LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Industrie erlebt zwar eine leichte Entspannung bei der Materialversorgung, aber das Ifo-Institut mahnt vor erneuten Lieferkettenstörungen. In China rutscht der PMI für das verarbeitende Gewerbe im Juli unerwartet ab und signalisiert eine spürbare Wachstumskühlung. Auch in den USA bleibt der geldpolitische Blick stark: Die Bank of Japan hält den Leitzins bei 1,00 Prozent und deutet zugleich einen Rhythmus für weitere Schritte an. Parallel dazu berichten US-Regierungsvertreter von einer Hamas-Zustimmung zu einem mehrphasigen Entwaffnungs- und Rückzugsplan.

Der Vormittagsfokus auf Konjunktur und Notenbanken zeigt ein Bild, das eher aus Gegenbewegungen besteht als aus einer klaren Trendfortsetzung. In Deutschland berichten im Juli noch 13,7 Prozent der Unternehmen von Beschaffungsproblemen bei Vorprodukten, nach 17,2 Prozent im Juni. Das klingt nach Entlastung, doch das Ifo-Institut ordnet die Entwicklung sofort ein: Die Entspannung könnte laut Ifo-Leiter Klaus Wohlrabe nur vorläufig sein, weil die Lieferketten weiterhin anfällig für neue Störungen rund um die Straße von Hormus bleiben.
Während die Materialseite in der Industrie also leicht besser wird, bleibt der Arbeitsmarkt ein stabilitätsorientierter Kontrapunkt. Wie Destatis meldet, waren im Juni rund 45,54 Millionen Menschen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig; saisonbereinigt sind das 23.000 Personen weniger als im Vormonat, entsprechend minus 0,1 Prozent. In den Vormonaten war der Rückgang bereits spürbar: Von Januar bis Mai lag die Erwerbstätigkeit im Durchschnitt um je 19.000 Personen unter dem jeweiligen Vormonat. Für die Konjunkturbeobachtung ist das relevant, weil Beschäftigung und Einkommen typischerweise als Taktgeber für die Inlandsnachfrage fungieren, selbst wenn Industrieindikatoren kurzfristig schwanken.
In China verdichten sich derweil die Signale für eine stärkere Bremswirkung. Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe fällt im Juli auf 49,2 Punkte von 50,3 im Juni und verfehlt damit sowohl die Dynamik der letzten Monate als auch eine in einer Ökonomenumfrage ermittelte Erwartung von 50,1. Nach Einschätzung von Vicky Xiao (ANZ) deutet die Entwicklung auf eine Verlangsamung hin, die überraschend stark ausfällt. Interessant ist dabei die Erklärung über die Nachfrageseite: Die Schwäche konzentriere sich auf neue Aufträge und neue Exportaufträge, was in der Praxis häufig eine schnellere Anpassung in Produktion und Lagerplanung auslöst.
Auch die Breite der Abkühlung fällt auf. Der offizielle PMI für Industrie und der für den Dienstleistungssektor rutschen laut Kommentar von Ho Woei Chen ebenfalls in den kontraktiven Bereich und signalisieren damit eine Abschwächung der Wirtschaftsaktivität, die nicht auf eine einzelne Branche begrenzt bleibt. Als zusätzliche Störfaktoren nennt die Ökonomin Wetterextreme wie Taifune, Überschwemmungen und Hitzewellen, die Bau und Reiseverkehr beeinträchtigt haben dürften. Gleichzeitig erwähnt sie, dass die Produktionstätigkeit eine saisonale Verlangsamung erlebt habe – das verschiebt die Interpretation von „nur kurzfristig“ hin zu „kurzfristig plus strukturell“, weil Wetterereignisse zwar zeitlich begrenzt sind, aber die wirtschaftliche Abwärtstendenz über Auftragseingänge verstärkt werden kann.
Der Blick auf die globalen Zinsentscheidungen sorgt zusätzlich für Spannung, insbesondere im Zusammenspiel aus US-Kommunikation und japanischem Pfad. Ein Devisen- und Zinsstratege verweist in einer Research Note auf eine Pressekonferenz von Fed-Vorsitzendem Kevin Warsh und interpretiert darin, dass Warsh die Anhebung des Leitzinses der Fed offenbar verzögere. Unabhängig von der konkreten Wortwahl bleibt aus Marktsicht entscheidend, dass Erwartungsmanagement an den Geldmarkt weitergegeben wird. Genau hier passt die Beobachtung der Bank of Japan: Sie belässt den Leitzins bei 1,00 Prozent, obwohl sie im Juni auf den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten erhöht hatte und dabei eine mögliche Überschreitung der Kerninflation gegenüber dem 2-Prozent-Ziel in den Raum gestellt hatte. Das Abstimmungsergebnis von 8 zu 1 und der abweichende Vorschlag von Hajime Takata (1,25 Prozent) zeigen, dass die geldpolitische Mehrheit zwar zusammenhält, aber nicht völlige Einigkeit über den Tempo- und Zielkorridor besteht.
Für die nächsten Schritte liefern die Binnenkommunikation und der Zeitplan der Bank of Japan konkrete Arbeitshypothesen. Der Volkswirt Yusuke Matsuo erwartet als Basisszenario eine Zinserhöhung im Sechs-Monats-Rhythmus, womit die nächste Anhebung auf die Dezember-Sitzung fällt; zugleich sei ein Vorziehen in den Oktober möglich, weil die Kommunikation der Bank Spielraum signalisiere. Das ist nicht nur eine Terminfrage: Ein fester Rhythmus erleichtert politisch die Abstimmung, zumal Premierministerin Takaichi als zurückhaltend gegenüber einer schnellen geldpolitischen Straffung gilt. Parallel dazu zeigt der Makro-Teil des Kalenders, dass auch einzelne nationale Datenpunkte den Erwartungsbildungsprozess bei Investoren speisen können – etwa der britische Nationwide-Hauspreisindex mit einem Plus von 0,1% gg Vm und 1,8% gg Vj im Juli.
Auch abseits des Zinszyklus mischen politische Entwicklungen die Risikoprämien. US-Regierungsvertretern zufolge hätten Hamas und andere militante palästinensische Gruppen einem Plan zugestimmt, der die Entwaffnung dieser Gruppen vorsieht und den Verlust ihrer Macht im Gazastreifen anbindet, falls Israel sich aus der Enklave zurückzieht. Die Vereinbarung soll demnach der Beginn eines unbefristeten, mehrphasigen Prozesses zur Beendigung der Herrschaft der Hamas in Gaza und zum Wiederaufbau der Enklave sein; zugleich bleibt laut den Angaben die Umsetzung unübersichtlich, unter anderem wegen der Überprüfung der Einhaltung und der Frage, ob eine skeptische israelische Regierung die Fortschritte nicht doch ausbremst. Für den Konjunkturblick bedeutet das: Selbst wenn die kurzfristigen Makroindikatoren schwanken, kann die Sicherheits- und Handelsrisikolage über Energie-, Transport- und Versicherungsprämien auf die realwirtschaftlichen Erwartungen durchschlagen.
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