LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Feldstudie zeigt, dass das körpereigene Endocannabinoid Anandamid während eines Marathons kontinuierlich ansteigt und noch 45 Minuten nach dem Zieleinlauf erhöht bleibt. Auch bei Ultramarathons bis zu 230 Kilometern finden die Forschenden höhere Werte im Vergleich zu vorher. Gleichzeitig berichten die Athletinnen und Athleten über veränderte Stimmungslagen wie weniger Angst und teilweise mehr Euphorie, allerdings ohne den Beleg für einen direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhang. Damit rückt das Endocannabinoid-System als möglicher biologischer Baustein des „Runner’s High“ in den Fokus.

Wer nach Stunden im Laufschritt dieses „Runner’s High“ beschreibt, bekommt nun auch messbare Hinweise aus der Biochemie. Eine neue Studie in BMC Medicine beobachtet, dass ein körpereigenes Signal-Lipid während eines Marathons systematisch ansteigt: Anandamid (AEA) steigt über die gesamte Laufstrecke hinweg und bleibt noch 45 Minuten nach dem Ziel erhöht. Besonders spannend ist dabei der Vergleich mit längeren Belastungen: Bei Ultramarathons bis 230 Kilometer finden die Forschenden ebenfalls höhere Anandamid- und 2-AG-Werte (2-Arachidonoylglycerol) als vor dem Start.
Damit erhält eine ältere Erklärung neuen Wettbewerb. Früher wurde das Phänomen häufig auf Endorphine zurückgeführt – körpereigene, opioide Botenstoffe, die Schmerz dämpfen können. Das Problem: Endorphine sind groß und wasserlöslich, und es gilt als nicht gut belegt, dass sie in relevanten Mengen die Blut-Hirn-Schranke überwinden, also jene Schutzbarriere zwischen Blutkreislauf und Gehirn. Endocannabinoide dagegen sind klein und fettlöslich, werden bei Bedarf aus Membranbestandteilen synthetisiert und können diese Barriere passieren. Außerdem wirken sie auf dieselben Rezeptoren, die auch von THC aus Cannabis adressiert werden. Für das „Runner’s High“ wäre das eine plausible Schnittstelle zwischen körperlicher Belastung und zentralnervöser Regulation.
Die Daten aus der neuen Arbeit bauen auf eine Reihe früherer mechanistischer Hinweise auf. Bereits in einem Tierexperiment zeigte eine Arbeitsgruppe um Johannes Fuss, dass rollradlaufende Mäuse für weniger Angst und niedrigere Schmerzempfindlichkeit eher auf Cannabinoid-Rezeptoren als auf Opioid-Rezeptoren angewiesen sind (2015). In der Übersetzung in den Menschen folgte später ein klinischer Versuch: Teilnehmende erhielten ein Medikament, das Opioid-Rezeptoren blockiert, und trotzdem berichteten sie typische, beruhigende und euphorische Effekte des „Runner’s High“ (2021). Ergänzend dazu hatten eine systematische Übersichtsarbeit derselben Gruppe sowie weitere Befunde gezeigt, dass bei Übungen unter etwa einer Stunde häufig Endocannabinoid-Anstiege nachweisbar sind (2022), die Frage nach den echten Langstrecken blieb aber offen.
Genau diese Lücke adressieren die nun präsentierten Feldstudien. Für den Marathon untersuchten die Forschenden 19 erfahrene Läuferinnen und Läufer (7 Frauen, 12 Männer), die eine Strecke mit drei 14-Kilometer-Schleifen um den Baldeneysee bei Essen absolvierten. Als Vergleich dienten ein bis zwei Monate später identisch lange Geh-Sessions entlang derselben Route – mit bewusst realistischem Tempo aus Selbstwahl. Blutproben nahmen die Teams vor dem Start, bei 14 und 28 Kilometern, direkt nach dem Marathon (rund 43 Kilometer Gesamtlänge) sowie nach einer 45-minütigen Ruhepause. Parallel beurteilten die Athletinnen und Athleten per visueller Ratingskala Euphorie, Angst und körperliche Schmerzen. Hier zeigt sich ein klares Muster: Anandamid stieg während des Marathons progressiv, war zur Halbzeit beim Laufen höher als beim Gehen und blieb auch nach dem Ende noch 45 Minuten erhöht. Die Intensität der Belastung war deutlich höher als im Geh-Vergleich, und auch 2-AG verlief anders: erst niedriger als beim Gehen, dann anziehend gegen Ende und in der frühen Erholungsphase.
Die zweite Studie betrachtet 36 Athletinnen und Athleten der TorTour de Ruhr mit Distanzen von 100, 160 und 230 Kilometern (13 Frauen, 23 Männer). Auch hier sammelten die Teams Blut und Mood-Ratings vor dem Rennen und kurz nach dem Zieleinlauf. In allen drei Ultramarathon-Gruppen fanden sich nach dem Rennen höhere Konzentrationen von Anandamid und 2-AG im Vergleich zu den Ausgangswerten. In einem explorativen Vergleich lagen die Anandamidwerte nach dem Marathon im Messdatensatz fast doppelt so hoch wie nach den längeren Ultrastrecken. Die Autoren führen das – vorsichtig – darauf zurück, dass die Intensität der kürzeren, aber immer noch langen Belastung möglicherweise stärker ausfällt. Bei der Stimmung zeigte sich ebenfalls Dynamik: Angstwerte fielen nach dem Rennen, Euphorie blieb im Ultramarathon-Teil je nach Distanz ohne statistisch signifikante Veränderung, während Schmerzen während des Rennens häufiger zunahmen. Gleichzeitig berichteten nur 3 von 19 Marathonläufern von einem „Runner’s High“ während des Marathons; bei den Ultramarathonläufern war die Quote deutlich höher – mit 12 Ja-Angaben, aber auch vielen Nicht- oder Unentschlossenen.
Wichtig ist: Diese Ergebnisse liefern eine biologische Plausibilität, aber sie beweisen keine direkte Kausalität. Die Studie misst Endocannabinoide im Blut, nicht direkt im Gehirn, und sie testet nicht, ob Athletinnen und Athleten mit dem stärksten Anandamid-Anstieg auch zwingend die stärkste Euphorie oder die deutlichste Angstreduktion erleben. Dazu kommt, dass das Studiendesign beim Marathon als „Kontrolle“ zwar das Gehen nutzt, aber eben nicht völlige Ruhe: Selbst die Vergleichsbedingung enthält damit eine minimale körperliche Aktivität. Auch Faktoren wie Ernährung, Rest und Tageszeit waren nicht vollständig standardisiert, und bei den Ultramarathons konnten Blutproben nicht „live“ während des Rennens für alle Gruppen genommen werden. In einem Nebenpunkt bleibt zudem der Befund: Das „Runner’s High“ dürfte eher ein Zusammenspiel mehrerer Neuromodulatoren sein – Dopamin, Serotonin, endogene Opioide und andere Signalsysteme werden in solchen Erklärungen typischerweise als Orchester diskutiert, statt dass ein einzelnes Molekül das Gesamtbild alleine erklärt.
Für die Praxis in Sportwissenschaft, Training und potenziell auch für therapeutische Ansätze bedeutet das: Langstrecken scheinen das Endocannabinoid-System nicht nur kurzfristig zu beeinflussen, sondern über Stunden hinweg aktiv zu bleiben. Genau dieser zeitliche Verlauf unterscheidet sich von vielen früheren Untersuchungen, die auf Einheiten unter 60 Minuten fokussierten. Ob sich daraus später konkrete Strategien ableiten lassen – etwa zur Steuerung von Intensität, Ernährung oder Erholungsmechanismen – bleibt Aufgabe weiterer Forschung. Technisch steht zugleich eine anspruchsvolle Messfrage im Raum: Wie wirken Endocannabinoide im zentralen Nervensystem während wirklich lang andauernder Belastung, und wie stark korrelieren diese zentralen Prozesse mit subjektiven Zuständen wie Flow, Ruhe oder Schmerzreduktion? Die neue Arbeit liefert dafür zumindest einen klaren Kandidaten und eine messbare Dynamik, die in zukünftigen Studien gezielt weiterverfolgt werden kann.
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