Prozent der Unternehmen KI-bedingt sinkende Löhne, bei Einsteigern ohne Uni-Abschluss sind es 48,3 Prozent. Aus der Logik der „Erneuerungskrise“ folgt damit auch der nächste Punkt: Berufseinsteiger werden nicht automatisch überflüssig, aber sie müssen ihre Rolle neu definieren. Arbeitsmarktforscher Weber fordert, den Blick nicht nur darauf zu richten, was KI heute übernimmt, sondern darauf, welche Möglichkeiten Menschen bekommen, neue Tätigkeiten zu übernehmen. Im Sinne einer solchen Umorientierung lassen sich Digital Natives eher als Impulsgeber einsetzen, statt sie in der Erwartung „Handlangertätigkeiten“ zu verorten.
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