BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Behörden melden einen massiven Anstieg KI-gestützter Betrugsversuche per E-Mail und SMS. Der Schaden durch Online-Betrug in der EU wird auf rund 57 Milliarden Euro beziffert, während Angreifer die Nachrichtenerstellung stark automatisieren. Besonders kritisch: Phishing-Kampagnen sollen sich im Jahresvergleich vervierzehnfacht haben, weil Künstliche Intelligenz Texte schneller und überzeugender produziert. Parallel reagiert die Industrie juristisch, während Sicherheits- und Präventionstipps für Unternehmen und Verbraucher an Bedeutung gewinnen.

KI-Phishing explodiert: 57 Milliarden Euro Schaden in der EU und neue Betrugsmaschen
KI-Phishing explodiert: 57 Milliarden Euro Schaden in der EU und neue Betrugsmaschen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Betrugswelle wirkt wie ein Testlauf dafür, wie weit KI-gestützte Textgenerierung in der Praxis bereits skaliert: Sicherheitsbehörden beobachten einen drastischen Anstieg automatisierter Phishing- und Smishing-Kampagnen, und der entscheidende Hebel ist Künstliche Intelligenz. Während frühere Versuche häufig an Aufwand, Sprachqualität oder manueller Streuung scheiterten, senken heute KI-Workflows die Kosten pro Nachricht massiv. Dadurch werden mehr Varianten getestet, schneller nachjustiert und zielgerichteter ausgespielt, sodass aus einzelnen Kampagnen zusammenhängende Angriffsserien werden, die sich wie ein rollierender Prozess über Tage und Wochen verteilen.

Was diese Entwicklung technisch so wirksam macht, ist nicht nur die Fähigkeit, Grammatik und Tonalität zu treffen, sondern die Automatisierung kompletter Text- und Targeting-Schritte. Angreifer können mit Modell-gestützter Textgenerierung Betreffzeilen, kurze Einleitungen und Aufforderungen zur Handlung in hoher Geschwindigkeit erzeugen, etwa in der Form, wie Behörden, Versicherungen oder bekannte Plattformen typischerweise kommunizieren. Hinzu kommt, dass gleiche Inhalte in mehreren Stilvarianten erscheinen können, was klassische Erkennungsmuster erschwert. Wenn der Text außerdem konsistent auf Opfersegmente gemappt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer in die Interaktion hineingezogen werden, bevor Schutzmechanismen greifen.

Ökonomisch verschärft sich der Effekt zusätzlich durch die Wechselwirkung von Automatisierung und Reichweite. Für die EU werden Online-Betrugsschäden insgesamt auf rund 57 Milliarden Euro geschätzt, wobei Effizienzgewinne als Haupttreiber gelten. Was früher, je nach Prozess und Teamgröße, Tage oder sogar bis zu 16 Stunden Vorbereitung benötigte, soll heute in etwa fünf Minuten umsetzbar sein. Das verändert den Angriffsprozess fundamental: Angreifer können nicht nur mehr Nachrichten versenden, sondern auch schneller iterieren, indem sie Reaktionen auswerten und darauf basierend neue Textvarianten nachschieben. Für Unternehmen bedeutet das, dass reine Awareness-Kampagnen ohne technische Härtung oft zu langsam sind.

Ein besonders relevanter Markttrend ist dabei die Verschiebung hin zu mehreren Kanälen. E-Mail bleibt zwar zentral, doch Smishing gewinnt sichtbar an Dynamik, weil SMS oft weniger streng überwacht werden als E-Mail und Nutzer den Kanal im Alltag als „kurz und offiziell“ wahrnehmen. Berichte deuten darauf hin, dass bereits ein großer Anteil der Betrugsversuche über SMS läuft und damit vor allem Smartphone-Nutzer unter 35 überdurchschnittlich betroffen sind. Angriffe auf diese Zielgruppe nutzen die Trägheit schneller Entscheidungen: In Sekundenbruchteilen entsteht der Eindruck von Dringlichkeit, beispielsweise durch Hinweise auf Zahlung, Kontosperrung oder angebliche Sicherheitsprüfungen. Genau dort müssen Unternehmen ihre Prozesse neu ausrichten, zum Beispiel über klare Eskalationswege im Incident Response und über sichere Kommunikationsrichtlinien.

Auf der behördlichen Ebene rückt zudem die Frage in den Fokus, wie offizielle Stellen und Dienstleister Betrugsmaschen entkräften. In Deutschland warnen demnach Stellen vor gefälschten ELSTER-E-Mails, die einen elektronischen Steuerbescheid ankündigen und mit Steuererstattungen oder Mahnverfahren Druck aufbauen. In der Schweiz wurden Warnungen speziell an Pensionierte adressiert, weil Betrüger dort unter dem Vorwand von Ergänzungsleistungen Bank- und Kreditkartendaten abfragen. Besonders riskant ist die Eskalationsstufe, bei der Täter am Telefon sogar behaupten, Mitarbeitende von Verbraucherstellen zu sein. Für die Praxis heißt das: Sicherheitsarchitektur endet nicht beim Posteingang, sondern muss auch Telefonie-, CRM- und Support-Prozesse berücksichtigen, inklusive Schulungen für Authentifizierung und Callback-Strategien.

Während die Angriffsflächen wachsen, reagiert auch die Industrie offensiv. Ein klarer Wettbewerbs- und Rechtskontext entsteht durch das Vorgehen großer Technologiekonzerne gegen KI-Missbrauch: Google reichte demnach eine Zivilklage gegen eine Gruppierung ein, der vorgeworfen wird, KI Gemini für zahlreiche „Software-Kits“ und viele betrügerische Websites zu nutzen. In dieser Darstellung sollen innerhalb sehr kurzer Zeiträume Millionen Spam-SMS an Android-Nutzer verschickt worden sein. Solche Schritte sind für Entscheider deshalb relevant, weil sie signalisieren, dass Plattformen nicht nur technische Filter verbessern, sondern auch den rechtlichen Hebel einsetzen, um missbräuchliche Infrastrukturen zu stoppen. Gleichzeitig zeigt es, wie stark die Angreifer darauf setzen, KI als Skalierungsmaschine für Distribution und Conversion zu verwenden.

Ergänzend gilt: Auch andere KI-Marken wie ChatGPT und Claude werden als „Katalog“ für betrügerische Inhalte genutzt, weil sie in der Praxis Texte schneller produzieren, als Menschen konsistente Kampagnen in mehreren Sprachen oder Tonalitäten erstellen könnten. Sicherheitsdienstleister berichten in diesem Zusammenhang von tausenden erkannten KI-gestützten Angriffen innerhalb kurzer Zeiträume. Das FBI bezifferte weltweite Verluste durch Cyberkriminalität für 2025 auf rund 19,5 Milliarden Euro, wobei ein signifikanter Teil auf KI-gestützten Betrug entfällt. Für Organisationen ist das eine wichtige Einordnung: KI-Betrug ist nicht länger „Randphänomen“, sondern wird zu einem wiederkehrenden Muster, das die Kosten-Nutzen-Rechnung für Angreifer deutlich verbessert.

Für die technische Gegenwehr lohnt ein Blick auf die grundlegende Vergleichsfrage zwischen Cloud- und On-Prem-Strategien in der Abwehr. KI-Phishing wirkt oft wie ein Textproblem, doch in der Realität ist es ein Kettenproblem aus Identität, Kontext und Zugriff: Wer kommuniziert, über welchen Kanal, mit welcher Domain- oder Nummern-Herkunft, und welche Aktion folgt unmittelbar? Moderne Schutzsysteme kombinieren deshalb mehrere Signale, etwa Header- und Infrastrukturindizien, Verhaltensmuster, Link-Reputation und Web-Content-Analysen. Wichtig ist dabei, dass Nutzerentscheidungen nicht allein vom Text abhängen: Unternehmen sollten technische Kontrollen wie Domain- und URL-Validierung, sichere Browser-Isolation bei verdächtigen Links sowie einheitliche Freigabeprozesse für Zahl- und Kontodaten etablieren, damit der „3-Sekunden-Check“ auch operational unterstützt wird.

Regulatorisch und datenschutzrechtlich kommt hinzu, dass die Übermittlung oder Preisgabe sensibler Informationen häufig im Zusammenspiel mehrerer Systeme passiert. Sobald Betrugsopfer Daten preisgeben oder Zugangsdaten kompromittiert werden, entstehen Risiken für personenbezogene Daten, finanzielle Sicherheit und oft auch für die Compliance im Sinne einschlägiger EU-Vorgaben zur Datensicherheit und Meldepflichten. Zwar werden solche Details in den aktuellen Warnungen meist nicht im juristischen Wortlaut erläutert, doch die Konsequenzen für Unternehmen sind klar: Sie müssen in ihren Sicherheitsprozessen nachvollziehen können, welche Daten betroffen waren, welche Systeme kompromittiert wurden und welche Kommunikationswege zur Betroffeneninformation und Behördenmeldung führen. Genau dafür sind Protokollierung, Least-Privilege-Design und schnell anpassbare Richtlinien in CRM und Support-Tools entscheidend.

Mit Blick auf die Zukunft deutet das aktuelle Bild auf eine weitere Automatisierungsschleife hin: Angreifer werden nicht nur besser schreiben, sondern auch besser testen, personalisieren und nachsteuern. In der Praxis bedeutet das, dass statische Filter und einmalige Regelwerke an Wirksamkeit verlieren, wenn Kampagnen zu schnell rotieren. Unternehmen sollten deshalb Abwehrmechanismen als kontinuierlichen Prozess verstehen, der KI nicht nur als Risiko betrachtet, sondern KI-gestützte Sicherheitsfunktionen gezielt einsetzt, etwa für Anomalieerkennung oder priorisierte Incident-Triage. Gleichzeitig werden Aufklärungsmodule für Mitarbeiter und Kunden künftig stärker kanalübergreifend sein müssen, inklusive Telefon- und SMS-Szenarien, damit die Sicherheitsroutine im Ernstfall greift. Wer jetzt technisch nachzieht und Kommunikationswege absichert, kann die nächste Welle nicht verhindern, aber ihre Wirkung deutlich reduzieren.


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