LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie in JAMA Internal Medicine findet keinen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Acetaminophen (Paracetamol) während der Schwangerschaft und einem späteren Risiko für Autismus oder ADHS. Die Forschenden stützen sich auf Vergleiche zwischen Geschwistern aus derselben Familie, wodurch genetische und familiäre Einflussfaktoren deutlich besser kontrolliert werden. Damit verschiebt sich die Bewertung weg von den früheren beobachteten Assoziationen hin zu einer plausibleren Erklärung über gemeinsame Hintergrundfaktoren. Offen bleibt dennoch, wie gut sich die Ergebnisse auf Fälle abseits rezeptpflichtiger Datensätze übertragen lassen.

Paracetamol in der Schwangerschaft: Keine KI-Trigger für Autismus oder ADHS
Paracetamol in der Schwangerschaft: Keine KI-Trigger für Autismus oder ADHS (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Paracetamol in der Schwangerschaft wirkt wie ein Lehrstück dafür, wie schwer kausale Schlüsse aus älteren Beobachtungsdaten sein können. Während viele Eltern auf der Basis ärztlicher Empfehlungen Schmerz und Fieber behandeln, haben öffentliche Diskussionen und einzelne wissenschaftliche Arbeiten in der Vergangenheit einen möglichen Zusammenhang mit neuroentwicklungsbezogenen Diagnosen wie Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und ADHS nahegelegt. Die neue Studie in JAMA Internal Medicine liefert nun eine deutlich breiter abgesicherte Antwort: Wenn man Geschwister aus derselben Familie gegeneinander vergleicht, zeigt sich kein messbarer Anstieg des Risikos.

Technisch knüpft die Arbeit an ein zentrales Problem früherer Analysen an: Confounding, also eine Verzerrung durch eine Drittvariable, die sowohl mit der Einnahme als auch mit dem später beobachteten Outcome zusammenhängt. Im Schwangerschaftskontext kann genau das schnell passieren, denn die Gründe, weshalb eine Mutter Acetaminophen nimmt – etwa Fieber, Infektionen oder Schmerzen – sind selbst biologisch plausibel mit Entwicklungsprozessen verknüpft. Gleichzeitig besitzen ASS und ADHS laut den im Bericht diskutierten Erblichkeitsannahmen eine starke genetische Komponente, sodass Familienmerkmale in Quotienten und Hazard-Raten früherer Studien unbemerkt „mitlaufen“ können.

Um diese Effekte stärker zu entwirren, setzen die Autorinnen und Autoren auf einen sibling-matched-Ansatz. Ausgangspunkt war eine populationsbasierte Kohortenstudie mit anonymisierten elektronischen Gesundheitsdaten aus dem öffentlichen Gesundheitssystem in Hongkong, das eine überwiegend chinesische Bevölkerung von rund 7,5 Millionen Menschen abbildet und diagnosesowie Verordnungsinformationen systematisch erfasst. Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich von 1. Januar 2001 bis 31. Dezember 2023. Ausgehend von 708.020 Mutter-Kind-Paaren bildeten die Forschenden zunächst eine Gruppe, in der in etwa 43,3 % der Schwangerschaften rezeptpflichtiges Acetaminophen vorkam. Entscheidend war dann die Konstruktion von Unterkohorten, in denen Geschwister aus Familien stammen, in denen die Mutter Acetaminophen in einer Schwangerschaft genommen, in der anderen jedoch darauf verzichtet hatte.

Für die Auswertung der ASS-Entwicklung umfasste die finale Geschwisterkohorte 124.333 Kinder; das mittlere Follow-up lag bei 10,2 Jahren, und 3.445 Kinder erhielten innerhalb dieses Zeitraums eine ASS-Diagnose. Für ADHS analysierten die Forschenden 97.285 Kinder; hier betrug das mittlere Follow-up 11,3 Jahre und 5.168 Kinder wurden mit ADHS diagnostiziert. Die Exposition wurde nicht über Erinnerungsberichte, sondern über objektive Abgabedaten bestimmt, also über Dispensing-Records, die typischerweise weniger fehleranfällig sind als Selbstauskünfte. Zusätzlich trennte das Team die Exposition nach Zeitpunkt im ersten, zweiten oder dritten Trimester, klassifizierte Muster als sporadisch, intermittierend oder persistent und untersuchte zur Einordnung möglicher biologischer Dosis-Wirkungs-Gradienten auch durchschnittliche Tagesdosen, aufgeteilt in niedrige, mittlere und hohe Kategorien.

Das Ergebnis im sibling-matched-Vergleich ist klar: Es zeigt sich keine Assoziation zwischen pränataler Acetaminophen-Exposition und dem Risiko, später an ASS oder ADHS zu erkranken. Die Risiken der exponierten und nicht exponierten Geschwister sind statistisch identisch; in den in der Studie berichteten Schätzwerten liegen die Relativrisiken bei 1,00 für Autismus und 1,01 für ADHS, wobei 1,00 einer „keinen Differenz“ zwischen Gruppen entspricht. Wichtig ist dabei auch, dass die Resultate konsistent über die Analyseachsen hinweg blieben – also unabhängig davon, in welchem Trimester die Exposition stattfand, wie sich die Einnahme über die Zeit zeigte und welche Dosisrange betroffen war. Damit stützt die Arbeit die praktische Botschaft: Eltern müssen klinisch indiziertes Acetaminophen nicht wegen einer befürchteten ASS- oder ADHS-Risikoerhöhung grundsätzlich vermeiden.

Die Studie nutzt zudem mehrere Robustheitschecks, die die Aussagequalität weiter einordnen. In einer konventionellen Kohortenanalyse auf die gesamte Population, bei der Geschwister nicht gepaart wurden, fanden die Forschenden dagegen die in älterer Literatur berichteten positiven Assoziationen – allerdings genau das Muster, das man im Lichte von Confounding erwartet, wenn familiäre Hintergrundfaktoren nicht kontrolliert werden. Zusätzlich wurde eine negative Kontrolle durchgeführt: Dabei betrachteten die Forschenden Mütter, die Acetaminophen im Jahr vor der Schwangerschaft sowie im Jahr nach der Geburt verordnet bekommen hatten. Biologisch ist die Pränatalwirkung in der Phase außerhalb der Schwangerschaft nicht direkt zu erwarten. Dass ähnliche Zusammenhänge auch in diesen Zeitfenstern auftauchen, spricht nach den Angaben der Autorinnen und Autoren dafür, dass eher zugrunde liegende Charakteristika der Frauen oder Familien als eine direkte pharmakologische Wirkung verantwortlich sind.

Gleichzeitig bleibt die Studie in einem wichtigen Punkt eingeschränkt: Sie basiert ausschließlich auf rezeptbezogenen Daten im öffentlichen System. Acetaminophen ist breit rezeptfrei verfügbar, weshalb mögliche Einnahmen außerhalb dieser Daten nicht erfasst werden. Zudem ist eine Abgabedokumentation kein perfekter Beleg dafür, dass jede einzelne Dosis tatsächlich genommen wurde. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass diese Faktoren real existierende Messlücken schaffen können und Effekte daher möglicherweise „kleiner erscheinen“ als sie wären. Auch der sibling-matched-Ansatz hat methodische Grenzen: Er kontrolliert gut für familieninterne Merkmale, kann aber nicht vollständig ausschließen, dass es Faktoren gibt, die nur in genau einer Schwangerschaft innerhalb derselben Familie wirken. Unterm Strich betont die Arbeit deshalb nicht die absolute Unbedenklichkeit für jede denkbare Konstellation, sondern fokussiert auf die untersuchten Outcomes: Für ASS und ADHS findet sie keinen relevanten Risikosignalanstieg.

Für die medizinische Praxis und KI-gestützte Entscheidungsunterstützung in Kliniken ist die Studie dennoch ein wichtiger Baustein. Denn je klarer die Evidenzlage bei häufig verwendeten Medikamenten wird, desto weniger Raum bleibt für überinterpretierte Korrelationen in automatisierten Patientenpfaden, Aufklärungsportalen und Risikomodellen. Methodisch zeigt die Arbeit, wie stark sich die Schlussfolgerungen verändern, wenn man Confounding nicht nur statistisch „glättet“, sondern durch ein Design wie Geschwistervergleiche strukturell reduziert. Die Forschenden kündigen außerdem an, die Sicherheitsbewertung pränataler Medikation weiter auszubauen; Randomisierte kontrollierte Studien seien in diesem Bereich ethisch und praktisch oft schwer umzusetzen, weil mögliche Effekte erst Jahre nach der Geburt sichtbar werden. Bis dahin dürfte die Kombination aus großen Real-World-Datensätzen und komplementären Studiendesigns künftig noch stärker das Maß der Dinge sein.


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