POTSDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus dem Umfeld des Potsdam-Instituts warnt vor deutlich mehr Vegetationsbränden in Europa, abhängig vom Ausmaß der Erderwärmung. Bei etwa 1,8 Grad dürfte die jährlich betroffene Brandfläche bis Ende des Jahrhunderts um 39 Prozent zulegen, bei 3,6 Grad sogar um 192 Prozent. Entscheidend sind demnach nicht nur Klimaeffekte, sondern auch Landnutzung, Prävention und Frührkennung. Die Forschung zeigt außerdem, wie stark besseres Brandmanagement die Schäden reduzieren kann, selbst wenn die Brandbedingungen zunehmen.

In Europa verschiebt sich das Brandrisiko derzeit nicht nur gefühlt, sondern messbar in Richtung längerer und intensiverer Vegetationsbrand-Saisons. Die vorliegende Analyse verknüpft Klimaszenarien mit zusätzlichen Modellen, um abzuschätzen, wie groß die Flächen werden könnten, die künftig von Feuerereignissen betroffen sind. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass wärmere, trockenere und windigere Bedingungen die „Brandaktivität“ begünstigen – und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Brände schneller wachsen oder sich schlechter kontrollieren lassen.
Für die Projektionen arbeitet das Forschungsteam um Erstautor Maik Billing vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) mit unterschiedlichen Temperaturpfaden. In einem Szenario mit einer vergleichsweise moderaten globalen Erwärmung von rund 1,8 Grad (SSP1-2.6) steigt die von Bränden betroffene jährliche Fläche bis Ende des Jahrhunderts gegenüber heute demnach um etwa 39 Prozent. Im deutlich stärkeren Pfad mit rund 3,6 Grad (SSP3-7.0) fällt das Ergebnis drastischer aus: Dann wird eine Zunahme um 192 Prozent erwartet – also nahezu eine Verdreifachung der Brandfläche. Dass das keine reine Klimor-Story ist, betonen die Forschenden ausdrücklich: Neben der Temperatur beeinflussen Landnutzung, Prävention und Frührkennung ebenfalls, wie aus Wetterlagen realen Schadensereignissen werden.
Technisch interessant ist dabei, wie die Studie die Klimakomponente mit Maßnahmenmodellen zusammenführt. Das Team verbindet die Klimaszenarien mit weiteren Modellannahmen, unter anderem zu Prävention, Früherkennung und Brandbekämpfung. Für die Praxis heißt das: Wenn diese Stellhebel wirksam funktionieren, dann bleibt das Risiko zwar grundsätzlich erhöht, die aus Wetter und Vegetation resultierende Brandfläche kann aber messbar sinken. Im Ergebnis zeigt das Team, dass ein besseres Brandmanagement die Feuerfläche in einem 1,8-Grad-Szenario um 92 Prozent reduzieren könnte. Bei 3,6 Grad wären es immer noch 72 Prozent – ein Hinweis darauf, dass Managementmaßnahmen selbst bei extremen Bedingungen einen großen Hebel darstellen.
Der Blick auf „Management“ bleibt nicht bei der abstrakten Ebene. Co-Autor Thomas Hickler vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum nennt als Beispiele unter anderem Ausbildung von Einsatzkräften, eine angemessene Ausrüstung sowie eine gute Koordination zwischen Forstwirtschaft, Naturschutz und Feuerwehr. Damit adressiert die Studie genau jene Schnittstellen, an denen in der Realität oft Zeit verloren geht: zwischen dem, was in Wald- und Landschaftsplanung vorbereitet wird, und dem, was im Einsatz mit verfügbaren Ressourcen tatsächlich möglich ist. Wenn die Brandbedingungen in mehreren Regionen zugleich dominieren – etwa in Teilen Mitteleuropas, weiten Teilen Westeuropas und im Mittelmeerraum –, erhöht das zusätzlich den Druck auf Personal, Fahrzeuge, Nachschub und Führung.
Dass diese Spannung nicht nur theoretisch existiert, zeigen aktuelle Ereignisse. Für 2026 meldet das Europäische Waldbrandinformationssystem (EFFIS) EU-weit bis zum 19. August rund 616.000 Hektar (6.160 Quadratkilometer) betroffene Fläche. Zum Vergleich nennt die Untersuchung für denselben Zeitpunkt im Jahr einen Durchschnitt der 20 vorherigen Jahre von etwa 280.000 Hektar – also deutlich weniger als halb so viel. Für die Einsatzseite ist dabei entscheidend, wie schnell Wetterlagen Kräfte „überfordern“ können, sobald Hitze, Trockenheit und Wind zusammenkommen und Brände eine Eigendynamik entwickeln.
Gleichzeitig ordnet die Studie Vegetationsbrände nicht pauschal als reinen Feind ein. Die Forschenden schreiben, dass Feuer natürliche Prozesse sein können und zur Dynamik von Artenvielfalt und Ökosystemen gehören. Genau deshalb ist die Zielgröße nicht „Null Feuer“, sondern ein kontrollierbares Risikoniveau: Brände sollen nicht in Größenordnungen eskalieren, die Menschen, Infrastruktur und Ökosysteme überfordern. Die Projektlogik führt folglich zu einer doppelten Botschaft: Emissionen zu reduzieren, um die Rahmenbedingungen langfristig abzuflachen, und parallel das lokale Brandmanagement zu stärken, damit auch bei erhöhten Extremwahrscheinlichkeiten die Schadensspitzen abgefedert werden.
Der Diskurs bleibt aber bewusst offen, wie belastbar einzelne Annahmen sind. Harald Vacik vom Institut für Waldbau der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) lobt die Untersuchung mit Blick darauf, dass Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen als komplementäre Strategien verstanden werden müssen. Gleichzeitig äußert er Kritik: Eine Schwäche der Studie sei, dass die Bewirtschaftung der Wälder nicht berücksichtigt werde. Konkrete Stellgrößen wie Baumartenwahl, Durchforstungen und Brennstoffmanagement würden zwar in der Praxis oft als Anpassungsmaßnahmen diskutiert, fehlten hier aber als explizite Variable. Genau das kann die Unsicherheit der abgeschätzten Brandflächen erhöhen und zeigt, wo sich künftige Modellierungen stärker an die forstliche Realität anbinden müssen.
Für Unternehmen und öffentliche Entscheider ergibt sich daraus vor allem ein Planungsauftrag mit messbaren Konsequenzen. Wer Forst- und Infrastrukturplanung verantwortet, bekommt eine klare Richtung: Es reicht nicht, auf gute Jahre zu hoffen, weil die Studie die steigende Häufigkeit ungünstiger Wetterkombinationen direkt in Flächenauswirkungen übersetzt. Gleichzeitig liefert das Zusammenspiel aus Klimapfaden und Managementannahmen eine Grundlage, um Investitionen in Ausbildung, Ausrüstung, Frühwarn- und Einsatzkoordination zu priorisieren. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Studie die Bandbreite der möglichen Ergebnisse quantifiziert und damit besser macht, was in der Praxis häufig nur qualitativ bewertet wird: Welche Maßnahmen kosten wie viel – und wie stark können sie die Flächenschäden relativ zum Klimaszenario senken?
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