BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Motion hat eine Pre-Seed-Runde über 2 Millionen US-Dollar abgeschlossen, um seine Plattform für „Humanoids-as-a-Service“ auszubauen. Das Startup will humanoide Roboter über ein Mietmodell bereitstellen, bei dem Kunden statt hoher Anschaffungskosten eine monatliche Gebühr zahlen. Die Pauschale soll auch Datenverarbeitung, Training, IT-Infrastruktur sowie Wartung und Versicherungen abdecken. Parallel laufen in Belgien fünf Pilotprojekte, um den Betrieb in realen Logistik- und Industrieumgebungen zu validieren.

Das in Brüssel ansässige Startup Motion setzt mit einer Pre-Seed-Finanzierung von 2 Millionen US-Dollar ein klares Signal für einen neuen Zugang zu Robotik: Statt Roboter als einmalig gekaufte Hardware zu betrachten, positioniert sich das Unternehmen mit „Humanoids-as-a-Service“ (HaaS) für ein dauerhaftes Betriebsmodell. Der Zeitpunkt ist dabei nicht zufällig, denn viele Produktions- und Logistikbetriebe stehen unter Druck, Personalengpässe zu kompensieren und gleichzeitig Automatisierung schnell in den laufenden Betrieb zu integrieren. Genau an dieser Schnittstelle wirkt ein Miet- und Serviceversprechen oft stärker als klassische Kaufmodelle, weil es Erwartungs- und Investitionsrisiken anders verteilt.
Technisch und organisatorisch verschiebt Motion damit den Schwerpunkt vom einzelnen Roboter auf die Plattform dahinter. Laut Unternehmensangaben umfasst die monatliche Pauschale nicht nur die Bereitstellung einer Roboterflotte, sondern auch Datenverarbeitung, die Auswahl sowie das Training der Einheiten und die zugehörige IT-Infrastruktur. Für Anwender bedeutet das: Entscheidungen über Setup, Betriebskontinuität und Lernzyklen müssen nicht vollständig intern aufgebaut werden, was insbesondere in Teams mit begrenzten Kapazitäten für Robotik-Engineering entlasten kann. Gerade bei humanoiden Systemen, die in wechselnden Aufgabenumgebungen zuverlässig reagieren sollen, ist diese Entkopplung von „Hardware kaufen“ und „System betreiben“ ein entscheidender Faktor.
Ein weiterer Punkt ist die Breite des Serviceumfangs, die Motion ausdrücklich über das reine Robotik-Equipment hinauszieht. Finanzierung, Versicherung, Compliance-Leistungen und laufende Wartung sind in der Gebühr enthalten. Diese Bündelung adressiert typische Reibungsverluste in Projekten: In der Praxis liegen Hürden häufig nicht nur in der Ersteinrichtung, sondern auch im laufenden Betrieb, etwa durch Ausfallzeiten, Upgrades oder die Notwendigkeit, Daten und Konfigurationen über mehrere Standorte konsistent zu halten. Wenn der Dienstleister den Betrieb übernimmt, verlagert sich die operative Verantwortung – und damit auch die Erwartung, dass der Vertrag messbar zu Verfügbarkeit und Prozessqualität beiträgt.
Mit den fünf Pilotprojekten in Belgien konkretisiert Motion den Anspruch, humanoide Robotik in industriellen und logistischen Abläufen nachweisbar einzusetzen. Im Fokus stehen Aufgaben, die traditionell stark manuell erledigt werden: die Beladung von Transporteinheiten, Verpackungsprozesse sowie die präzise Platzierung von Komponenten. Der Nutzen dieser Testumgebungen liegt vor allem darin, reale Betriebsbedingungen zu spiegeln – also etwa Schwankungen in Materialzufuhr, Taktzeiten und Layouts, die in Labor-Setups oft nur eingeschränkt abbildbar sind. Motion verfolgt damit das Ziel, die Zuverlässigkeit unter echten Bedingungen zu dokumentieren und die Prozesse so zu optimieren, dass eine skalierbare Einführung möglich wird.
Das Investitions- und Wachstumsmotiv lässt sich zudem im Marktumfeld einordnen. Vor dem Hintergrund eines sich verschärfenden Arbeitskräfterückgangs im produzierenden Gewerbe führt Motion den Fachkräftemangel als Treiber an: Laut ManpowerGroup melden aktuell 72 % der Produzenten einen erheblichen Fachkräfterehlbedarf für das Jahr 2026. Ein HaaS-Ansatz kann in solchen Szenarien besonders attraktiv werden, weil er Automatisierung nicht zwingend als langfristige Kapitalbindung abbildet, sondern als flexible Dienstleistung. Für den Risikokapitalmarkt wiederum ist das Modell interessant, weil sich skalierbare Robotik-Lösungen stärker an operativen Kennzahlen und wiederkehrenden Einnahmen koppeln lassen als an Einmalerlösen aus Hardwareverkäufen.
Auch die Beteiligung spezialisierter Investoren passt in dieses Bild. Extantia Capital und Norrsken Evolve führen die Runde gemeinsam an, was die strategische Ausrichtung auf skalierbare Robotik-Use-Cases unterstreicht. Für Unternehmen bedeutet das vor allem: Wenn der Aufbau einer Robotik-Plattform in Form eines Serviceangebots gelingt, entsteht ein schnellerer Weg von der Pilotphase zur Breitenanwendung. Motion plant nach ersten Erfolgen in Belgien bereits die Expansion in die gesamte Benelux-Region, was für Anwender eine schnellere Prozessharmonisierung über mehrere Standorte hinweg nahelegt – vorausgesetzt, die Plattform schafft es, Training, Datenflüsse und Wartung auch bei wachsender Flottenzahl stabil zu betreiben.
Unterm Strich dreht sich die Story um eine typische Systemfrage der Automatisierung: Wer trägt die Komplexität – der Endnutzer oder der Anbieter? Motion versucht, die technologische Last über eine pauschale Servicekette zu bündeln, von der Auswahl und dem Training bis zu Wartung und Versicherungs- bzw. Compliance-Bausteinen. Für Entscheider in Industrie und Logistik ist das ein Ansatz, der nicht nur Kostenstrukturen verändert, sondern auch Projektplanung, Verantwortlichkeiten und interne Fähigkeiten. Wenn die Pilotdaten aus Belgien die gewünschten Zuverlässigkeits- und Prozessziele zeigen, könnte HaaS damit zu einem ernsthaften Betriebsstandard für humanoide Robotik werden – nicht als Ausweg aus Automatisierung, sondern als anderer Weg dorthin.
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