NEW YORK CITY / LONDON (IT BOLTWISE) – Kurz vor dem Schuljahr 2026-27 verschärfen die beiden größten US-Schulbezirke ihre KI-Regeln erneut. NYC verbietet KI mit Schülerbezug in Klassen K-8, erlaubt aber für die Oberstufe ausgewählte, freigegebene Tools. LAUSD setzt parallel eine einjährige Aussetzung für generative KI auf Schulgeräten für rund 378.000 Schülerinnen und Schüler durch. Damit kippt die Entwicklung zurück in Richtung mehr Restriktion nach früheren, teils nur kurzlebigen ChatGPT-Blockaden.

Die Debatte um KI im Klassenzimmer bekommt in den USA eine neue Taktik: Nicht nur einzelne Schulen experimentieren oder passen Richtlinien an, sondern zwei Schwergewichte im Bildungssystem ziehen wieder die Bremse an. Kurz vor dem Start des Schuljahres 2026-27 hat der New York City Department of Education für die Grund- und Mittelschulstufen erneut Grenzen gesetzt: In Klassen der K-8-Stufen soll schülerseitig kein KI-System eingesetzt werden, das über Chatfunktionen oder ähnliche Interaktionen arbeitet. Für die Highschool erlaubt der Bezirk dagegen einen eingeschränkten Einsatz: Es dürfen nur ausgewählte, freigegebene Tools genutzt werden. Diese Schwerpunktsetzung signalisiert, dass die Frage „KI ja oder nein“ inzwischen weniger pauschal diskutiert wird, sondern stärker nach Altersgruppe und Risiko gegliedert.
Dass dieser Schritt nicht aus dem Nichts kommt, lässt sich an der bisherigen Entwicklung ablesen. Als ChatGPT im Herbst 2022 an Fahrt gewann, blockierte die Verwaltung in New York im Januar 2023 den Zugang über Bezirksgeräte und -netzwerke – eine der ersten bekannten Reaktionen landesweit. Bald darauf zog Los Angeles Unified School District nach: Dort wurde das Chatbot-Tool bereits im Dezember 2022 untersagt. Allerdings hielten solche Verbote nicht durchgehend; bereits bis Mai 2023 zeigte sich New Yorks Bildungsführung offen für eine „begrenztere“ Nutzung, und im Sommer 2023 kündigte LAUSD-Überbau an, an einer offeneren Nutzungslogik zu arbeiten. Genau diese Pendelbewegung – vom Verbot zur kontrollierten Öffnung und zurück – zeigt, wie schnell Schulen unter politischem und gesellschaftlichem Druck ihre Risikoeinschätzung rekalibrieren.
Neu ist vor allem die politische Feinjustierung gegenüber früheren Leitlinien. In NYC hatte der Bezirk im März ein sogenanntes Ampelsystem vorgeschlagen, das AI-Nutzung anhand von Risiko-Kategorien steuerte. Dabei fielen nahezu alle studentischen Einsatzszenarien in die „gelbe Licht“-Kategorie, wodurch die Entscheidung am Ende bei einzelnen Lehrkräften landete. Nach massiver Gegenwehr stoppte der Bezirk diese Regelung vorerst; Kamar Samuels räumte dabei ein, der Entwurf habe „den Punkt verfehlt“. Zusätzlich setzte die Verwaltung über den Sommer Softwarekäufe in der Schwebe, was deutlich macht, dass die KI-Politik nicht nur als Leitlinie gedacht ist, sondern auch als Einkaufs- und Beschaffungsentscheidung: Ohne klare Freigabekriterien wird die Produktlandschaft für Schulen rasch zur Blockade.
Los Angeles wählt parallel einen anderen Hebel, der wiederum stärker als Gesamtmoratorium formuliert ist. LAUSD hat laut den Angaben eine einjährige Aussetzung für generative KI auf seinen Geräten für alle rund 378.000 Schülerinnen und Schüler angekündigt. Damit wird das Thema für die nächsten Schulmonate praktisch „aus dem Betrieb“ herausgenommen und nicht nur auf einzelne Klassen oder Tool-Klassen reduziert. Dass der Bezirk zuvor zwar Beschränkungen für die Bildschirmzeit eingeführt hatte, aber keine konkreten KI-Regeln, macht den Schritt besonders deutlich: Die bisherige Mediensteuerung reichte offenbar nicht mehr, um den neuen Problemraum abzudecken, den generative Systeme in Schulen schaffen – etwa beim Erstellen von Hausaufgaben oder bei der Nutzung als informelle Erklär- und „Beratungs“-Instanz.
Gesellschaftlich und organisatorisch wirkt die Verschärfung wie eine Rückkopplung zwischen Graswurzelbewegungen und Schulleitungen. In NYC feiern Eltern, Lehrkräfte und Lernende die teilweise Rücknahme gegenüber vorherigen Öffnungen. Beim LAUSD-/bzw. LA-Diskurs im Rahmen eines Ausschusstermins mussten sich Unterstützergruppen sogar kurzfristig auf neue Inhalte einstellen: Bei einer Veranstaltung, in der Eltern vorab vorbereitete Aussagen anpassen mussten, formulierte Sandra Martinez Roe sinngemäß, der Bezirk setze ein Beispiel – und sei dafür zugleich in der Pflicht. Auch in New York verweisen Initiativen wie die AIM-Koalition auf die Bedeutung des teilweisen Stopps; die Koalition war im vergangenen Jahr gestartet und fordert seitdem einen vollständigen Klassenzimmer-Moratoriumsansatz über einen Zeitraum von zwei Jahren. Die Botschaft dahinter ist klar: Es geht nicht nur um Technikregeln, sondern um den Prozess, wie Regeln entstehen.
Aus Sicht der Lehrkräfte, die in solchen Gremien aktiv sind, steht deshalb weniger die Frage „welche KI-Modelle existieren“ im Vordergrund, sondern wie Schulen das Risiko praktisch bewerten. Kyle DeAngelis, eine Lehrkraft aus Harlem und Teil der AIM-Koalition über einen Verbund innerhalb der Lehrervertretung, betonte in einem Beitrag, er sei insgesamt mit den Schritten rund um KI in Schulen zufrieden, die von Bürgermeisteramt und Bildungsleitung umgesetzt wurden. Zugleich bleiben aus der Koalition heraus konkrete Kritikpunkte bestehen: So werden etwa geplante Pilotprojekte, begrenzte Schutzregeln für die Nutzung durch Mitarbeitende sowie das Fehlen messbarer Kriterien zur Bewertung eingesetzter Tools genannt. Martina Meijer, ebenfalls Lehrkraft und in derselben Lehrerarbeitsgruppe aktiv, stellt besonders die Oberstufe in den Fokus und verbindet die Sorge um Chatbots mit dem Thema psychische Belastungen von Jugendlichen. Ihre Argumentation dreht sich dabei um eine potenzielle „Entlastungsfalle“: Auch Erwachsene greifen KI-Chatbots als eine Art niedrigschwelliger Gesprächsersatz auf – für Teenager kann das nach dieser Sichtweise besonders riskant sein.
Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, dass beiden Bezirken nun ein Zeitfenster bleibt: Sie haben jeweils ein Jahr, um längerfristige KI-Rahmenwerke für Bildung zu entwickeln. Gleichzeitig steigt der Widerstand gegen „Rollback“-Schritte: Was einmal als zu weit geöffnet empfunden wurde, kann bei einer späteren Deregulierung erneut massiven, organisierten Protest auslösen – das gilt nicht nur für Chatbot-Zugänge, sondern auch für die Tool-Kataloge, die in Schulen am Ende zugelassen oder blockiert werden. Gerade deshalb rückt die technische Umsetzung stärker in den Mittelpunkt: Schulen brauchen nachvollziehbare Freigabekriterien, Betriebskonzepte für genehmigte Anwendungen und vor allem Metriken, die nicht erst dann greifen, wenn Kritik bereits eskaliert ist. Wenn New York und Los Angeles diesen Prozess jetzt bewusst über Altersstufen differenzieren, wird daraus für den restlichen US-Markt ein Signal: KI-Regulierung in Bildung findet künftig wahrscheinlich weniger als generelles Verbot statt, sondern als administriertes Risikomodell mit klaren Grenzen.
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