HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Hamburger HafenCity hat das Null-Emissionshaus das Richtfest gefeiert und damit die volle bauliche Höhe erreicht. Ab dem ersten Obergeschoss setzt das Projekt vor allem auf Holzbau, ergänzt um emissionsreduzierten Beton und Lehmdecken. Geothermie und eine hocheffiziente Wärmepumpe sollen ohne fossile Energieträger auskommen; eine Photovoltaik-Anlage ist auf jährlichen Energieüberschuss ausgelegt. Für Hamburg bedeutet das Gebäude laut Projektbeteiligten ein Modell für bilanziell CO2-neutrale Büroflächen, die Erfahrungen direkt vor Ort austauschbar machen.

Das Richtfest in der Hamburger HafenCity wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Bauzwischenetappe. Tatsächlich geht es bei dem neuen Null-Emissionshaus aber um ein sehr konkretes Ziel: Die CO2-Bilanz soll über den gesamten Lebenszyklus ausgeglichen werden. Mit der Erreichung der vollen baulichen Höhe rückt damit auch ein technisches Versprechen ins Zentrum, das im Büroimmobilienmarkt häufig nur teilweise umgesetzt wird – nämlich eine durchgängige Betrachtung von Bau, Betrieb und späterem Rückbau. Das Gebäude entsteht zudem in direkter Nachbarschaft zum Überseequartier und soll als zukünftiger Sitz der HafenCity Hamburg GmbH eine Art Schaufenster für nachhaltige Bau- und Betriebsansätze werden.
Für die planerische Idee ist die Konstruktionslogik entscheidend: Ab dem ersten Obergeschoss setzt das Haus überwiegend auf Holz. Das ist nicht nur ein Materialwahl-Signal, sondern beeinflusst auch den Umgang mit Gewicht, Montagezeiten und der Ausführungstiefe im Innenausbau. Im Projektmix tauchen neben der Holzbauweise weitere Bausteine auf, die auf ein besseres Raumklima zielen: emissionsreduzierter Beton sowie Lehmdecken. Gerade bei Büroflächen spielt das Thema Behaglichkeit praktisch eine doppelte Rolle – es geht um akustischen und thermischen Komfort, aber auch um die Akzeptanz von Mitarbeitern in einem energetisch streng ausgelegten Gebäude. Ergänzt wird das Konzept durch ein Zielbild, das Projektverantwortliche ausdrücklich als neutrale CO2-Bilanz über den Lebenszyklus formulieren.
Technisch steht die Energieversorgung im Vordergrund, weil sie im Gebäudebetrieb den größten Hebel hat. Fossile Energieträger sollen im Betrieb nicht zum Einsatz kommen; stattdessen sind Geothermie und eine hocheffiziente Wärmepumpe vorgesehen. Hinzu kommt eine Photovoltaik-Anlage, die mehr Strom produzieren soll, als das Gebäude über das Jahr verbraucht – damit wird das Thema Jahresbilanz statt nur kurzfristiger Spitzenwerte in den Mittelpunkt gerückt. Für die Nachhaltigkeitswirkung ist außerdem die Gebäudehülle relevant: Die Fassaden sind als begrüntes Element geplant, wodurch das Mikroklima vor Ort verbessert und der Bedarf an einem weitgehend beweglichen Sonnenschutz reduziert werden soll. Damit verknüpft das Projekt passive Maßnahmen (Begrünung, Verschattung) mit aktiver Haustechnik (Wärmepumpe) und lässt beides aufeinander einzahlen.
Der ökologische Anspruch endet jedoch nicht bei der Betriebsphase. Im Konzept des zirkulären Bauens wird laut Projektumsetzung bereits ab der Errichtung an den späteren Lebensabschnitten gedacht – von Betrieb und Wartung bis hin zum Rückbau. Genau hier wird die Umsetzung häufig anspruchsvoll, weil Entscheidungen in frühen Planungsphasen die spätere Demontierbarkeit und Wiederverwendbarkeit prägen. Auf der Baustellen- und Bauprozessseite wird das Vorhaben vom Architekturbüro heinlewischer (Berlin) entworfen und von der Ueding Modulbau GmbH aus Münster umgesetzt. Als Baumaterialien sollen Hölzer aus Deutschland, Österreich und Dänemark verwendet werden, was zugleich Logistik- und Lieferkettenfragen berührt: Für solche Projekte ist entscheidend, dass die Materialqualität gleichbleibend bleibt und die Montageplanung mit den Lieferzeiten zusammenpasst.
Auch organisatorisch und im Betrieb ist das Gebäude klar auf urbane Nutzung ausgelegt. Die Mietfläche liegt bei etwa 6.300 Quadratmetern, außerdem gibt es eine 360 Quadratmeter große Dachterrasse. Das Haus ist an den öffentlichen Nahverkehr gut angebunden, während auf Kfz-Stellplätze verzichtet und stattdessen 150 Fahrrad-Stellplätze vorgesehen sind. Im Keller sind Komponenten der Landstromanlage für Kreuzfahrtschiffe untergebracht – ein Hinweis darauf, dass die Hafenlogik und die Energieinfrastruktur im Umfeld als Teil des Gesamtsystems mitgedacht werden. Der Baufortschritt folgt zeitlich einem recht klaren Bild: Der Rohbau soll Ende 2025 abgeschlossen gewesen sein, die weiteren Geschosse wurden aus Holz errichtet, die Gebäudehülle ist nahezu vollendet, und die Holzfassade wird parallel montiert.
Ein weiteres Detail zeigt, wie das Projekt Nachhaltigkeit praktisch macht: Die Holzfassade wird mit rund 450 Kletterpflanzen begrünt. Diese Pflanzen wurden in einem Freiraumlabor in Berlin und Potsdam getestet, wodurch die Auswahl nicht als reines Dekorationsprinzip wirkt, sondern als Versuch, die Wirkung auf Verschattung und Mikroklima im Alltag belastbar zu machen. Innen unterstützen Holz und Lehm eine hohe Aufenthaltsqualität, während große Fensterflächen und Balkone viel Tageslicht liefern. Zusätzlich sind die Büroflächen flexibel teilbar, um unterschiedliche Arbeitsplatzkonzepte zu ermöglichen. Parallel führt die HafenCity Hamburg GmbH eine Bedarfsanalyse für eigene Büroflächen durch; die Vermarktung der restlichen Flächen ist bereits angelaufen, und damit bewegt sich das Null-Emissionshaus vom reinen Demonstrator hin zu einem Angebot, das vor allem Unternehmen mit hohen ESG-Ansprüchen adressieren soll.
Für den Markt in Hamburg ist an dem Projekt vor allem die Kombination aus Materialstrategie, Energieversorgung und Lebenszyklusdenken relevant. Viele Neubauten können einzelne Kennzahlen verbessern, doch selten greifen alle Hebel – Holzbau, emissionsarme Baustoffe, Geothermie/Wärmepumpe, Photovoltaik mit Jahresüberschuss sowie passiv aktiv gekoppelte Fassadenmaßnahmen – gleichzeitig ineinander. Gerade weil sich das Gebäude als künftiger Sitz der HafenCity Hamburg GmbH nutzen lässt, entsteht außerdem ein realistisches Testfeld für die betrieblichen Prozesse, etwa im Zusammenspiel von Energieverbrauch, Nutzerprofil und Wartungsplanung. Wenn die geplante neutrale CO2-Bilanz tatsächlich über Bau, Betrieb und späteren Rückbau hinweg erreicht wird, wird das Projekt zum Referenzpunkt dafür, wie weit nachhaltiges Bauen im Bürosegment bereits heute technisch und organisatorisch durchkonfiguriert werden kann.
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