BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach mehreren Vorfällen an Stromnetzen in Südbrandenburg und Nordrhein-Westfalen fordert der Verband kommunaler Unternehmen, dass Bund und Länder kritische Infrastruktur konsequenter schützen. Die Ereignisse zeigen laut VKU eine zunehmende Bedrohungslage und machen deutlich, dass selbst intensivere Sicherheitsmaßnahmen in Unternehmen nicht „100 Prozent“ abdecken. VKU-Geschäftsführer Ingbert Liebing sagt, Sicherheit sei eine originäre Aufgabe des Staates, während Polizei und Geheimdienste die aktive Abwehr leisten sollen. Gleichzeitig verlangen die Kommunalvertreter schnell wirksame Schutzkonzepte und eine verlässliche Finanzierung für Betreiber kritischer Infrastrukturen.

Mehrere Vorfälle an der Stromversorgung haben die Debatte um den Schutz kritischer Infrastrukturen in Deutschland erneut angeheizt: Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) verweist auf Anschläge am Stromnetz in Südbrandenburg sowie auf einen weiteren Vorfall in Nordrhein-Westfalen und verlangt von Politik und Verwaltung ein deutlich besser koordiniertes Sicherheitskonzept. Im Zentrum steht dabei nicht nur die Frage, welche technischen Schutzmaßnahmen Betreiber bereits heute umsetzen, sondern vor allem, wer die Verantwortung trägt, wenn es um die aktive Abwehr und die übergreifende Sicherheitsarchitektur geht. VKU-Geschäftsführer Ingbert Liebing macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass die Bedrohungslage sich zuspitzt und dass kritische Infrastruktur selbst bei intensiven internen Vorkehrungen verletzlich bleibt.
Konkreter Anlass waren Ermittlungen im Umfeld eines Umspannwerks unweit des Kraftwerks Jänschwalde in Südbrandenburg: Dort wurden Sprengvorrichtungen gefunden. Parallel dazu läuft in Nordrhein-Westfalen die Aufklärung nach einem Vorfall an einem Umspannwerk. In Bergheim bei Köln, so die ersten Erkenntnisse der Polizei, wird von einer vorsätzlich verursachten Störung ausgegangen. Für Betreiber und kommunale Versorger ist das ein besonders sensibles Signal, weil Umspannwerke als Schalt- und Knotenpunkte den Stromfluss stabil halten müssen und Störungen in der Praxis nicht nur lokalen Schaden verursachen, sondern Versorgungsketten über mehrere Regionen hinweg beeinflussen können.
Was unter „kritischer Infrastruktur“ fällt, umschreibt der VKU-Umfeldbezug breit: Dazu zählen Bereiche, deren Ausfall oder Beeinträchtigung zu Versorgungsengpässen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und weiteren dramatischen Folgen führen kann. Genannt werden Energie, Informationstechnik, Transport, Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien. Diese Systematik ist für die technische Bewertung wichtig, weil sie deutlich macht, dass es in der Praxis nicht bei reinen IT-Absicherungen bleibt. Gerade Energieversorger sind eng mit Leit- und Automatisierungstechnik verbunden; ohne stabile Kommunikationswege, saubere Prozessführung und Sicherheitsmaßnahmen entlang der gesamten Betriebs- und Netzarchitektur ist ein Ereignis an einem physischen Ort häufig sofort ein Risiko für digitale Steuerungssysteme.
Liebing adressiert in seiner Argumentation damit zugleich eine Governance-Frage: Unternehmen sollen Sicherheit bestmöglich vorbereiten und Vorkehrungen intensivieren, gleichzeitig aber nicht in die Rolle von Sicherheitsbehörden gedrängt werden. Der zentrale Punkt ist seine klare Trennung der Aufgaben: Sicherheit sei originäre Aufgabe des Staates, die aktive Abwehr von Anschlägen liege bei Polizei und Geheimdiensten. Diese Abgrenzung ist politisch relevant, weil sie Auswirkungen auf Budgetprioritäten, Zuständigkeitsmodelle und die Ausgestaltung von Notfall- und Schutzplanungen hat. Wenn Finanzierung und Planung zu stark in der betrieblichen Sphäre landen, steigt das Risiko inkonsistenter Sicherheitsniveaus zwischen Betreibern; wenn hingegen Sicherheitsanforderungen nur „von außen“ gesetzt werden, können betriebliche Realitäten im Netzbetrieb zu spät in die Konzepte einfließen.
Vor diesem Hintergrund fordert der VKU, dass Bund und Länder gemeinsam mit den Betreibern schnell wirksame Schutzkonzepte entwickeln und deren Finanzierung sicherstellen. Das ist auch deshalb bedeutsam, weil kritische Infrastruktur in Deutschland historisch über Jahrzehnte gewachsen ist und Sicherheit typischerweise schrittweise nachgerüstet wird: von physischen Schutzmaßnahmen über Zugangskontrollen bis hin zu technischen Schutzschichten in Leittechnik und Netzführung. Bei solchen Umrüstungen zählt weniger die theoretische Vollständigkeit als die schnelle Umsetzbarkeit im Betrieb, also etwa die Fähigkeit, nach einem Ereignis Abwehrmaßnahmen zu skalieren, Schwachstellen systematisch zu schließen und die Resilienz gegen Wiederholungsangriffe zu erhöhen.
Für die Markt- und Branchenperspektive bedeutet das: Kommunale Betreiber stehen in einem Spannungsfeld aus Budgetdruck, Betriebsverantwortung und steigenden Sicherheitsanforderungen, während zugleich die staatliche Koordination bei Lagebild, Abwehr und Schutzplanung eine größere Rolle spielen muss. Mittelständische und kommunale Einrichtungen können bei großen Sicherheitsprogrammen allein oft nicht alle Komponenten vorfinanzieren, die für flächendeckende Resilienz nötig sind. Mit Blick auf die kommenden Monate wird daher entscheidend sein, wie konkret die geforderten Schutzkonzepte werden: Welche Maßnahmenprioritäten gelten für Umspannwerke und angrenzende Bereiche, wie werden Betreiber in gemeinsame Abstimmungsprozesse eingebunden und wie lässt sich die Finanzierung so gestalten, dass sie nicht erst bei der nächsten Störung ansetzt, sondern Sicherheitsinvestitionen planbar macht.
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