MIAMI / LONDON (IT BOLTWISE) – City Labs hat einen ersten kommerziellen, nuklear gespeisten Satelliten-„Payload“ erfolgreich in den Orbit gebracht und damit einen praktischen Test für betavoltaische Tritium-Batterien gestartet. Die Technologie soll über Jahrzehnte Strom liefern, ohne auf Sonne angewiesen zu sein – ein entscheidender Faktor für Missionen in Regionen mit langen Dunkelphasen. CEO Peter Cabauy ordnet das als notwendige Infrastruktur für weitere Schritte im Weltraum ein, etwa für eine Besiedlung des Mondes. Gleichzeitig rückt das Unternehmen die Sicherheits- und Regulierungsseite der „Nuclear Micropower“ in den Fokus.

Miami: City Labs bringt kommerzielle Betavoltaik-Nuklearbatterie in den Orbit
Miami: City Labs bringt kommerzielle Betavoltaik-Nuklearbatterie in den Orbit (Foto: IT BOLTWISE)
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City Labs aus Miami setzt bei der Energieversorgung für den Weltraum auf eine Nische, die bislang eher als Laboridee galt: betavoltaische Nuklearbatterien auf Basis von Tritium. Statt groß dimensionierter Reaktoren wird dabei ein sehr kleines, radioaktives Brennelement genutzt, um über Jahre und sogar Jahrzehnte zuverlässig elektrische Energie zu erzeugen. Der aktuelle Meilenstein: Anfang des Monats ging ein erstes kommerzielles, nuklear betriebenes Payload in den Orbit – an Bord einer Falcon-9-Mission. Für eine Branche, die bei Satellitenstrom häufig von Solarzellen, Umwandlungslogik und schweren Energiespeichern abhängt, ist genau dieses „nicht nur tagsüber Strom haben“-Versprechen der Kern.

Das Projekt trägt den Namen BOHR, ausgeschrieben als Betavoltaic Orbital High-Reliability CubeSat. Dabei handelt es sich um einen Miniatursatelliten im CubeSat-Format, der die betavoltaischen Nano-Tritium-Batterien von City Labs nutzt. Im Mittelpunkt steht weniger die „Leistung“, sondern die Belastbarkeit: Ob das Batteriekonzept die extremen Bedingungen im Weltraum aushält, also thermische Schwankungen, Vakuum und die gesamte Missionsdynamik, die bei Orbitalbetrieb auf Komponenten einwirkt. Für Unternehmen und Entwickler ist das deshalb mehr als ein Demonstrationsflug, weil sich hier eine grundlegende Designannahme überprüfen lässt: Wenn die Energiequelle langfristig stabil bleibt, verschiebt sich das gesamte Systemdesign weg von großen Batteriebänken hin zu leichteren und robusteren Energiemodulen.

Cabauy adressiert in den Gesprächen zu der Technologie auch das größte psychologische Hindernis: Der Begriff „nuklear“ löst typischerweise Bilder von großen Anlagen, Kühlstrukturen und Katastrophenfilmen aus. Der Ansatz von City Labs wird dagegen als „Nuclear Micropower“ beschrieben – inhaltlich vergleichbar mit Anwendungen, bei denen Strahlung in klar abgegrenzten medizinischen Kontexten genutzt wird, etwa bei Bildgebung oder Therapieformen wie Protonenbehandlung. Wichtig ist in dieser Argumentationslinie auch die Sicherheitsarchitektur: Tritium wird als sicher genug eingeordnet, um in der Nähe der Öffentlichkeit betrieben zu werden, allerdings nur unter Einhaltung regulatorischer Vorgaben. Der Verweis auf alltägliche Tritium-Anwendungen in South Florida dient dabei als Alltagsbrücke, um die Abstände zwischen „Makro-Nukleartechnik“ und „Mikro-Nuklearelektrik“ verständlich zu machen.

Aus technischer Sicht verschiebt betavoltaische Energieversorgung vor allem die Trade-offs bei Missionen außerhalb der optimalen Sonnenlage. Auf dem Mond ist die Herausforderung besonders drastisch: Die Mondnacht dauert laut Darstellung zwei Erdwochen. Solarstrom kann zwar grundsätzlich funktionieren, aber dann werden sehr schwere Energiespeicher nötig, um die lange Dunkelphase zu überbrücken. Cabauy setzt dagegen ein betavoltaisches Szenario: Für den Betrieb eines Mondlanders in dieser Zeit wären nach seiner Rechnung etwa 0,5 Kilogramm Tritium-Heizkomponenten ausreichend, während konventionelle Batterieansätze im ähnlichen Zeitraum deutlich höhere Massen erfordern würden – im Beispiel nennt er die Größenordnung von 100 Kilogramm Batteriemasse für die Überlebensfähigkeit während der Mondnacht. Hinzu kommt der ökonomische Effekt: Er nennt einen Marktpreis von „einer Million US-Dollar pro Kilogramm“, worauf sich die Hoffnung richtet, dass solche Energiesysteme künftig nicht nur technisch, sondern auch kosten- und massenseitig missionenfreundlich werden.

Der Start selbst ist zudem ein Signal für den kommerziellen Rahmen der Branche. Laut Darstellung verweist City Labs auf eine politische Weichenstellung aus dem Jahr 2019, die kommerziellen Akteuren den Transport und Start von Nuklearmaterial ins All dafür erleichtern soll, dass solche Systeme überhaupt praxisnah erprobt werden können. Dass die betavoltaische Technologie nun über eine kommerzielle Startdienstleistung in den Orbit gelangt ist, senkt für das Unternehmen die Einstiegshürde in die Serienlogik: Rideshare-Programme ermöglichen es, spezifische Payloads auf Mitfluggelegenheiten zu bringen und damit schneller Daten aus echten Orbitalbedingungen zu sammeln. Für die South-Florida-Planung ist das ebenfalls strategisch, weil sich ein lokales Engineering-Ökosystem nicht nur über Forschung, sondern auch über industrielle Arbeitsplätze und langfristige Projekte aufbauen muss.

Cabauy bettet die Unternehmensgründung explizit in den lokalen Kontext ein. Der CEO beschreibt, dass er selbst in Miami aufgewachsen ist, in der Region Physik studiert hat und anschließend im Anschluss akademische Stationen wie ein PhD in angewandter Physik absolviert hat. Zurück in Miami sieht er eine Lücke: Viele Absolventen würden in andere Bundesstaaten abwandern, weil dort die Engineering- und Wissenschaftsjobs konzentriert seien. Die City-Labs-Strategie soll dieser Dynamik entgegenwirken – mit dem Ziel, advanced materials und advanced manufacturing stärker lokal zu verankern. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen ein Fallbeispiel für eine typische Wachstumsrealität: Der Aufbau sei anfangs schwierig gewesen, aber er falle nicht aus dem Nichts, sondern auf eine vorhandene „DNA“ und den von ihm beobachteten technischen Unternehmergeist in Miami. In dem Moment, in dem der erste kommerzielle Orbit-Status erreicht ist, bekommt diese lokalpolitische Story messbare Substanz: nicht nur Vision, sondern Datenpunkte aus dem All.

Mit Blick auf die nächste Phase wird klar, woran sich der Erfolg der Technologie entscheiden dürfte: Nicht allein daran, dass eine Energiequelle „läuft“, sondern daran, ob sie zuverlässig über typische Missionszyklen und unter realen Umwelteinflüssen stabil bleibt und sich in ein Gesamtsystem aus Leistungselektronik, Thermomanagement und Nutzlast-Architektur einpassen lässt. Für Betreiber von Satelliten und für Agenturen, die langfristig „power availability“ auch für schwierige Orbitlagen planen, wäre das ein Baustein, der die Systemabhängigkeit von Sonnengeometrie reduziert. Genau darin liegt die strategische Bedeutung des BOHR-Starts: Er macht aus einer Energieidee eine überprüfbare, wiederholbare Ingenieuraufgabe – und eröffnet damit Optionen für Missionen, die früher an Masse, Batteriekosten oder Ausfallszenarien scheiterten.


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