HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Die dritte Verhandlungsrunde für die Beschäftigten der niedersächsischen Metall- und Elektroindustrie ist ohne Ergebnis beendet worden. IG Metall legte nach eigenen Angaben einen Vorschlag vor, der stärker auf Beschäftigungs- und Investitionssicherung setzt. Die Gewerkschaft hält an fünf Prozent mehr Entgelt bei zwölf Monaten Laufzeit fest und ergänzt befristete Anpassungen für kriselnde Unternehmen. Auf Arbeitgeberseite signalisiert man dagegen weiterhin Gesprächsbereitschaft, nennt aber bei der Entgeltfrage noch klare Differenzen.

Die Stimmung in der niedersächsischen Metall- und Elektroindustrie kippt in der Tarifrunde spürbar Richtung „Weiter so, aber bitte mit Substanz“: Nach der dritten Verhandlungsrunde gibt es noch keine Einigung, obwohl die Verhandlungsparteien bereits spürbar näher an ein gemeinsames Modell heranrücken wollten. IG Metall und der Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall haben laut Mitteilung das Ergebnis der Runde nicht bekanntgegeben, dafür aber den nächsten Takt offengelegt: Die Gewerkschaft präsentierte einen eigenen Vorschlag zur Lösung des Tarifstreits und stellte dabei vor allem die Perspektive von Beschäftigung, Investitionen und Standortsicherung in den Mittelpunkt.
Technisch betrachtet ist das Vorgehen weniger ein reines Entgeltpaket als ein Mechanismus-Entwurf: IG Metall hält an der grundsätzlichen Forderung fest, fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten durchzusetzen. Gleichzeitig will die Gewerkschaft einen zusätzlichen, zeitlich befristeten Tarifvertrag ermöglichen, der Investitionen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze absichert, wenn Unternehmen in Struktur- und Produktkrisen stecken. Damit soll in bestimmten Betrieben die starre Kopplung zwischen Tarifniveau und individueller wirtschaftlicher Lage gelockert werden – allerdings nicht nach Gutdünken, sondern über vertraglich festgelegte Bedingungen.
Aus Sicht der IG Metall ist die Freigabe für zeitweilige Anpassungen an klare Voraussetzungen geknüpft: Der Vorschlag verlangt „verbriefte und verbindliche Zusagen“ der Unternehmen für Investitionen, Arbeitsplätze und den Erhalt von Standorten. IG Metall formuliert den Kern damit als eine Art Wette mit Gegenleistung: Die Betriebe bekommen mehr Spielraum, wenn es schwierig wird, müssen dafür aber auch messbar nachweisen, dass Investitionen und Beschäftigung in der Krise nicht nur rhetorisch, sondern durch Vereinbarungen gesichert werden. In der Praxis bedeutet das für Tarifvertragsparteien vor allem mehr Verhandlungs- und Kontrollaufwand, weil „Verbindlichkeit“ und „zeitlich begrenztes Aussetzen“ sauber ausgestaltet werden müssen, damit Arbeitgeber Zusagen liefern und Arbeitnehmer die Effekte nachvollziehen können.
Während die Gewerkschaft also einen zusätzlichen Pfad für kriselnde Unternehmen skizziert, bleibt die Arbeitgeberseite zunächst bei einer anderen Tonlage. Der Verhandlungsführer Mladen Petkovic erklärte nach der dritten Runde, man sei „auf einem guten Weg“. Gleichzeitig fordert NiedersachsenMetall von der Gewerkschaft Bewegung in der Entgeltfrage: Entgeltentwicklung und Flexibilitätsdiskussion laufen nach Arbeitgeberdarstellung noch nicht parallel genug. Konkrete Zahlen liegen ebenfalls auf dem Tisch: Für fünf Tarifbezirke abgestimmt sehen die Arbeitgeber bislang im Juli 2028 eine tabellenwirksame Entgelterhöhung um 1,3 Prozent vor. Dazu kommt ein Vorschlag für das kommende Jahr – im Juli eine Einmalzahlung in Höhe von einem Prozent des durchschnittlichen tariflichen Jahresbruttoentgelts; nach Angaben der IG Metall kalkulieren die Arbeitgeber dabei mit rund 660 Euro brutto. Diese Zahlung soll dem Vorschlag zufolge ausgesetzt werden können, wenn Unternehmen kaum noch verdienen, die Laufzeit soll bis zum 31. Dezember 2028 reichen.
Dass es zwischen beiden Seiten so zäh ist, überrascht kaum vor dem Hintergrund der bisherigen Eskalationsdynamik. Laut Bericht wurden nach dem Ende der Friedenspflicht am 1. November in zahlreichen Betrieben Warnstreiks durchgeführt, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Gleichzeitig zeigt der Zuschnitt der Zuständigkeiten, warum sich Konflikte regional so unterschiedlich anfühlen können: Die IG-Metall-Bezirksleitung in Hannover ist für zwei Tarifgebiete zuständig, Niedersachsen sowie Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Dort wird getrennt verhandelt, und der Nordwesten Niedersachsens gehört zusätzlich zum Bezirk Küste, der auch Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern umfasst. Der Tarifkonflikt ist damit nicht „ein einziges Paket“, sondern eine Kette aus parallel laufenden Verhandlungen, in denen die Bereitschaft zur Kompromissbildung auch davon abhängt, wie stark die jeweilige Auftrags- und Produktionslage im Maschinenbau, in der Metallbearbeitung und in der Elektrotechnik ist.
Ein weiterer Faktor ist die Sonderstellung einzelner Unternehmen: Für Beschäftigte der Volkswagen AG wird ebenfalls getrennt verhandelt, weil ein eigener Haustarifvertrag gilt, der zum Jahresende ausläuft. Das kann die Dynamik der Flächentarifrunde beeinflussen, da sich Interessen an den Haustarifniveaus häufig indirekt auch auf die Erwartungshaltung in der Fläche auswirken. Für Unternehmen heißt das wiederum: Selbst wenn ein befristeter Mechanismus für Anpassungen im Flächentarif geschaffen wird, bleibt entscheidend, ob er gegenüber Haustariflogiken „kompatibel“ wirkt und wie stark er Investitionsentscheidungen tatsächlich stabilisiert. Genau hier setzt der IG-Metall-Vorschlag an, indem er die Anpassungsoption an konkrete Zusagen koppeln will – doch ob Arbeitgeber diese Verbindlichkeit im geforderten Umfang mittragen, ist aktuell der offene Punkt.
Mit Blick auf die nächsten Schritte wird sich zeigen, ob beide Seiten aus der bisherigen Musterarbeit ausbrechen: Die Gewerkschaft versucht, mit einem Paket aus fünf Prozent Forderung plus befristeter Krisenflexibilität eine Brücke zu bauen. Die Arbeitgeberseite diskutiert dagegen weiterhin primär die Entgeltparameter und skizziert mit 1,3 Prozent tabellenwirksamem Anteil und der potenziell aussetzbaren Einmalzahlung ein Modell, das stärker auf Kostenrisiken in schwächeren Betrieben reagiert. Für Beschäftigte und Betriebsräte hängt davon ab, ob aus dem Spannungsfeld zwischen planbarer Tarifentwicklung und kurzfristig notwendigen Anpassungen ein verlässlicher Zielkonflikt-Mechanismus wird. Bis dahin bleibt die Ausgangslage klar: Die dritte Runde brachte zwar neue Vorschläge, aber keine Einigung – und damit bleibt der Druck hoch, während die nächste Verhandlungsphase vermutlich genau dort ansetzen muss, wo es bisher hakt.
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