LONDON (IT BOLTWISE) – Die Oracle-Aktie rutschte zuletzt auf ein neues 52-Wochen-Tief bei 114,50 US-Dollar. Gleichzeitig fiel das KGV deutlich von 76 auf rund 21, weil der Nettogewinn im vierten Quartal 2026 stark anzog. Der Auftragsbestand (RPO) erreichte mit 638 Milliarden US-Dollar einen Rekordwert. Für die Verdopplungs-These bis 2028 sind vor allem Bewertung und Wachstum bei gleichzeitig erhöhter Verschuldung und Kundenkonzentration entscheidend.

Die Oracle-Aktie steckt im Sommer 2026 in einem Spannungsfeld aus operativer Verbesserung und börsentypischer Nervosität. Am vergangenen Freitag markierte das Papier ein neues 52-Wochen-Tief bei 114,50 US-Dollar, nachdem die Stimmung zuvor bereits durch mehrere Faktoren gelitten hatte: die Abhängigkeit von einem zentralen Großkunden, steigende Investitionen im Zuge von KI-Initiativen und zuletzt auch die politische und rechtliche Dimension rund um Larry Ellisons persönliche Milliardenbürgschaft für den Übernahmekampf um Warner Bros. Discovery in zwölf US-Bundesstaaten. In so einem Umfeld reichen oft schon kleine Abweichungen bei Ergebnis und Ausblick, um die Aktie stark schwanken zu lassen. Umso bemerkenswerter ist, dass sich parallel die Kennzahlen verschoben haben, die viele Investoren als Basis für eine spätere Neubewertung interpretieren.
Ein wesentlicher Hebel der pro-zyklischen Argumentation liegt in der Neubewertung über das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Laut den Angaben in der Berichterstattung zur Bilanz des vierten Quartals 2026, veröffentlicht am 10. Juni 2026, stieg der Nettogewinn nach US GAAP auf 17,0 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Plus von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Folge lag das KGV zuletzt nur noch bei 20,21, nachdem es zuvor – unter anderem im Umfeld der Ankündigung eines rund 300 Milliarden US-Dollar schweren Auftrags von OpenAI im vergangenen September – zeitweise auf 76 gestiegen war. Der Effekt ist nicht nur kosmetisch: Wenn Gewinne wachsen und der Kurs nicht im gleichen Tempo nachzieht, sinkt das Multiple, und genau das verleiht der Aktie nach außen hin den Charakter eines „günstigeren“ Einstiegs. Im Vergleich zum durchschnittlichen KGV des S& P 500 von 28,53 ergibt sich damit eine Bewertungsdifferenz, die in der Praxis häufig zu Re-Ratings führt, sobald Investoren wieder mehr Vertrauen in die Nachhaltigkeit der Gewinnbasis aufbauen.
Noch stärker wirkt jedoch der zweite Baustein: der Auftragsbestand, der bei Software- und Cloud-Anbietern oft als Frühindikator für zukünftige Erlöse gelesen wird. Oracle nennt dazu die „Remaining Performance Obligations“ (RPO). Für den 31. Mai 2026 wird ein Rekordwert von 638 Milliarden US-Dollar genannt. Der Bericht verweist zugleich auf ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr sowie auf einen Zuwachs von 85 Milliarden US-Dollar gegenüber dem vorherigen Quartal. Entscheidend ist dabei, dass die Dynamik offenbar nicht abrupt mit der OpenAI-Ankündigung endet, sondern sich im Zeitverlauf deutlich verstärkt hat. Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Risikofaktor bestehen: Berichten zufolge entfallen mehr als die Hälfte der RPO weiterhin auf einen einzigen Kunden. Für die Marktlogik bedeutet das: Die Basis kann insgesamt größer wirken, aber das Klumpenrisiko verschwindet nicht. Genau hier entscheiden Unternehmen und Investoren häufig darüber, ob ein Bewertungsabschlag langfristig gerechtfertigt bleibt oder nur eine temporäre Überinterpretation der Abhängigkeit war.
Während Bewertung und RPO Wachstum signalisieren, zeigt die Finanzierungsseite, dass Oracle in den Ausbau des eigenen KI- und Cloud-Backbones erheblich investiert. Aus dem Bilanzbericht zum 31. Mai 2026 wird unter anderem von langfristigen „Notes payable“ von rund 122 Milliarden US-Dollar sowie kurzfristigen Verbindlichkeiten von weiteren 7 Milliarden US-Dollar ausgegangen, zusammen also etwa 130 Milliarden US-Dollar. Dem gegenüber steht ein bilanzielles Eigenkapital von rund 43 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich werden die Investitionsausgaben im Geschäftsjahr 2026 mit 55,7 Milliarden US-Dollar beziffert – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. In so einer Konstellation verschiebt sich der Fokus vieler Analysten von reinen Wachstumskurven hin zu Fragen wie: Wie schnell werden neue Kapazitäten ausgelastet, und wie stabil bleibt die Marge, wenn das Unternehmen weiter Rechenzentrumsleistung und Infrastruktur für KI-Anwendungsfälle ausbaut? Für eine mögliche Verdopplung bis 2028 sind diese Punkte zwar nicht allein entscheidend, aber sie bestimmen, ob der Markt die Gewinne weiterhin „einpreist“ oder ob er das Chance-Risiko-Profil wegen der Finanzierung wieder herunterschraubt.
Trotz dieser Bremsklötze fällt das Stimmungsbild unter den Marktteilnehmern insgesamt eher positiv aus. Laut den vorliegenden Daten zur Analystenabdeckung empfehlen 28 von 32 Analysten die Oracle-Aktie zum Kauf; vier sind vorsichtiger und sprechen eine Halteempfehlung aus. Das durchschnittliche Kursziel wird mit 259,76 US-Dollar angegeben, was bei einem letzten Schlusskurs ein Aufwärtspotenzial von 121 Prozent implizieren würde. Damit deckt sich das Signal in Teilen mit der Einschätzung, dass sich der Unternehmenswert bis 2028 deutlich erhöhen könnte. Gleichzeitig lohnt sich für Anleger der Blick auf zwei konkret benannte Termine, weil rechtliche Unsicherheit kurzfristig stärker auf den Kurs wirken kann als jede Ergebniskennzahl: Am 3. August 2026 soll eine Anhörung zu einer einstweiligen Verfügung im Streit um die Warner-Übernahme stattfinden. Und parallel soll sich zeigen, ob Oracle im ersten Quartal 2027 die angekündigte Diversifizierung des Auftragsbestands über OpenAI hinaus tatsächlich bestätigt.
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