BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die geplante AU-Pflicht ab dem ersten Krankheitstag und das Aus für die telefonische Krankschreibung stoßen auf breiten Widerstand in Koalition, Ärzteschaft und Gewerkschaften. Befürworter versprechen eine Senkung des Krankenstands, Kritiker rechnen dagegen mit mehr Praxisbesuchen, Bürokratie und Ansteckungsrisiken im Wartezimmer. Auch Ökonomen sehen keinen belastbaren Effekt auf die Fehlzeiten. Gleichzeitig macht die Umsetzung der elektronischen Krankmeldung (eAU) deutlich, wie sensibel die Verbindung von Datenflüssen, Arbeitsrecht und Versorgungspraxis ist.

Krankschreibung: Regierung plant AU-Pflicht ab Tag eins – massiver Widerstand
Krankschreibung: Regierung plant AU-Pflicht ab Tag eins – massiver Widerstand (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Krankschreibungen wird in Deutschland gerade vom Streit über zwei praktische Stellschrauben getrieben: Wer eine Arbeitsunfähigkeit meldet, soll künftig früher eine ärztliche Bescheinigung brauchen, und die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden. Innerhalb der Koalition aus Union und SPD sowie in mehreren Fach- und Berufsverbänden wächst der Protest. Laut Umfrage lehnen 59 Prozent der Befragten eine AU-Pflicht ab dem ersten Tag ab; zudem werden mit 58 Prozent auch die Pläne zur Streichung der telefonischen Krankschreibung zurückgewiesen. Während die Politik den Krankenstand senken will, treffen die Vorschläge vor allem auf Widerstand aus der Versorgungspraxis.

Hinter dem politischen Vorhaben steckt ein klassischer Zielkonflikt zwischen Steuerungswirkung und Umsetzbarkeit: Je früher eine AU benötigt wird, desto stärker verlagert sich der Bedarf an Diagnostik und Dokumentation in die ersten Krankheitstage. Bereits heute lässt das Entgeltfortzahlungsgesetz Arbeitgebern zu, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vor dem dritten Krankheitstag zu verlangen. Die geplante Verschärfung würde diese Erwartung auf die ersten Tage standardisieren und damit die „Compliance-Schleife“ zwischen Mitarbeitenden, HR und Arztpraxis deutlich verkürzen. Zugleich wäre die Abschaffung telefonischer Wege ein Bruch mit einem etablierten organisatorischen Ersatz, der vor allem bei Kurzzeiterkrankungen Entlastung schafft.

Technisch und organisatorisch betrachtet ist die Wirkung nicht nur eine Frage der Gesetzeslage, sondern der Prozessarchitektur rund um die eAU. Seit 2022 werden Arbeitsunfähigkeitsdaten elektronisch gemeldet, und laut AOK-basierten Angaben werden seitdem auch Kurzerkrankungen statistisch lückenlos erfasst. Das verändert die Datenlage, auf deren Basis Politik und Unternehmen Steuersignale ableiten. In der Praxis hängen Reaktionsgeschwindigkeit und Belastungserleben von HR, Ärzten und Mitarbeitenden davon ab, wie gut die IT-gestützte Kommunikation zwischen Krankenkassen, Arztpraxis und Arbeitgeber läuft. Datenschutzrechtlich bleibt dabei entscheidend, dass Gesundheitsdaten besonders geschützt sind und Datenzugriffe minimiert werden.

Die medizinische Kritik setzt genau an dieser Prozessrealität an: Hausärzte-Vertreter und Krankenkassen warnen vor zusätzlichen Praxisbesuchen und einem massiven Bürokratiemehraufwand. Der Hausärzteverband rechnet mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr, weil der erste Krankheitstag als neuer Trigger für einen Attesttermin fungieren würde. Dazu kommt das Infektionsrisiko: Wenn bereits am ersten Tag für ein Attest eine Praxis aufgesucht werden muss, steigen die Chancen, dass erkrankte Personen Wartezimmer aufsuchen. Branchen- und Arbeitnehmerverbände verweisen zudem auf Präsenzeffekte: Strengere Anforderungen könnten Mitarbeitende dazu bewegen, trotz Krankheit aufzutauchen, um die formal korrekte Bescheinigung zu erhalten.

Auch innerhalb der Politik wird die Ausgestaltung kontrovers diskutiert. Die Unionsseite drängt auf eine AU-Pflicht ab Tag eins, während die SPD eine praktikable Umsetzung betont und damit implizit auf die Versorgungs- und Prozessfolgen schaut. Der CDA hat die Rücknahme der Pläne gefordert, unter anderem mit dem Hinweis auf hohe Unzufriedenheit in Beschäftigtengruppen. Selbst Befürworter, so die politische Argumentationslogik, müssen deshalb liefern: Eine pauschale Verschärfung kann nur dann legitim wirken, wenn sie einen nachvollziehbaren Effekt auf missbräuchliche Fehlzeiten oder den Krankenstand insgesamt zeigt. Genau daran zweifeln Kritiker jedoch, weil die ursächlichen Mechanismen komplexer sind.

Aus ökonomischer Sicht ist die zentrale Frage: Senken strengere Attestregeln tatsächlich die Fehlzeiten, oder verschieben sie lediglich Arbeitsanteile? Ökonomen und Kassenvertreter argumentieren, dass die telefonische Krankschreibung nur einen kleinen Anteil an allen AU-Fällen ausmacht, der in einem berichteten Korridor von 0, 8 bis 1, 2 Prozent liegt. Wenn ein Instrument nur marginale Fallzahlen betrifft, ist der erwartbare Effekt auf den Gesamten Krankenstand begrenzt. Hinzu kommt ein möglicher Nebenmechanismus: Falls Ärztinnen und Ärzte ohnehin wegen eines Besuchs in der Praxis „taktetauglich“ bleiben, könnten längere Krankschreibungszeiträume entstehen, weil Patientinnen und Patienten die Gelegenheit nutzen, um direkt eine längere AU zu bekommen.

Für Arbeitgeber und HR ist der internationale und rechtliche Kontext ebenfalls relevant. In der OECD-Spitzengruppe liegt Deutschland bei bezahlten Fehltagen, während ein anderer Kennwert im internationalen Vergleich nur Platz sieben ausweist: Bei 6, 8 Prozent wöchentlichem Arbeitszeitverlust liegt Deutschland hinter Norwegen (10, 7 Prozent). Diese Differenzen zeigen, dass Kennzahlen nicht eins-zu-eins steuerbar sind, weil Definitionen und Erhebungsmethodik variieren. Rechtlich wiederum wird auf das Günstigkeitsprinzip verwiesen: Arbeitsvertragliche Vereinbarungen, die eine AU erst ab Tag drei oder vier festlegen, könnten unter bestimmten Bedingungen bestehen bleiben. Für Unternehmen heißt das, dass Compliance nicht nur „neues Gesetz“ bedeutet, sondern eine sorgfältige Prüfung bestehender Klauseln und Betriebsvereinbarungen.

Mit Blick nach vorn dürfte die Debatte weniger über Symbolpolitik als über belastbare Umsetzungspläne entscheiden. Der zukünftige Hebel liegt darin, wie gut sich die Arztpraxen organisatorisch entlasten lassen, ohne neue Anreize für Präsentismus oder unnötige Arztkontakte zu schaffen. Gleichzeitig müssen Unternehmen ihre Prozesse im Krankenstandsmanagement weiter professionalisieren, etwa mit rechtskonformem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) bei längeren Ausfallzeiten. Für 2024 wurden Erkrankungen mit mehr als sechs Wochen Dauer als rund 40 Prozent der Ausfallzeiten beschrieben – das verweist auf die Bedeutung nachhaltiger Rückkehrkonzepte. Wenn die Politik die Reform dennoch vorantreibt, werden Pilotierungen, klare Übergangsfristen und eine datenschutzkonforme Nutzung der eAU entscheidend sein, damit Versorgung und Datenschutz nicht gegeneinander arbeiten.


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