INDONESIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ermittler haben die KI-gestützt wirkende Phishing-Plattform „Kratos“ zerschlagen und dabei mehr als 200 Server sichergestellt. Laut der Bewertung der Ermittlungs- und Sicherheitsseite nutzten bislang rund 1.800 zahlende Kunden die Infrastruktur für tausende Kampagnen. Besonders kritisch: Die Angreifer umgingen sogar die Zwei-Faktor-Authentifizierung mithilfe eines Adversary-in-the-Middle-Ansatzes und erlangten Zugangsdaten sowie Sitzungscookies. Während der Fall eine ganze Angriffs-„Fabrik“ trifft, wird bereits auf eine neue Device-Code-basierte Variante hingewiesen.

Die Zerschlagung der Phishing-Plattform „Kratos“ zeigt sehr deutlich, wie schnell sich Cyberkriminelle von Einzelangriffen hin zu industriell betriebenen Angriffswerkstätten entwickeln. Erfasst waren dabei laut den Ermittlungen nicht nur einzelne Phishing-E-Mails, sondern eine Infrastruktur, die Angriffe automatisiert ausrollte und damit die Eintrittshürde für kriminelle Teams senkte. Besonders bemerkenswert ist die Größenordnung: Über die Plattform sollen mehr als 1.800 zahlende Kunden Zugriff auf eine Angriffsbasis erhalten haben, mit der monatlich schätzungsweise 15.000 Phishing-Kampagnen gestartet wurden. Ziel waren dabei vor allem Microsoft-365-Nutzer, inklusive der Abgreifung von Zugangsdaten und Sitzungscookies.
Technisch greift „Kratos“ nach dem gleichen Grundmuster, das in den letzten Jahren in vielen Angriffsketten immer wieder auftaucht: Nutzerdaten werden nicht nur abgefangen, sondern anschließend für Session- und API-Zugriffe missbraucht. Laut der Bewertung von Sicherheitskräften handelte es sich dabei um eine „Industrialisierung des Phishing-Marktes“ – also um ein Modell, bei dem kriminelle Gruppen die Infrastruktur mieten, ohne selbst tiefgehende technische Kenntnisse in der Implementierung aufbringen zu müssen. Genau dieser Baukasten-Charakter erklärt, warum solche Plattformen in kurzer Zeit skalieren können: Statt jedes Mal neu Komponenten wie Erkennungsschnittstellen, Targeting-Logik oder Umgehungsroutinen zu entwickeln, werden sie zentral bereitgestellt.
Ein Kernpunkt der Aktion „Operation Olympus Blade“ war die Sicherstellung von mehr als 200 Servern und die Festnahme eines mutmaßlichen Hauptentwicklers in Indonesien. Wenn Betreiber laut den vorliegenden Angaben seit 2024 etwa 300.000 Euro durch den Verkauf spezialisierter Werkzeuge verdient haben sollen, ist das mehr als eine Schlagzeile: Es belegt, dass es sich nicht um ein einzelnes „Schülerprojekt“ handelt, sondern um ein fortlaufend betriebenes Geschäftsmodell. Entscheidend für die Risikolage sind außerdem die Umgehungsmechanismen. „Kratos“ soll die Zwei-Faktor-Authentifizierung (MFA) nicht einfach nur „überlistet“, sondern über einen Adversary-in-the-Middle-Ansatz (AiTM) abgefangen haben, bevor die Anmeldedaten den eigentlichen Zielserver erreichten. Dazu kamen missbräuchlich eingesetzte Cloud-Dienste wie SharePoint, OneDrive oder Microsoft Forms, um Sicherheitsfilter zu umgehen – inklusive automatisierter CAPTCHA-Umgehungen, damit die betrügerischen Links ihre Ziele erreichen.
Was im Unternehmenskontext besonders schwer wiegt, ist die Folgewirkung solcher Angriffe. Phishing ist nicht mehr nur das Einholen eines Passworts; es geht um den Zugriff auf laufende Sitzungen, Token und damit um das Umgehen etablierter Kontrollen, die ursprünglich für „klassische“ Login-Fehler ausgelegt waren. Wenn Angreifer Sitzungscookies abgreifen und anschließend Cloud-Ressourcen ansteuern, verschiebt sich die Herausforderung von der Benutzeraufklärung hin zu session-basierten Schutzmechanismen und zu einer konsequenten Validierung von Berechtigungen. Damit wird auch verständlich, warum ein reiner Passwortwechsel oft nicht ausreicht: Wer bereits OAuth-Berechtigungen oder gültige Sitzungstoken erlangt hat, kann das Konto weiterhin in einer Weise nutzen, die im Hintergrund kaum noch nach „Phishing“ aussieht.
Parallel zur Zerschlagung kommt bereits die nächste Entwicklungsstufe auf den Radar: Device-Code-Phishing. In Beobachtungen wird eine globale AiTM-Kampagne beschrieben, die ab Mai 2026 verfolgt werden soll und bei der Angreifer Outlook-Konten kapern und E-Mails mit angeblichen Bestellanfragen versenden. Der entscheidende Schritt liegt dabei im scheinbar legitimen Bedienmuster: Empfänger sollen auf einer echten Microsoft-Anmeldeseite einen Code eingeben. Der Haken ist, dass der Code dem Angreifer gehört; wer ihn einträgt, gewährt dauerhaft wirksamen Zugriff auf E-Mails sowie auf SharePoint und OneDrive. Laut den Sicherheitsbeobachtungen tauchten mehrere Kits in solchen Kampagnen auf, darunter auch Varianten wie „EvilProxy“ und „FlowerStorm“; zudem sollen Domains fortlaufend gewechselt werden, um Erkennung durch einfache Indikatoren zu erschweren.
Für Security-Teams bedeutet das, dass Schutzkonzepte künftig stärker an den Mechanismen ansetzen müssen, mit denen Token und Sitzungen missbraucht werden. In der Praxis heißt das: Phishing-resistente Authentifizierung sollte Priorität bekommen – also Verfahren, bei denen keine übertragbaren Codes oder Token als „Spiegel“ zum Angreifer dienen. Ebenso wichtig sind aktive Sitzungswiderrufe, um alte Sessions zuverlässig zu beenden, statt nur auf nächste Logins zu warten. Auf Protokollebene rückt eine strenge OAuth-Prüfung in den Vordergrund, etwa in Form von Entra-ID-Analysen auf untypische Berechtigungen oder ungewöhnliche Zugriffspfade. Daneben wird empfohlen, den Device-Code-Fluss gezielt einzuschränken, statt ihn pauschal für alle Szenarien zu erlauben; gerade hier entsteht häufig ein Komfortkanal, der von Angreifern ausgenutzt werden kann. Außerdem liefert die in den Beobachtungen genannte Aktivitätsdichte bei Kits wie „Kali365“ einen pragmatischen Anlass für Incident- und Hardening-Planungen: Wenn solche Kampagnen regelmäßig in öffentlichen Sandbox-Umgebungen auftauchen, ist das ein Frühwarnsignal für Muster, die sich auch im produktiven Umfeld wiederfinden können.
Unterm Strich macht der Fall Kratos ein übergreifendes Sicherheitsproblem sichtbar: Angreifer optimieren ihre Kampagnen nicht nur auf bessere Köder, sondern auf bessere Integrationspunkte in Unternehmens-Ökosysteme. Die unmittelbare Auswirkung der Zerschlagung besteht zwar darin, eine zentrale Angriffsinfrastruktur zu unterbrechen; die strategische Konsequenz für Organisationen bleibt aber langfristig. Sobald MFA und „klassisches“ Passwortdenken nicht mehr die Hauptlinie des Schutzes darstellen, müssen Unternehmen ihre Abwehr auf die gesamte Kette aus Session, Berechtigung und Cloud-Workflow ausrichten. Das betrifft sowohl technische Kontrollen in Microsoft-365-nahen Systemen als auch Prozesse, die bei verdächtigen Anmeldeereignissen nicht nur Konten sperren, sondern Rechte zeitnah widerrufen und Anmeldepfade nachvollziehbar machen.
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