BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Acht große Ölkonzerne haben laut Quartalsauswertung zwischen April und Juni knapp 93 Milliarden US-Dollar Gewinn gemacht. Das entspricht einer deutlichen Annäherung an eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig verschärft die Debatte über eine Übergewinnsteuer den Druck auf Politik und Aufsicht. Parallel prüft das Bundeskartellamt die von Raffinerien verlangten Spritpreise und nimmt dabei die Kostenzuordnung ins Visier.

Ölkonzerne machen zwischen Krieg und Hitzewellen knapp 93 Milliarden Dollar Gewinn
Ölkonzerne machen zwischen Krieg und Hitzewellen knapp 93 Milliarden Dollar Gewinn (Foto: IT BOLTWISE)
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Während sich in Europa die Sommerhitze zuspitzte und der Iran-Krieg die geopolitische Lage weiter anheizte, zeichnete sich an den Bilanzen großer Energieunternehmen ein anderes Bild als in der öffentlichen Debatte ab: Für das zweite Quartal weist eine ausgewertete Quartalsrunde bei acht Konzernen zusammengefasst knapp 93 Milliarden US-Dollar Gewinn aus. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum summieren sich die Ergebnisse dem Bericht zufolge auf fast eine Verdopplung: Aus rund 50 Milliarden US-Dollar werden demnach näherungsweise 93 Milliarden US-Dollar. Besonders auffällig ist der Zeitbezug, weil es sich um das erste vollständige Quartal handelt, nachdem die USA und Israel den Iran-Konflikt begonnen hatten und die weltweiten Ölpreise dabei auf Werte über 126 US-Dollar je Barrel gestiegen sind.

Die Zahlen lassen sich dabei nicht nur als „Krisengewinn“ im politischen Sinne lesen, sondern auch als Kontrast zur operativen Realität einzelner Konzerne: Saudi Aramco profitierte laut Auswertung am stärksten aus den Bedingungen des Frühlingsquartals. Der Gewinn soll in den drei Monaten um 34 Prozent auf mehr als 33 Milliarden US-Dollar gestiegen sein – obwohl die Infrastruktur des staatlichen Unternehmens nach Angaben aus dem Bericht durch Drohnen- und Raketenangriffe iranischer und Huthi-Kräfte beschädigt worden war. Genau hier liegt der Kern der Marktmechanik: Wenn sich Risikoaufschläge, Liefer- und Produktionssorgen sowie die Preisentwicklung für Rohöl und Kraftstoffe über mehrere Wochen gleichzeitig aufschaukeln, können Cashflows kurzfristig stark steigen, selbst wenn die operative Basis gleichzeitig unter Druck steht.

Technisch und klimapolitisch reicht der Blick aber weiter als auf den Rohölpreis. Der im Bericht genannte Zusammenhang über Emissionen knüpft an zwei Ebenen an: Zum einen zeigt die „Carbon Majors“-Datenbank laut Bericht, dass Saudi Aramco für mehr CO₂-Emissionen verantwortlich sein soll als jedes andere Unternehmen in der Geschichte; danach folgen Chevron und ExxonMobil, während Shell und BP ebenfalls unter den zehn größten Verschmutzern genannt werden. Zum anderen ordnet eine Studie im Fachjournal „Nature“ die Rolle des menschengemachten Klimawandels in den Hitzewellen seit 2000 ein: Sie soll diese Ereignisse erheblich wahrscheinlicher und intensiver gemacht haben, wobei rund ein Viertel der dokumentierten Hitzewellen seit 2000 ohne den Klimawandel sehr wahrscheinlich nicht in dieser Form aufgetreten wäre. Für die Verknüpfung mit der Unternehmensperspektive ist entscheidend, dass der Bericht zusätzlich herausstellt: Die 14 größten Verursacher von CO₂- und Methanemissionen sollen zusammen etwa 30 Prozent der klimaschädlichen Emissionen verantworten, darunter Unternehmen wie Saudi Aramco, Gazprom, ExxonMobil, Chevron, die National Iranian Oil Company, BP und Shell.

Wie wird diese Spannungszone auf Konzernebene beantwortet? Bei BP verteidigte die neue Vorstandsvorsitzende Meg O’Neill die Gewinne des Unternehmens mit dem Hinweis, man konzentriere sich auf jene Handlungsfelder, die zur Bewältigung der Situation beitragen können, etwa mit Blick auf die Produktion von fehlenden Ölprodukten. Das passt in eine Strategie, die im Bericht als „grundlegender Neustart“ beschrieben wird: BP habe im vergangenen Jahr Ausgaben für erneuerbare Energien drastisch gekürzt und setze seitdem wieder stärker auf fossile Energien. Konkreter wird der Kurswechsel an einer geplanten Veräußerung: Aktuell soll BP sein US-Biogas-Geschäft Archaea verkaufen, das der Konzern erst 2022 für 4,1 Milliarden Dollar erworben hatte. Für Unternehmen in der Energiebranche bedeutet das auch: Selbst wenn Klimarisiken in der Berichterstattung dominieren, bleibt der kurzfristige Renditedruck am Kapitalmarkt ein handlungsleitender Faktor für Portfolioentscheidungen.

In Deutschland verschiebt sich der Schwerpunkt zugleich von der Bilanz zur Regulierung. Zur Debatte über eine Übergewinnsteuer sagt ein Regierungssprecher, Bundeskanzler Friedrich Merz sei grundsätzlich offen für die Diskussion, sehe aber steuerrechtliche und verfassungsrechtliche Risiken für betroffene Unternehmen; zudem könne eine solche Regelung vor Gericht angefochten werden, was bereits bei einer früheren Ausgestaltung geschehen sei. Auch aus dem Finanzministerium kommt der Impuls: Dort wird laut Bericht auf eine europäische Lösung gesetzt. In der Begründungslogik geht es dabei weniger um pauschale Schuldzuweisungen als um eine Abgabeform, die gezielt in Krisensituationen greift, in denen Unternehmen besonders stark profitieren.

Parallel zur politischen Debatte läuft eine prüfende Rolle der Wettbewerbshüter, die auf eine andere Datenlogik angewiesen ist. Das Bundeskartellamt prüft detailliert, welche Spritpreise Raffinerien verlangen. Präsident Andreas Mundt kündigte an, dass Verfahren gegen sämtliche Raffineriebetreiber in Deutschland eingeleitet worden seien; Ziel sei die Überprüfung, welche Kosten den Unternehmen tatsächlich entstanden sind, wie diese den verschiedenen Geschäftsbereichen zugeordnet werden, und ob die verlangten Preise damit gerechtfertigt werden können. Aus Sicht der Rechtsdurchsetzung ist die Botschaft klar: Das Kartellrecht sei kein Instrument staatlicher Preisregulierung und könne Kraftstoffpreise nicht unmittelbar senken; die Aufgabe bestehe vielmehr in der Verfolgung von Wettbewerbsverstößen und missbräuchlich überhöhten Preisen, was komplexe wirtschaftliche und rechtliche Prüfungen erfordert, die sich nicht innerhalb kurzer Zeit abschließen lassen.

Genau an dieser Zuordnungsfrage macht der Bericht deutlich, warum die Ermittlungen anspruchsvoll sind. Laut Angaben aus der Mineralölwirtschaft bezeichnet Fuels-&-Energy-Chef Christian Küc…(im Bericht: Christian Küc… ) die Datenbeschaffung als großes Problem, weil viele nötige Informationen nicht in der erforderlichen Form vorliegen. In einer komplexen Raffinerieproduktion, in der nicht nur Benzin und Diesel entstehen, sondern zahlreiche weitere Produkte, ließen sich Kosten nicht einfach einzelnen Energieträgern oder Produkten zuordnen. Küc… sagt sinngemäß, es gebe keine anerkannten Verfahren, um solche Kosten verlässlich aufzuteilen; „nicht trivial“ ist hier noch die konservativste Formulierung. Damit wird verständlich, warum die angekündigte Preisentspannung nicht sofort kommt und warum sowohl Politik als auch Aufsicht vor allem auf belastbare Belege statt auf bloße Schlagzeilen angewiesen sind.


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