LONDON (IT BOLTWISE) – Die Übernahmequote nach einer Berufsausbildung sinkt in Deutschland weiter. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung meldet für 2025 nur noch 75 Prozent übernommene Auszubildende nach erfolgreicher Ausbildung. Gleichzeitig bleibt die Quote unbesetzter Ausbildungsplätze mit 30 Prozent relativ hoch. Besonders gute Chancen sehen Arbeitsmarktexperten in Branchen wie Bergbau sowie Energie- und Wasserversorgung.

Wer jungen Menschen einen Ausbildungsstart verspricht, misst dem Ende der Ausbildung häufig zu wenig Bedeutung bei: Genau dort zeigt sich derzeit, wie stark die anhaltende Konjunkturflaute durchschlägt. Laut Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist die Übernahmequote von Lehrlingen nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung im vergangenen Jahr kleiner geworden. 2025 seien nur noch 75 Prozent aller Auszubildenden nach erfolgreicher Ausbildung in Betrieben übernommen worden. Ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 79 Prozent und damit auf einem vorher nicht erreichten Hoch.
Die Lage wirkt dabei auf den ersten Blick widersprüchlich. Denn auch wenn gleichzeitig mehr Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sind, bleibt die Nichtbesetzungsquote von Ausbildungsstellen voraussichtlich auf hohem Niveau. IAB-Forscherin Barbara Schwengler beschreibt die Situation als paradox: Trotz steigender Zahl an Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz sei damit zu rechnen, dass die Nichtbesetzungsquote weiter hoch bleibt. Dieses Zusammenspiel macht deutlich, dass das Problem nicht allein in zu wenigen Ausbildungsplätzen liegt, sondern auch in einer nicht durchgängig passenden Abstimmung zwischen Bedarf und Bewerberprofil.
Für das Verständnis der Ursachen liefern die Arbeitsmarktexperten zwei wiederkehrende Erklärungen: Entweder fehlen Bewerbern die erforderlichen Qualifikationen oder die räumliche Passung stimmt nicht. IAB-Direktor Bernd Fitzenberger führt aus, dass Jugendliche und Betriebe besser zusammengebracht werden müssten, um einen weiteren Einbruch am Ausbildungsmarkt zu vermeiden. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie effizient sich Angebot und Nachfrage zusammenführen lassen – etwa über passgenauere Beratung, engere regionale Vermittlungsstrukturen oder überbrückende Qualifizierungsbausteine für Bewerber, die fachlich noch nicht perfekt auf die Stellenanforderungen passen.
Dass die Übernahmechancen nicht in allen Branchen gleich ausfallen, zeigt ein zweites, sehr konkretes Bild. Als Bereiche mit besonders guten Perspektiven nennt das IAB Auszubildende in Bergbau, Energie- und Wasserversorgung, in der Abfallbehandlung, im Finanz- und Versicherungswesen sowie in der öffentlichen Verwaltung. 2025 wurden in diesen Branchen rund 90 Prozent der Auszubildenden weiterbeschäftigt. Die Industrie liegt demgegenüber mit 77 Prozent zwar ebenfalls über dem Schnitt, dennoch ist die Entwicklung innerhalb eines Jahres spürbar: Die Übernahmequote sank dort um fünf Prozentpunkte. Besonders schwierig wirkt dagegen die Landwirtschaft, die laut den vorliegenden Angaben lediglich eine Quote von 44 Prozent erreicht.
Parallel dazu lässt sich auch am formalen Matching erkennen, warum es in der Praxis hakt. Nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit haben sich im laufenden Ausbildungsjahr bei Arbeitsagenturen und Jobcentern 418.000 Bewerberinnen und Bewerber für eine Lehrstelle gemeldet, das entspricht einem Plus von 4.000 gegenüber dem Vorjahresmonat Juli 2025. Bis Juli hätten 126.000 Personen mitgeteilt, dass sie ihre Suche erfolgreich abschließen konnten. Auf der anderen Seite stehen 437.000 gemeldete Lehrstellen, 35.000 weniger als im Juli 2025. Diese Gegenüberstellung legt nahe, dass sich der Ausbildungsmarkt zwar nicht vollständig ausgehöhlt hat, aber die Übergänge zwischen Bewerbung, Besetzung und späterer Übernahme in einer schwächelnden Konjunkturphase deutlich riskanter werden.
Für Betriebe und Bildungsträger folgt daraus eine praktische Konsequenz: Wer heute ausbildet, braucht nicht nur eine solide Bewerberpipeline, sondern auch einen klaren Plan für den Übergang in die Beschäftigung. Gerade dort, wo Nichtbesetzungen und Übernahmen gleichzeitig unter Druck stehen, entscheiden Faktoren wie die Abstimmung von Anforderungsprofilen, die Stabilität der Auftragssituation im Ausbildungsbetrieb und die betriebsinterne Qualifizierung nach Ausbildungsabschluss. In Branchen mit traditionell hoher Übernahmequote dürften die strukturellen Rahmenbedingungen besser greifen; in Bereichen mit niedrigen Werten wird dagegen vermutlich jede Fehlpassung sofort sichtbar. Die kommenden Entscheidungen fallen somit weniger entlang allgemeiner „Konjunktur“-Schlagworte, sondern an sehr konkreten Schnittstellen – von der Vermittlung bis zur finalen Anstellung.
Gleichzeitig ist die Situation ein Warnsignal für die mittelfristige Fachkräftesicherung. Wenn die Übernahmequoten weiter sinken, verschiebt sich der Arbeitsmarktmechanismus: Jugendliche investieren Zeit in Qualifizierung, geraten aber häufiger in die Phase zwischen Abschluss und dauerhafter Beschäftigung. Umgekehrt bleibt die Herausforderung bestehen, Ausbildungsstellen nicht nur zu besetzen, sondern auch so vorzuhalten, dass der Betrieb nach Abschluss tatsächlich aufnehmen kann. Genau hier könnten gezielte Kooperationen zwischen Betrieben, regionalen Akteuren und Bildungsanbietern kurzfristig spürbare Effekte erzielen.
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