UNTERFRANKEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Metall- und Elektro-Tarifrunde 2026 nimmt Fahrt auf: Während die IG Metall ihre Forderungen im September ankündigt, beginnen die offiziellen Verhandlungen im Oktober. Im Zentrum steht die Frage, ob die 35-Stunden-Woche weiter als Leitplanke gilt oder stärker für flexible Modelle aufgebrochen wird. Die Arbeitgeberseite aktualisiert dafür bereits die Zeitschiene und bereitet regionale Termine vor, während parallel Abweichungen vom Tarif in einzelnen Regionen deutlich zunehmen. Für Unternehmen wird damit die rechtssichere Gestaltung von Arbeitszeit, Pausen und Überstunden zum operativen Top-Thema.

Die Vorbereitungen auf die M+E Tarifrunde 2026 in der Metall- und Elektroindustrie gewinnen an Substanz, weil sich der Konflikt um die Arbeitszeit nicht mehr nur als allgemeine Debatte abzeichnet, sondern in konkrete Zeitscheiben und Messpunkte übersetzt wird. Arbeitgeberverbände wie bayme vbm haben über das ServiceCenter Tarif die Abfolge für betriebliche Akteure aktualisiert. Während die formalen Eckpunkte für den Herbst 2026 bereits feststehen, wird parallel deutlich, dass besonders die Flexibilisierung der Arbeitszeit und die Zukunft der 35-Stunden-Woche die Verhandlungsenergie bündeln dürfte.
Der Fahrplan folgt dabei einem klaren Rhythmus: Die IG Metall will ihre konkreten Forderungen für die Tarifrunde im September 2026 bekannt geben, die offiziellen Verhandlungen zwischen den Tarifparteien sollen im Oktober 2026 starten. Damit bleibt genug Zeit, um regionale Besonderheiten aufzunehmen und den Austausch mit Mitgliedsunternehmen zu organisieren; bayme vbm nennt dafür Termine im vierten Quartal, darunter eine Regionalversammlung in Unterfranken am 30. November 2026. Diese Taktung ist mehr als Organisation: In der M+E-Welt entstehen tarifpolitische Druckpunkte häufig aus der Differenz zwischen dem, was tariflich vereinbart ist, und dem, was in Schichtplanung, Auslastungsschwankungen und betrieblichen Ausnahmemodellen tatsächlich gelebt wird.
Auch auf der regulatorischen und informativen Ebene wird bereits Vorarbeit sichtbar. Im Juli 2026 veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) das Verzeichnis allgemeinverbindlicher Tarifverträge, und zudem liegen Informationen zur siebten Verordnung über die Lohnuntergrenze in der Arbeitnehmerüberlassung vor. Für Unternehmen verschiebt sich dadurch der Fokus in den Alltag: Arbeitszeitgestaltungen müssen nicht nur betriebswirtschaftlich funktionieren, sondern sich auch an den rechtlichen Rahmen halten, insbesondere wenn Überstunden, Pausenregelungen oder Ausnahmen aus tariflichen Standards heraus umgesetzt werden. Gerade dort wird in vielen Betrieben der Aufwand oft unterschätzt, weil rechtssichere Prozesse, Dokumentation und Abstimmung mit Betriebsräten zusammenkommen.
Der eigentliche Streitpunkt ist in den vorliegenden Angaben auch zahlenbasiert unterfüttert: Die IG Metall nennt für 2025 in Baden-Württemberg 300 Abweichungen vom geltenden Tarifvertrag. Das entspreche einer Steigerung um 50 Fälle gegenüber 2024. Aus Sicht der Gewerkschaft ist das ein Signal, dass die 35-Stunden-Woche zunehmend unter Druck gerät, weil flexible Arbeitszeitmodelle oder befristete Aufweichungen als betriebliche Antwort auf Auslastungs- und Produktivitätsprobleme genutzt werden könnten. Gleichzeitig zeigt diese Entwicklung, wie komplex inzwischen die rechtssichere Gestaltung von Arbeitszeiten geworden ist: Schon kleine Änderungen in der Praxis können Folgefragen auslösen, etwa zu Vergütung, Planbarkeit und der Abgrenzung zwischen zeitlicher Flexibilisierung und dauerhafter Arbeitszeitverlängerung.
Der Markt liefert dafür sichtbare Beispiele aus der Automobil- und Zulieferindustrie. Mercedes wird in den Verhandlungen eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche adressieren und dies mit einer mangelnden Auslastung der Werke begründen. Beim Schienenfahrzeughersteller Stadler in Berlin sei eine befristete Erhöhung auf 40 Stunden vereinbart worden; eine Rückkehr zur 35-Stunden-Woche sei dort erst für die 2030er Jahre vorgesehen. Auch Aumovio habe die wöchentliche Arbeitszeit an Standorten wie Ingolstadt und Villingen-Schwenningen von 35 auf 38 Stunden angehoben. Solche Konstellationen sind für die Tarifrunde deshalb relevant, weil sie den politischen Verhandlungsspielraum verkleinern: Arbeitgeber können mit konkreten betrieblichen Handlungslogiken argumentieren, während Gewerkschaften die langfristige Erosion tariflicher Standards befürchten.
Neben der Arbeitszeitfrage taucht der zweite große Themenblock in den Angaben als Standortsicherung und Restrukturierung auf. Am Beispiel von Mahle werden regionale Unterschiede in Vereinbarungen zur Standortsicherung sichtbar, was die Bedeutung lokaler Betriebsvereinbarungen unterstreicht. Im Standort Stuttgart hätten sich die Betriebspartner auf eine Senkung von Einmalzahlungen und eine Verschiebung der Entgelterhöhung verständigt; im Gegenzug sei ein Kündigungsschutz bis 2029 vereinbart worden. Für das Werk in Neustadt hingegen sei die Schließung beschlossen worden, mit der Folge, dass 400 Mitarbeiter vom Standort-Aus betroffen sind, weil die Produktion in die Slowakei verlagert werden soll. Solche Entscheidungen wirken direkt auf die Tarifverhandlungen, weil Arbeitszeitpolitik in der Praxis schnell mit Beschäftigungssicherung und Standortlogik verknüpft wird.
Parallel zur Tarifpolitik passt sich die Verbandsarbeit an die veränderten Rahmenbedingungen an: Seit dem 6. Juli 2026 führt bayme vbm das neue Geschäftsfeld Verteidigungswirtschaft. Daneben stehen im Herbst weitere Fachveranstaltungen auf der Agenda, darunter ein Kongress zur Digitalisierung im Steuerwesen am 6. Oktober 2026 sowie das Forum Ausbildung in Schwaben am 8. Oktober 2026. Für die M+E-Branche ist das insofern strategisch, als die Tarifrunde nicht im luftleeren Raum stattfindet: Fachkräftemangel und digitale Transformation treffen auf den Anspruch, Arbeitszeitmodelle so zu gestalten, dass sie sowohl mit Produktionserfordernissen als auch mit rechtlichen Vorgaben zusammenpassen.
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