FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Frankfurter Startup Mietzy baut eine Plattform auf, die Privatpersonen das Mieten und Verleihen von selten genutzten Werkzeugen und Haushaltsgeräten erleichtert. Die Gründer kombinieren die Idee von Sharing mit einem breiten Produktkatalog von Technik bis Freizeit. Für den Aufbau nutzen sie Programme zur Startup-Förderung in Hessen sowie eine Crowdfunding-Kampagne. Damit die Rechnung aufgeht, braucht es vor allem genügend Nutzer, damit Angebot und Nachfrage in Ballungsräumen sinnvoll zusammenfinden.

Mietzy bringt Sharing für selten genutzte Geräte in den Alltag
Mietzy bringt Sharing für selten genutzte Geräte in den Alltag (Foto: IT BOLTWISE)
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Viele Werkzeuge stehen im Keller, werden zweimal im Jahr gebraucht und verlieren dabei faktisch ihren Wert: Sie belegen Platz, altern im Verborgenen und verursachen bei jeder Neuanschaffung Ressourcen- und Emissionskosten. Genau an dieser Lücke setzt Mietzy an, ein Frankfurter Startup, das eine Peer-to-Peer-Plattform für das Vermieten und Mieten von Alltagsgegenständen zwischen Privatpersonen aufbauen will. Im Kern geht es um Gegenstände, die sich für einzelne Projekte zwar lohnen, für den dauerhaften Eigenbesitz aber nicht effizient sind – von Bohrwerkzeug und Hochdruckreiniger bis hin zu Freizeit- und Veranstaltungsequipment. Der Ansatz ist damit weniger eine komplette Erfindung als eine konsequente Digitalisierung bestehender Nachbarschafts- und Leihstrukturen, bei der Zuordnung, Zustand und Finanzierung stärker in eine App-Logik überführt werden.

Das Modell beginnt bei sehr konkreten Nutzerproblemen. Jonas Knieling aus dem Rhein-Main-Umfeld beschreibt seinen Fall als klassisches Muster: Beim Renovieren des Elternhauses in Groß-Zimmern (Darmstadt-Dieburg) kaufte er Werkzeuge und Maschinen, nutzte aber nur einen Teil davon regelmäßig. Statt die Geräte später wieder einzulagern, vermietet er nun ausgewählte Gegenstände über Mietzy – insbesondere solche, die nicht täglich gebraucht werden und die im Keller effektiv „verstauben“. Diese persönliche Perspektive ist für den Markt entscheidend, weil Sharing-Modelle nur dann funktionieren, wenn sie nicht als abstrakte Nachhaltigkeitsidee verkauft werden, sondern als pragmatische Optimierung von Kosten, Lagerfläche und Nutzungsintensität. Auch die Gründer Salim Zeyen und Benedikt Dreismann spiegeln dieses Denken wider: Zeyen sah in der Anschaffung von Geräten für eine kleine Wohnung schlicht keinen Platz, Dreismann wurde durch einen bestimmten Gegenstand wie den Hochdruckreiniger auf die Restnutzung im Haushalt aufmerksam.

Technisch und operativ ist Mietzy vor allem ein Marktplatz mit einem Abwicklungsproblem: Es reicht nicht, Angebote und Gesuche nebeneinanderzustellen. Damit Privatpersonen sich tatsächlich aufeinander verlassen, müssen Preislogik, Kautionsabwicklung und die Dokumentation des Zustands zuverlässig organisiert werden. Die Plattform adressiert das über Rollen und Verantwortlichkeiten, die der Nutzer aktiv prüfen kann: Vermieter legen Preis und Kaution selbst fest, und damit wird der „Vertrauensanker“ weniger automatisch als vielmehr pro Angebot erzeugt. Verbraucherschützer wie Peter Lassek von der Verbraucherzentrale Hessen raten daher zur sorgfältigen Vorprüfung, insbesondere bei Fragen zu Zustand, erlaubter Nutzung, verlangter Kaution und dem Risiko im Schadensfall. Zusätzlich wird die Dokumentation betont – etwa durch Fotos bei der Übergabe – weil der Alltag in solchen Leihbeziehungen schnell zwischen „gewöhnlichem Verschleiß“ und tatsächlichem Schaden trennt.

Dass Sharing-Konzepte überhaupt skalieren können, erklärt auch die wirtschafts- und nachhaltigkeitsbezogene Einordnung aus der Wissenschaft und aus Branchenzahlen. Ralf Wagner, Professor für Nachhaltiges Marketing an der Universität Kassel, verweist auf beobachtbare Verhaltensverschiebungen: Bei Wohnmobilen ist das Mieten für Urlaubsreisen bereits etabliert; beim Carsharing nutzen laut Bundesverband-Angaben im Jahr 2024 über 5,5 Millionen Menschen entsprechende Angebote in Deutschland. Gleichzeitig macht Wagner den Unterschied sichtbar, dass Besitz bei bestimmten Gütern weiterhin stark vom Selbstbild abhängen kann – das Smartphone etwa wird nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Teil der Identität betrachtet. Übertragen auf die Mietzy-Logik bedeutet das: Der Erfolg hängt davon ab, welche Kategorien als „bedarfsorientiert“ und austauschbar wahrgenommen werden und welche eher als Status- oder Erlebnisobjekte gelten. Genau deshalb erweitert sich das Mietzy-Angebot nicht nur auf klassische Werkzeuge, sondern reicht bis zu Freizeitartikeln wie etwa einem Kinderkarussell oder einem Tischkicker – also Produkte, bei denen zeitliche Nutzung und projektartige Nachfrage plausibel sind.

Im Nachhaltigkeitsargument ist die Mechanik relativ einfach: Je höher die Nutzungsintensität pro gekauftem Produkt, desto geringer werden die Umweltwirkungen pro Nutzungseinheit. Zeyen formuliert diesen Zusammenhang über die Ressourcenkette: Jede Neuproduktion bindet Rohstoffe und Energie, verursacht CO2-Emissionen, benötigt Wasser und endet im Lebenszyklus häufig in Elektroschrott. Dem stellt die Verbraucherperspektive eine Kosten- und Effizienzlogik gegenüber: Sharing kann Ausgaben senken und gleichzeitig vorhandene Produkte intensiver nutzen, sofern tatsächlich weniger neue Anschaffungen nötig werden. Interessant ist dabei die Art, wie „Effizienz“ in solchen Debatten greifbar gemacht wird: Wagner nennt als Beispiel, dass eine durchschnittliche Bohrmaschine während ihres Besitzzeitraums statistisch nur rund 8 Minuten genutzt wird. Selbst wenn man solche Kennzahlen nicht als Naturgesetz behandelt, sie machen eine wichtige Zielrichtung klar: Sharing muss die Nutzungsdauer pro Gerät erhöhen – und das passiert in der Praxis nur, wenn die Plattform genügend passende Nutzer zusammenbringt.

Wirtschaftlich steht Mietzy damit vor einer klassischen Plattform-Herausforderung: Netzwerk- und Marktplatzdichte. Wagner betont, dass die größte Hürde darin liegt, eine ausreichende Dichte an Nutzenden zu erreichen, sodass sich Angebot und Nachfrage nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in sinnvollen Abständen treffen. Sobald ein Unternehmen viele Nutzer hat, wird es für Anbieter attraktiver; je mehr Anbieter vorhanden sind, desto attraktiver wird es wiederum für Nutzer. Das ist in Ballungsgebieten oft einfacher als im ländlichen Raum, weil die Wahrscheinlichkeit steigt, dass innerhalb kurzer Wege genügend passende Geräte verfügbar sind. Genau hier positionieren die Gründer den regionalen Start: Bislang beschränkt sich der Radius auf das Rhein-Main-Gebiet, während die Vision auf eine Vergrößerung in Deutschland und auch in Europa zielt. Für den Go-to-Market-Ansatz ist das relevant, weil jede neue Region nicht nur Marketing, sondern vor allem eine zeitnahe „kritische Masse“ an Vermietern erfordert.

Die Aufbauphase erklärt auch den Finanz- und Unterstützungsweg. Laut den Angaben der Gründer erhielt Mietzy früh Unterstützung aus Startup-Förderprogrammen in Hessen, unter anderem über Programme wie den Goethe-Unibator, Hessen Ideen und die TU Darmstadt, ergänzt durch einen Zuschuss der WIBank. Diese Basis reichte ihnen aber nicht, um das Unternehmen über einen längeren Zeitraum ohne zusätzliche Mittel durchzuführen; deshalb starteten sie zusätzlich eine Crowdfunding-Kampagne. Mit Blick auf das Produktangebot wird zudem sichtbar, wie Mietzy vom Anfangsmoment „Werkzeug“ in eine breitere Sharing-Welt hineinwächst: Über Website und App werden mittlerweile nicht nur Werkzeuge vermietet, sondern auch Freizeitartikel und Veranstaltungsequipment, wobei aus jedem Mieterlös 15 Prozent an das Startup gehen. Für die weitere Entwicklung wird dabei entscheidend sein, wie Mietzy Wachstum mit Vertrauen verbindet: Je mehr Kategorien und je mehr Transporte zwischen Haushalten, desto wichtiger werden saubere Zustandsbeschreibung, klare Regeln zur Nutzung und ein Prozess, der Streitfälle möglichst früh anhand von Übergabedokumentation und Nachvollziehbarkeit verhindert.


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