SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Microsoft und Singpass treiben die Umstellung auf Passkeys voran, weil klassische MFA zunehmend durch Echtzeit-Phishing unter Druck gerät. In den Berichten steigt der Anteil KI-gestützter Phishing-Angriffe stark an, besonders auf mobilen Geräten. Gleichzeitig zeigen Incident-Response-Fälle, wie stark Authentifizierungsdaten als Angriffsziele missbraucht werden. Für Unternehmen wird damit der Wechsel zu FIDO2-Mechanismen praktisch zur Sicherheitsstrategie.

Der Trend ist inzwischen klar: Wer sich noch ausschließlich auf Multi-Faktor-Authentifizierung verlässt, landet im falschen Angriffsmodell. Denn Phishing wirkt nicht mehr nur als „Klick auf eine gefälschte Seite“, sondern zunehmend als technisch integrierter Ablauf, der Passwörter, Codes und Sessions so abgreift, dass MFA-Tokens praktisch ins Leere laufen. In den vorliegenden Zahlen wird das besonders deutlich: Die Zahl der durch KI unterstützten Phishing-Angriffe soll im bisherigen Jahresverlauf um 1200 Prozent gestiegen sein. Damit verschiebt sich das Sicherheitsproblem von „Benutzer geben Zugangsdaten preis“ hin zu „Angreifer orchestrieren den gesamten Authentifizierungsfluss“.
Für die Praxis zählt vor allem, dass Phishing in der Sicherheitsstatistik nicht nur vorkommt, sondern einen großen Anteil der Vorfälle ausmacht. Laut den zitierten Analysen von Cisco Talos waren im zweiten Quartal 2026 mehr als 50 Prozent aller registrierten Sicherheitsvorfälle auf Phishing zurückzuführen; im ersten Quartal lag dieser Wert noch bei etwa 33 Prozent. Der mobile Bereich spielt dabei eine überproportionale Rolle: Die Zahl der Phishing-Ereignisse auf Mobilgeräten soll seit Januar 2025 um 380 Prozent gestiegen sein, während die Klickraten auf schädliche Links um 110 Prozent zunahmen. Ebenso alarmierend ist die Feststellung, dass rund 86 Prozent der Angriffe KI-Elemente enthalten, die etwa zur Personalisierung oder Automatisierung eingesetzt werden – genau diese Faktoren machen Social-Engineering schwerer planbar und schneller skalierbar.
Auch die Angriffswege werden breiter. Neben klassischen E-Mail-Kampagnen rückt Voice Phishing (Vishing) in den Fokus, bei dem Telefonanrufe als Einstieg dienen und Mitarbeiter laut den Berichten häufiger auf Vishing-Anrufe hereinfallen als auf betrügerische E-Mails. Besonders heikel ist dabei, dass der Wechsel von „Erstkontakt“ zu „Folgeangriff“ immer schneller gelingt: In einer Kampagne über Microsoft Teams sollen Angreifer bereits 17 Stunden nach dem Erstkontakt Ransomware platziert haben. Technisch passt das zu einem Muster, bei dem gestohlene Identitäten nicht nur zur Zugangserlangung dienen, sondern direkt als Sprungbrett für weitere Kompromittierungen. In den Incident-Response-Fällen spielte Missbrauch von Authentifizierungsdaten demnach in 65 Prozent der untersuchten Fälle eine Rolle.
Ein zentraler Treiber ist dabei Device-Code-Phishing, das sich besonders gegen Microsoft-Umgebungen richten soll: Innerhalb von nur vier Wochen seien rund 7 Millionen solcher Angriffe registriert worden, wobei 99 Prozent auf Microsoft-Umgebungen zielten. Das Prinzip: Nutzer werden über manipulierte Webdienste oder Phishing-as-a-Service-Plattformen auf personalisierte Seiten gelotst, die den Anschein eines legitimen Authentifizierungsdialogs erzeugen. Dazu kommen weitere Routen, die auf konkreten Systemen ansetzen: Sicherheitsbehörden warnen vor der Gruppe Storm-2945 (Midnight Blizzard), die offenbar Hotel-WLANs kompromittiert, um Nutzer via manipulierte DNS- und HTTP-Anfragen auf gefälschte Anmeldeseiten umzuleiten und Microsoft-365-Zugangsdaten zu entlocken. Daneben wird eine Schwachstelle in Outlook Web Access (CVE-2026-42897) genannt, die die Gruppe TA488 bereits ausgenutzt haben soll, obwohl ein Patch im Juni bereitgestellt worden ist. Das unterstreicht: Selbst mit vorhandenen Fixes bleibt der reale Betrieb durch Patch-Zyklen, Rollout-Geschwindigkeiten und unterschiedlich schnelle Wiederherstellungsläufe angreifbar.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Gewicht, wie sich Authentifizierung so gestalten lässt, dass sie nicht mehr als „Phishing-Workflow“ missbrauchbar ist. Passkeys und FIDO2-Sicherheitsschlüssel werden in den Berichten explizit als phishing-resistent beschrieben, weil sie an legitime Domains gebunden sind und nicht einfach durch gefälschte Webseiten abgegriffen werden können. Während MFA in vielen Setups letztlich auf Nutzereingaben und externe Bestätigungsschritte setzt, verlagert Passkey-Authentifizierung den Kern stärker in Richtung kryptografischer Bindungen zwischen Gerät, Browser und der erwarteten Domain. Als konkrete Umsetzung wird genannt, dass Microsoft Ende Juli eine Edge-Version 151.0.4129.59 veröffentlicht habe, die eine Passkey-Synchronisierung für Unternehmen einführt. Das ist für IT-Abteilungen relevant, weil ein isolierter Rollout ohne Synchronisierung die Usability-Bremsen häufig wieder erhöht – und genau diese Reibung treibt in der Realität dazu, dass Sicherheitsmechanismen nur halb genutzt werden.
Auch außerhalb der klassischen Unternehmens-IT wird der Ansatz übernommen: In Singapur führt der Dienst Singpass seit Juli 2026 Passkeys ein, um finanzielle Verluste durch Identitätsdiebstahl zu minimieren; für 2025 werden dabei fast 40 Millionen US-Dollar als Größenordnung genannt. Parallel berichten die Daten aus Deutschland von steigenden Investitionen in Cybersecurity: 64 Prozent der Unternehmen erhöhen demnach ihre Budgets, 55 Prozent investieren gezielt in den Schutz vor Phishing. Ein Drittel macht den notwendigen Schutz vor KI-gestützten Angriffen zum wesentlichen Treiber der Budgeterhöhungen. Für Entscheider ergibt sich daraus weniger die Frage „ob“, sondern „wie schnell“: Wer Passkeys testet und parallel bestehende MFA-Mechanismen nicht abrupt abschaltet, kann Migrationsrisiken reduzieren und gleichzeitig den Aufwand für Schulungen und Awareness-Kampagnen dort entlasten, wo Angreifer gerade besonders effektiv sind.
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