LONDON (IT BOLTWISE) – Kaspersky warnt vor dem Malware-Framework OkoBot, das Wallet-Nutzer über die Desktop-Apps von Ledger und Trezor gezielt zur Eingabe von Recovery Phrases bringt. Besonders tückisch: Das Phishing rendert die Betrugsseite in der legitimen Elektron-App selbst und wartet teils, bis ein Gerät per USB tatsächlich angeschlossen ist. Laut Telemetrie des GReAT-Teams liefen die Angriffe seit April 2025 auf Windows, mit Opfern in über 25 Ländern. Für Unternehmen und Security-Teams ist die Meldung vor allem deshalb relevant, weil es keine klassische Wallet-Sicherheitslücke im Gerät gibt, sondern ein Kompromiss auf dem Endpoint.

OkoBot steckt in Wallet-Apps: Seed-Phrase-Phishing per USB-Trigger und C2-Flags
OkoBot steckt in Wallet-Apps: Seed-Phrase-Phishing per USB-Trigger und C2-Flags (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein aktuelles Teardown von Kaspersky’s GReAT-Team beschreibt ein Setup, das sich wie ein „inside job“ anfühlt: OkoBot läuft laut Report seit April 2025 auf Windows-Systemen und missbraucht die Desktop-Software von Hardware-Wallets, um Recovery Phrases abzugreifen. Der zentrale Mechanismus nennt sich SeedHunter und setzt genau dort an, wo Nutzer Vertrauen haben: Nicht eine fremde Webseite fordert die 24 Wörter an, sondern eine Seite, die innerhalb der bereits installierten Wallet-App angezeigt wird. In der Telemetrie sieht das Team Hunderte betroffene Nutzer in mehr als 25 Ländern; wie viele davon tatsächlich eine Phrase eingetippt haben, bleibt allerdings offen.

Technisch fällt auf, wie SeedHunter die App-Logik umgeht, statt etwa nur Overlays über den Bildschirm zu legen. Sobald das Framework landet, überwacht es, ob Trezor Suite, Ledger Wallet oder Ledger Live gestartet sind, und injiziert sich in die jeweils gefundene Anwendung. Besonders relevant ist dabei der Angriff auf Electron-Internals: Das Malware-Modul kann den UI-Fluss der legitimen Software übernehmen und eine „Hard-coded“-Recovery-Seite mit Layout-Varianten pro Brand zeichnen. Je nach C2-Konfiguration wird entweder sofort angezeigt oder ein „Wait“-Flag triggert ein USB-Scanning anhand Vendor- und Product-IDs, bis ein echtes Gerät steckt.

Beim Abgreifen der Eingaben wird die Legitimität weiter ausgenutzt: Die getippte Phrase landet nicht in einer Web-Forms-Schlucht, sondern in einer Konsole der Betrugsseite, die hinter einem Marker wie „@: app: print“ konfiguriert ist. Danach fängt eine „hooked mal_LogConsoleMessage“ die Ausgabe ab, bevor sie als JSON weitergegeben wird. Auffällig ist zudem, dass der Prozess nicht nur Daten verschickt, sondern auch eine RC4-kodierte Kopie in einer Temp-Datei ablegt. Das Wallet selbst soll dabei nicht „gebrochen“ werden; stattdessen profitiert die Malware davon, dass Companion-Software Nutzer zur Eingabe auffordert. Genau dieses Zusammenspiel aus Endpoint- und App-Manipulation macht die Abwehr besonders anspruchsvoll.

Für das Marktbild liefert der Report mehrere Vergleichspunkte: SeedHunter ist nicht der erste Ansatz, der Recovery-Seiten unterzuschieben versucht. Moonlock Lab hatte bereits macOS-Stealer beschrieben, die ähnliche Swap-Mechaniken verfolgen. Auch frühere Berichte über klonierte Ledger-Live-Apps mit gefälschter 24-Word-Anforderung sind dem Kontext verwandt. GlassWorm wiederum zeigte für Windows im März 2025, wie WMI genutzt wird, um das Einstecken eines Geräts zu erkennen und dann eine eigene Oberfläche einzublenden, nachdem die echte Wallet-App beendet wurde. Neu ist bei OkoBot vor allem, dass die Betrugsseite nicht extern gerendert wird, sondern direkt im laufenden Wallet-Prozess gezeichnet wird.

Der eigentliche Einstieg in die Kampagne erfolgt laut Kaspersky über zwei Pfade: einen ClickFix-Lure sowie trojanisierte Softwarepakete, die zeitweise in einem vermeintlichen „SQL Server Management Studio“-Kontext auftauchten. Stattdessen sei Audacity ausgeliefert worden, rekonstruiert mit einem Implantat in einer Library. Beide Wege sollen schließlich „TookPS“ starten, ein PowerShell-Downloader, den Kaspersky seit März 2025 verfolgt. TookPS verbindet sich mit einem angreifergesteuerten Server und baut später einen SSH-Tunnel, sodass eine automatisierte SSH-Bot-Instanz aus dem Internet heraus in der Lage ist, das kompromittierte System zu inventarisieren und Daten wie Wallet-Dateien, Cookies, Browser-Profile und Credentials über denselben Kanal abzuziehen.

Zum Persistenz- und Zugriffsausbau nutzt die Kampagne mehrere hochintegrierte Schritte. Der Report nennt unter anderem einen Registry-Write zum Unterdrücken von Defender-Benachrichtigungen, das Öffnen der Firewall für eingehendes RDP, das Hinzufügen eines Kontos zur „Remote Desktop Users“-Gruppe sowie das Ersetzen von „termsrv.dll“ durch eine gepatchte Variante für parallele RDP-Sessions. Dazu kommt eine geplante Aufgabe namens „Apple Sync“, die jede Stunde eine Reverse-SSH-Tunnel-Verbindung für den lokalen RDP-Port neu aufbaut. Danach sollen Module über SFTP nachgeladen werden, gestartet durch einen VMProtect-geschützten Launcher (HDUtil) mit möglicher stiller Privileg-Eskalation per Windows-RPC UAC-Bypass, dokumentiert in früheren Sicherheitsforschungen.

Für die weitere Reichweite wird OkoBot als Framework beschrieben, das mehr als 20 Payloads/Implants bündelt und zum Zeitpunkt des Reports (Stand 15. Juli) weiterhin aktiv war. Neben dem SeedHunter-Mechanismus wird eine breite Spionage- und Sammlungsschicht aufgebaut: OkoSpyware überwacht über 100 Prozessnamen inklusive Tools wie „Exodus“ und „1Password“, filmt zugehörige Fenster als MP4 (mit eingebettetem FFmpeg) und erfasst Tastatureingaben. Browser-Titel werden regex-matched, sodass Sessions etwa mit MetaMask oder Tonkeeper protokolliert werden. Daneben liefert „MC Keylogger“ Input, Clipboard, USB-Events und Screenshots im Fünf-Minuten-Takt. Zusätzlich installiert ein Loader versteckte Chromium-Extensions mit weitreichenden Berechtigungen; genannt wird dabei „Rilide“, ein seit 2023 eingesetzter Chromium-Stealer. Ein klarer regulatorischer Punkt folgt daraus: Für Unternehmen ist die Kombination aus Credential-Diebstahl, Gerätezugriff und Remote-Access potenziell meldepflichtig, je nach Jurisdiktion, weil personenbezogene Daten und Zugriffsrechte betroffen sind.

Beim Attribution-Teil bleibt Kaspersky bewusst vage: Man könne die Kampagne keinem bekannten Crimeware-Actor eindeutig zuordnen. Die Infrastruktur-Signale seien jedoch konsistent, etwa indem die ersten-stage PowerShell-Server für russische und CIS-IPs nur eine leere Antwort liefern. Die SeedHunter-Phishingseiten tragen dem Report zufolge russische Kommentare, während Rilide in invitation-only russischsprachigen Foren weitergereicht werde. Auch für die Abwehr gilt ein differenziertes Bild: Der Report sieht keine spezifische Wallet-CVE und keine reine Vendor-Patch-Lösung, weil der Angriff am Endpoint und in der Companion-App ansetzt. Ledger und Trezor betonen entsprechend, dass die Recovery Phrase nur auf der Geräteseite verarbeitet werde bzw. nur wenn das Gerät es anfordert. Entscheidend für die Früherkennung: Erscheint eine Recovery-Seite „weil Sie das Gerät eingesteckt haben“, aber ohne dass auf dem Hardware-Display eine entsprechende Eingabeaufforderung sichtbar ist, ist das ein starkes Warnsignal. Perspektivisch deutet der Report zudem auf schnelle Modifikationen hin: Nach März 2026 sei eine frühere Chain (TeviRAT bis hin zur HDUtil→Rilide-Kette) zusammengeführt worden, wodurch weniger Einzelartefakte entstehen und Monitoring stärker auf konsistentes Verhalten (Injection in Electron, USB-Triggered UI, Reverse-Tunnel-Persistenz) ausgerichtet werden muss.


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