LONDON (IT BOLTWISE) – Saudi-Arabiens Megaprojekt Neom verschiebt sich weg von der futuristischen Stadt The Line hin zu KI-fähigen Rechenzentren in der Wüste. Im PIF-Jahresbericht 2025 steht nicht mehr die Utopie im Vordergrund, sondern die „Rentabilität“ in Phasen und mit kommerziellen Prioritäten. Gleichzeitig zeigt der Bericht ein klares Bild der Kapital-Realität: Ausländische Investitionen blieben aus, während das Vorhaben zuvor zunehmend auf Skepsis und Verzögerungen traf. Offen bleibt vorerst, wie die Infrastruktur dort konkret gekühlt werden soll und ob die Standortbedingungen tatsächlich zur geplanten Skalierung passen.

Saudi-Arabien dreht an Neom die nächste Schraube – und zwar dort, wo die Öffentlichkeit bisher vor allem „The Line“ gesehen hat. Das 170 Kilometer lange, verspiegelte und autofreie Stadtprojekt sollte als horizontales Wahrzeichen durch die saudische Wüste führen. Laut Berichten und dem nun herangezogenen PIF-Jahresbericht 2025 gilt die High-Tech-Planung jedoch als gescheitert beziehungsweise nicht mehr in der ursprünglichen Form tragfähig. Statt einer Stadt für Millionen Menschen steht nun eine Infrastruktur im Fokus, die aus Sicht der Betreiber deutlich schneller in belastbare Einnahmen übersetzbar ist: Rechenzentren für KI-Berechnungen.
Der Wechsel wirkt dabei nicht wie ein reiner Stilbruch, sondern wie das Ergebnis eines längeren Vertrauens- und Finanztests. Neom wurde zwar mit extremen Dimensionen beworben – von schwimmenden Industrieparks über Ski-Attraktionen bis zu Luxus-Zielen –, doch die Umsetzung der High-Tech-Stadt geriet ins Stocken. Berichten zufolge gab es auf der Baustelle eine deutliche Abwanderung: Viele Arbeiter verließen den Standort. Auch inhaltlich veränderte sich das Konzept: Wie beschrieben, wurde der horizontale Wolkenkratzer als zentrale Vision aufgegeben, und das Projekt wurde schrittweise verkleinert.
Technisch und wirtschaftlich hängt daran ein Kernproblem, das in solchen Großprojekten schnell zum Engpass wird: Machbarkeit. Aus dem Umfeld der Planung ist mehrfach Kritik an der Umsetzbarkeit laut geworden, hinzu kamen Verzögerungen und die fortgesetzte Redimensionierung einzelner Bausteine. Ein zusätzlicher Dämpfer kam mit dem Resort Sindalah, dessen Eröffnung offenbar nicht zur erwarteten Investorenstabilität führte und personell Konsequenzen nach sich zog. Danach setzte der neue Neom-Chef Aiman Al-Mudaifer dem Bericht zufolge stärker auf Kostendisziplin und stoppte exzessive Ausgaben – ein Schritt, der Investoren häufig als Signal für Risiko-Management interpretieren, aber eben auch den Handlungsspielraum begrenzt.
Finanziell soll Saudi-Arabiens Staatsfonds trotzdem nicht „ausbluten“: Im Jahresbericht 2025 wird ein Nettogewinn von 17 Milliarden Dollar ausgewiesen. Entscheidender wirkt aber die zweite Ebene – die Kapitalbeschaffung außerhalb des eigenen Budgets. Der Bericht macht deutlich, dass ausländische Investitionen an einer zentralen Stelle ausblieben. Genau dort kollidieren Prestigeprojekte häufig mit der Realität des Projektfinanzierungsmarkts: Je weniger belastbare Meilensteine und je größer die technische Unsicherheit, desto höher fallen für externe Kapitalgeber Risikoaufschläge aus – oder sie steigen gar nicht erst ein. So entsteht aus einem geplanten Megaprojekt faktisch ein Portfolio, in dem einzelne Vorhaben neu priorisiert werden.
Damit wird auch die inhaltliche Neuausrichtung nachvollziehbar: Rechenleistung lässt sich in der Regel modularer bauen, günstiger phasenweise hochskalieren und – zumindest aus Investorensicht – schneller in Verträge mit kommerziellen Abnehmern oder Cloud-nahen Nutzungsszenarien übersetzen als eine komplette Stadtplanung. Im PIF-Jahresbericht 2025 taucht demnach nicht mehr The Line als symbolische Leitlinie auf, sondern „Rentabilität“. Die Umsetzung soll in Phasen erfolgen und sich an rein kommerziellen Prioritäten orientieren. Genannt werden „kommerzielle Nachhaltigkeit“ sowie Prioritätssektoren einschließlich KI, Logistik und sauberer Energie – die Botschaft: KI-Workloads werden als Teil eines wirtschaftlich verwertbaren Gesamtsystems betrachtet, nicht als dekorative Komponente eines Masterplans.
Gleichzeitig bleiben entscheidende technische Fragen offen. Der Bericht betont, dass andere Neom-Projekte wie Oxagon (schwimmende Industriestadt), Trojena (Bergresort) und die Luxusinsel Magna weiterhin realisiert werden, aber nun „wirtschaftlich orientiert“ priorisiert. An der Baustelle hätten bis Herbst 2025 zwar gewaltige Erdarbeiten stattgefunden, doch außer einigen Fundamenten und Rohrleitungen sei noch wenig zu sehen. Besonders die Frage der Kühlung für ein KI-Rechenzentrum in der Wüste ist dabei zentral, weil sie direkt die Betriebskosten, die technische Ausfallsicherheit und die Skalierung beeinflusst. Unklar bleibt zudem, wie schnell sich die nötige Infrastruktur für Strom, Netzanbindung und Wasser- beziehungsweise Kälte-Management tatsächlich hochziehen lässt.
Auch die Außenwirkung zeigt, dass Neom seine ursprüngliche Erzählung zumindest vorerst nicht vollständig liefern kann. Berichten zufolge hat das Königreich seine Pläne zurückgezogen, die asiatischen Winterspiele 2029 auszurichten; diese sollten in Trojena stattfinden, doch das Bergresort ist demnach noch nicht fertig. Kritiker innerhalb Saudi-Arabiens, die das Vorhaben von Beginn an als unrealistisch bewertet hatten, sehen sich darin bestätigt: Die fantastischen Aspekte hätten aus ihrer Sicht ausländische Investoren abgeschreckt und ihnen den Eindruck vermittelt, dass das Projekt eher von Größenfantasie als von belastbarer Umsetzbarkeit getragen sei. Für Unternehmen in der KI-Branche ist das gleichzeitig eine Chance und ein Warnsignal: Wer solche KI-Standorte mitgestaltet, sollte die technische Betriebsrealität (Energie, Kühlung, Skalierung) früh in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einpreisen, statt die Erfolgsgeschichte erst nach dem Bau zu behaupten.
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