DÜSSELDORF / MANNHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie für Deutschland kommt zum Ergebnis, dass klimaneutrale Stahlproduktion international wettbewerbsfähig sein kann, sofern Politik und Industrie die richtigen Weichen stellen. Entscheidend seien unter anderem ein garantierter Industriestrompreis von 60 Euro je Megawattstunde bis 2035 und ein verlässlicher „Industriewasserstoffpreis“ von 140 Euro je MWh. Zusätzlich schlagen die Autoren Investitionsförderungen in Höhe von bis zu 50 Prozent sowie Standort- und Beschäftigungsgarantien als Gegenleistung vor. Die IG Metall sieht darin eine Bestätigung, dass Stahl auch in Deutschland wirtschaftlich und klimafreundlich möglich bleibt.

Klimaneutraler Stahl: Studie nennt 60-Euro-Industriestrom als Hebel
Klimaneutraler Stahl: Studie nennt 60-Euro-Industriestrom als Hebel (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutschland ringt seit Jahren um seine Grundstoffindustrie: Stahl ist für Wertschöpfung, Lieferketten und viele Zulieferer zentral. Gleichzeitig ist die Klimabilanz traditioneller Hochöfen hoch, weil vor allem Kohle als Reduktionsmittel eingesetzt wird. Eine aktuelle Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Mannheim, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, stellt diese Spannung auf eine konkrete Kalkulationsbasis: Klimaneutrale Stahlproduktion kann sich demnach rentieren, aber nur unter klar definierten industriepolitischen Bedingungen. Im Kern geht es um Preisrisiken bei Energie und Wasserstoff, um die Kapitalstruktur bei Anlagenumbauten und um verlässliche Nachfrage.

Der technische Rahmen der vorgeschlagenen Transformation ist dabei nicht abstrakt: Klimaneutraler Stahl in Deutschland bedeutet in der Praxis eine Umstellung von kohlebasierten Prozessrouten auf emissionsarme Varianten, typischerweise mit der Nutzung von grünem bzw. erneuerbar erzeugtem Wasserstoff für die Reduktion. Das verschiebt die Kostenstruktur weg von „Kohlepreis mal Menge“ hin zu „Strompreis plus Umwandlungs- und Lieferkosten“ und damit zu Faktoren, die sich kurzfristig schwer absichern lassen. Die Autoren fordern deshalb eine langfristig gedeckelte Preislogik: Industriestrom und Industriewasserstoff sollen Planungssicherheit schaffen, bevor neue Produktionslinien ihre Skaleneffekte erreichen.

Für den Industriestrom schlagen die Studienautoren einen garantierten Preis von 60 Euro je Megawattstunde (MWh) bis 2035 vor. Dieser Wert soll ausdrücklich inklusive Netzentgelten und aller Umlagen gelten und damit den Blick auf die echte Unternehmensrechnung lenken. Für Unternehmen mit Tarifbindung empfehlen sie zusätzlich eine Reduktion um 10 Euro je MWh. Beim Wasserstoff soll ebenfalls ein „Industriewasserstoffpreis“ als Bezugspreis abgesichert werden, der bis 2035 bei 140 Euro je MWh liegen soll. Tarifgebundene Firmen würden hier eine weitere Ermäßigung um 20 Euro je MWh erhalten. Der technische Vergleich dahinter ist klar: Die Elektrolyseure und die Wasserstofflogistik sind zwar skalierbar, aber die Strombeschaffung bleibt der kritische Engpass.

Damit Investitionen wirtschaftlich werden, reicht aus Sicht der Autoren eine reine Preisabsicherung nicht. Sie plädieren zusätzlich für eine gezielte Investitionsförderung: Wer in „zukunftsfeste“ Produktionsanlagen investiert und Standort- sowie Beschäftigungsgarantien abgibt, soll direkte Zuschüsse oder zinsgünstige Kredite in Höhe von 50 Prozent der Investitionssumme bekommen; tarifgebundene Unternehmen sollen noch etwas mehr erhalten. Zusätzlich soll der Staat Aufträge bevorzugt an inländische Produzenten vergeben. Als weiterer Hebel wird eine Staatsbeteiligung an strategisch wichtigen Unternehmen genannt, um Kapitalkosten zu senken. Diese Logik erinnert an frühere Industrieprogramme in Europa, bei denen der Staat Risiken glättete, weil Märkte allein die Umstellungstiefe nicht tragen konnten.

Im Marktumfeld wird deutlich, warum das Timing so wichtig ist: Wettbewerber außerhalb Deutschlands arbeiten ebenfalls an wasserstoffbasierten Stahlpfaden, aber mit unterschiedlichen Strom- und Energiepreisbedingungen. Ein häufig genanntes Beispiel ist das schwedische Projekt HYBRIT (SSAB in Kooperation mit Energie- und Technologiepartnern), das zeigt, dass die Dekarbonisierung technisch möglich ist, während wirtschaftliche Tragfähigkeit stark von Energiepreissignalen abhängt. Genau hier setzt die Studie an: Energiepreisabsicherung habe die größte Hebelwirkung, weil sie die laufenden Kosten über Jahre stabilisiert und so den „Break-even“ von Umbau- und Betriebskosten beeinflusst. Auch wenn konkrete Marktvolumina und Nachfrageverträge variieren, lässt sich daraus ein Wettbewerbsargument ableiten: Wer Planungssicherheit schneller schafft, beschleunigt Qualifizierung, Lieferketten und Investitionsentscheidungen.

Die IG Metall sieht sich durch die Ergebnisse bestätigt. Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, sagte sinngemäß, dass Stahl „hier bei uns in Deutschland“ Zukunft habe, solange verlässliche industriepolitische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Diese Position ist aus Sicht der Praxis mehr als politisches Signal: Gewerkschaften achten typischerweise auf Beschäftigungseffekte, Qualifizierung und die Stabilität der Rahmenbedingungen, damit Umbau nicht zu einem kurzfristigen Kostendruck wird, der Arbeitsplätze verdrängt. Expertisch wird die Diskussion deshalb häufig entlang der Frage geführt, ob Energiepreise nur kurzfristig sinken können oder ob Regulatorik und Fördermechanismen den langfristigen Investitionshorizont zuverlässig stützen. Die Studie liefert dafür konkrete Zahlen, die Unternehmen in Business Cases und Finanzierungsgespräche übersetzen können.

Aus regulatorischer Sicht berührt das Vorhaben mehrere Ebenen: In der EU wirken Emissionshandel (ETS) und die schrittweise Anpassung von CO₂-Kosten auf Stahlmärkte, während der Staat gleichzeitig Beihilfe- und Wettbewerbsregeln einhalten muss. Ein langfristig gedeckelter Industriestrom- und Wasserstoffpreis ist daher nicht nur ein wirtschaftliches Instrument, sondern auch eine Frage der Ausgestaltung von Beihilfen, Kriterien für Begünstigte und möglicher Nachweispflichten. Zusätzlich spielen öffentliche Beschaffungsregeln und Industriepolitik in der Praxis zusammen: Wenn Nachfrage gezielt verankert wird, können Anlagen früher anlaufen und lernen schneller mit realen Betriebsdaten. Das wiederum hat Auswirkungen auf Compliance, etwa bei Auditierbarkeit von Klimafaktoren in Lieferketten.

Für die nächste Phase lässt sich daraus ein klarer Zukunftspunkt ableiten: Sobald Preisabsicherung und Investitionsförderung entlang von messbaren Standort- und Beschäftigungszusagen laufen, können Hersteller schneller in Pilot- und Serienanlagen wechseln, und Zulieferer profitieren von planbaren Investitionszyklen. Gleichzeitig wird der Druck steigen, dass Energie- und Wasserstoffbeschaffung wirklich verfügbar sind: Eine Deckelung ohne Infrastrukturaufbau würde Kostenverlagerungen erzeugen. Die Studie nennt implizit den Weg über „politische Zusagen einhalten“, denn das Geschäftsmodell steht und fällt mit Verlässlichkeit. Wenn Deutschland diese Logik umsetzt und europaweit kompatibel gestaltet, könnte klimaneutraler Stahl in den kommenden Jahren von einem Projektstatus in einen Industriebetrieb übergehen – mit spürbaren Chancen für Entwicklungsteams, Engineering-Dienstleister und Betreiber von KI-gestützter Prozess- und Anlagensteuerung.


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