REGENSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Anlagenbauer Krones startet mit Partnern das Forschungsprojekt REINSIST, um Industrie-Netzwerke gegen Angriffe von außen robuster zu machen. Das Vorhaben läuft drei Jahre und wird mit rund 614.000 Euro vom bayerischen Wirtschaftsministerium gefördert. Parallel dazu nutzt Haribo KI-gestützte Wartungsdaten, um ein 40 Meter hohes Hochregallager mit 92.000 Palettenstellplätzen früher auf Verschleiß hin zu überwachen. Die Lage zeigt dabei eine doppelte Bewegung: mehr Automatisierung am Edge, aber zugleich ein deutlich gesunkener Anteil der Unternehmen, die OT-Sicherheit als „höchste Reifestufe“ bewerten.

Wenn Industrieunternehmen ihre Produktionsanlagen „digitaler“ machen, verschiebt sich das Sicherheitsproblem oft zuerst in die Operational Technology (OT): Steuerungsnetzwerke, Maschinen- und Prozessdaten sowie die Kommunikation zwischen Produktions-IT und OT-Umgebung. Genau hier setzt die aktuelle Doppelbewegung an. Während der Regensburger Anlagenbauer Krones ein Forschungsprojekt zur IIoT-Sicherheit startet, treibt der Süßwarenhersteller Haribo die Wartungsdigitalisierung an einer realen Produktionsfläche sichtbar voran. Für IT- und OT-Verantwortliche ist das kein Widerspruch, sondern eine typische Kopplung: Robustere Netzwerke sollen Angriffe erschweren, gleichzeitig werden mehr Telemetrie und Datenverarbeitung benötigt, um Anlagenverhalten frühzeitig zu erkennen.
Beim Projekt REINSIST arbeitet Krones Anfang August gemeinsam mit der Universität Regensburg, Scherdel sowie Innotec und Integral-Scherdel daran, industrielle Steuerungsnetzwerke gegen Angriffe von außen „härter“ zu machen. Konkret zielt ein mehrjähriger Ansatz darauf, wie sich Kommunikation und Sicherheitsmechanismen in Fabriknetzen so auslegen lassen, dass Angreifer nicht nur aufgehalten, sondern im Betrieb auch weniger wirksam werden. Das bayerische Wirtschaftsministerium fördert das auf drei Jahre angelegte Vorhaben mit rund 614.000 Euro; Staatssekretär Tobias Gotthardt übergab die Förderurkunde offiziell. Damit wird sichtbar, dass OT-Sicherheit im industriellen Kontext zunehmend als Ingenieur- und Infrastrukturaufgabe verstanden wird und nicht als rein abstraktes Compliance-Thema.
Haribo liefert parallel ein Praxisbeispiel dafür, wie sich Digitalisierung in OT-Umgebungen bereits heute konkret anfühlt: Im Verteilzentrum Grafschaft überwacht Künstliche Intelligenz seit Kurzem ein 40 Meter hohes Hochregallager mit 92.000 Palettenstellplätzen. 22 Regalbediengeräte und eine 2,6 Kilometer lange Fördertechnik sind dafür mit Edge-Geräten von Siemens sowie Software von SSI Schäfer vernetzt. Das System erfasst Maschinendaten kontinuierlich und erkennt Wartungsbedarf frühzeitig; laut Unternehmensangaben reduziert es bereits unnötige Wartungseinsätze um bis zu 30 Prozent. Der Pilot startete im Wareneingang und soll auf weitere Bereiche ausgedehnt werden, was in der Praxis eine klassische Skalierungsfrage aufwirft: Welche Datenqualität, welche Modellwartung und welche Betriebsprozesse bleiben auch dann stabil, wenn weitere Zonen und Anlagen hinzukommen?
Die Sicherheitswahrnehmung der Unternehmen passt zu dieser technikgetriebenen Entwicklung – allerdings mit einer bemerkenswerten Diskrepanz zur Selbsteinstufung. Ein Branchenreport für 2026 nennt als Trend, dass nur noch 17 Prozent der Unternehmen ihre OT-Sicherheit als höchste Reifestufe einordnen; im Vorjahr waren es noch 49 Prozent. Experten ordnen das laut Text nicht als Rückschritt, sondern als realistischere Selbsteinschätzung. Für die Praxis bedeutet das: Viele Organisationen bewerten heute genauer, was „höchste Reifestufe“ im Sinne von Segmentierung, Überwachung, Incident-Response und kontinuierlicher Verbesserung wirklich verlangt. Gleichzeitig steigt die Dringlichkeit, weil die Bedrohungslage nicht stehen bleibt: Sicherheitsanalysten beobachten, dass Angreifer in industriellen Netzen länger unbemerkt verweilen. In dem genannten Kontext bleibt Phishing mit 76 Prozent die häufigste Angriffsmethode, Ransomware folgt mit 50 Prozent; außerdem wollen 81 Prozent der Unternehmen OT-Sicherheit direkt dem Chief Information Security Officer unterstellen.
Auch die technischen Gegenmaßnahmen lassen sich aus den Meldungen ableiten, ohne dabei auf reine Schlagworte zu setzen. Dezentrale Lösungen im Trend sind vor allem Edge-Computing-Ansätze, die Daten bereits im Schaltschrank verarbeiten, statt sie dauerhaft über das Internet zu übertragen. Der Anbieter Igus bringt hierfür ein Modul auf den Markt, das Maschinendaten direkt in der Steuerungsebene auswertet und laut Quelle die CPU-Last in Steuerungen um bis zu 68 Prozent senken kann. Für den OT-Alltag ist das relevant, weil Steuerungen typischerweise knapp kalkulierte Rechenressourcen haben; zusätzlich sinkt die Abhängigkeit von durchgängigen Kommunikationsstrecken. Gleichzeitig bleibt der Einstieg über menschliche Angriffsflächen zentral: Wenn Phishing die häufigste Eintrittspforte ist, braucht es gezielte Sensibilisierung der Verantwortlichen und nicht nur technische Filter.
Daneben wird in der Industrie weiter an Kommunikationsstandards gearbeitet. Während OPC UA als zentraler Standard für Industrie 4.0 genannt wird, bringt 10BASE-T1S Ethernet laut Text kostengünstig bis auf die Sensorebene. Für Sicherheitsverantwortliche ist entscheidend, dass Kommunikationsstandard und Sicherheitsarchitektur nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sicherheitsbehörden wie CISA und FBI warnen dem Text zufolge davor, sich allein auf virtuelle Netzwerktrennungen zu verlassen. Insbesondere nach Vorfällen in kommunalen Wassersystemen in den USA gelten klassische VLANs als nur minimal effektiv, weil echte Isolation detaillierte Analysen der Systemabhängigkeiten erfordert. Genau hier schließt sich der Kreis zu REINSIST und zur Edge-Wartung: Robustere Fabriknetze und datennahe Verarbeitung sind nur dann wirksam, wenn man versteht, wie Systeme faktisch miteinander sprechen – und wo reale Angriffspfade entstehen können.
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