BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der KI- und Cloud-Boom erhöht den Strombedarf deutscher Rechenzentren deutlich. Bitkom beziffert die Nachfrage 2026 auf rund 23 Milliarden Kilowattstunden. Bis 2030 könnten es 35 bis 38 Milliarden Kilowattstunden werden, während Netzengpässe und Genehmigungen zum Risiko für den Ausbau werden. Gleichzeitig meldet der Verband Effizienzgewinne bei Energieverbrauch und PUE-Wert.

Der Ausbauwettlauf im Rechenzentrumsmarkt bekommt durch KI und Cloud-Dienste eine neue Schubkraft, die sich vor allem in Zahlen rund um den Stromverbrauch zeigt. Laut Bitkom sollen Rechenzentren und kleinere IT-Installationen in Deutschland im laufenden Jahr 2026 auf etwa 23 Milliarden Kilowattstunden kommen. Das entspricht dem Jahresverbrauch von rund 6,5 Millionen Haushalten – und damit deutlich mehr, als man beim Thema „Digitalisierung“ intuitiv in Verbindung bringt. Bis 2030 erwartet der Verband einen Anstieg auf 35 bis 38 Milliarden Kilowattstunden, bis 2035 könnten es sogar 56 bis 70 Milliarden Kilowattstunden werden.
Die eigentliche Brisanz liegt aber nicht nur in der wachsenden Last, sondern in der Frage, ob die Infrastruktur mitkommt. Bitkom warnt, dass mangelnde Netzkapazitäten und langwierige Genehmigungsverfahren den Digitalstandort zum Flaschenhals machen könnten. In einer Studie des Borderstep Instituts stuften demnach rund 80 Prozent der befragten Betreiber und Branchenexperten die begrenzten Netzanschlusskapazitäten als größte Herausforderung für neue Projekte ein. Damit rückt die Stromversorgung vom „Hintergrund“ zur taktischen Voraussetzung: Ohne gesicherte Anschlussleistung können selbst gut finanzierte Vorhaben nicht in den Betrieb gehen.
Dass der Bedarf in dieser Geschwindigkeit hochschnellt, hängt eng mit dem Wechsel von klassischen Workloads hin zu KI-lastigen Architekturen zusammen. Bitkom macht dafür den Boom generativer und industrieller KI-Anwendungen verantwortlich: Während 2026 etwa 20 Prozent der gesamten deutschen Rechenzentrumskapazität für KI und High Performance Computing genutzt werden, soll der Anteil bis 2035 auf 55 Prozent steigen. In der absoluten Anschlussleistung bedeutet das laut Verband nahezu eine Verachtfachung von heute 670 Megawatt auf rund 5.300 Megawatt. Für Unternehmen heißt das: Der Engpass wird nicht bei der Software „spürbar“, sondern bei der Fähigkeit, Rechenleistung physisch anzuschließen und betreiben zu können.
Auch aus energietechnischer Sicht ist die Entwicklung differenziert zu betrachten, weil die Branche zugleich Effizienzfortschritte meldet. Bitkom verweist darauf, dass der Energieverbrauch unterproportional zur tatsächlich erbrachten Rechenleistung steige. Konkret arbeitet der Verband moderne Server im Schnitt bis zu dreimal so energieeffizient wie Systeme aus dem Jahr 2021. Zusätzlich sank der sogenannte PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) seit 2020 von 1,63 auf 1,42. Dieser Wert misst, wie viel Energie die Infrastruktur wie Kühlung im Verhältnis zur Serverleistung benötigt – je niedriger, desto besser. Für Betreiber ist das wichtig, denn es reduziert zwar nicht den absoluten Stromhunger, kann aber die Wachstumsrate bremsen.
Parallel wächst der Fokus auf weitere Ressourcen, insbesondere Wasserverbrauch und Abwärmenutzung. Bitkom äußert Zurückhaltung bei der Befürchtung, moderne Anlagen würden systematisch zu viel Wasser verbrauchen. Zwei Drittel der Rechenzentren in Deutschland (65 Prozent) weisen demnach einen sehr geringen Wasserverbrauch von höchstens 0,1 Litern pro Kilowattstunde aus. Ein nennenswerter Wasserbedarf entstehe vor allem bei der Verdunstungskühlung, die hierzulande jedoch nur von rund einem Drittel der Anlagen genutzt werde. Für den Betrieb bedeutet das: Kühlkonzepte müssen nicht nur zur KI-Last passen, sondern auch zu regionalen Umwelt- und Wasserrahmenbedingungen, die je nach Standort deutlich variieren können.
Ökonomisch verstärkt sich die Dynamik, weil die Investitionen in neue Rechenzentren 2026 auf ein Rekordniveau steigen sollen. Bitkom nennt 23,5 Milliarden Euro – ein Plus von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Investitionen müssen sich jedoch gegen die Infrastrukturrealität behaupten: Netzanschlüsse dauern, Genehmigungen ziehen sich, und die Ausbaustrategie der Stromnetze folgt eigenen Zeitlogiken. Aus Unternehmenssicht verschiebt sich damit die Priorität in der Projektplanung häufig von der reinen Gebäudekapazität hin zu frühen Entscheidungen über Standort, Netzpartner und Leistungsprofil der geplanten Systeme.
Für den Markt bleibt außerdem entscheidend, wie schnell sich der „KI-Wettbewerb“ in messbare Infrastrukturleistung übersetzt. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst stellte auf einer Pressekonferenz am Rande des Digitalgipfels der Bundesregierung heraus, dass der Wettbewerb um Rechenleistung auch ein Wettbewerb um die passende Infrastruktur ist. Wenn Deutschland bei der Versorgung zurückfällt, droht eine Verlagerung der Rechenkapazität ins Ausland – nicht aus Prestigegründen, sondern weil digitale Transformation in der Praxis nicht pausiert. Der Verband argumentiert, dass Unternehmen ihre digitalen Prozesse und Verbraucher ihre digitalen Dienste sonst nur vermehrt außerhalb der nationalen Kapazitäten beziehen würden.
Unterm Strich entsteht ein Spannungsfeld, das gleichzeitig technisch und politisch adressiert werden muss. Bitkom fordert deshalb gezielte Entlastungen bei den Strompreisen, etwa durch eine Senkung der Stromsteuer oder einen Industriestrompreis für Rechenzentren, sowie schnellere Planungsverfahren. Gleichzeitig zeigt der Bericht: Effizienzmaßnahmen wie bessere Hardware, gesenkter PUE und optimierte Kühlung sind notwendig, aber sie lösen den Engpass an der Anschlussleistung nicht allein. Für IT-Leiter und CIOs wird damit die Kapazitätsplanung zur aktiven Risiko- und Budgetaufgabe – und nicht erst dann, wenn ein KI-Projekt bereits in die Skalierungsphase geht.
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