WARSAW / LONDON (IT BOLTWISE) – Polen bereitet die ersten Militärübungen der „Coalition of the Willing“ auf eigenem Boden vor, mit britischen und französischen Kräften als Rahmenpartner. Parallel dazu treibt das Land unter dem „East Shield“-Programm den Ausbau defensiver Infrastruktur entlang der Grenze zu Kaliningrad und Belarus voran. Im Fokus stehen auch Gefechtsführung und Führungsfähigkeit nach dem Ende der Kampfhandlungen sowie die Erprobung logistischer Abläufe. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Erkennung, Verfolgung und Abwehr von unbemannten Systemen, die im Ukraine-Krieg deutlich häufiger eingesetzt werden.

Polen startet erste „Coalition of the Willing“-Übungen und baut Drohnenabwehr aus
Polen startet erste „Coalition of the Willing“-Übungen und baut Drohnenabwehr aus (Foto: IT BOLTWISE)
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Polen will die Zeit nach dem Krieg in der Ukraine nicht nur politisch, sondern auch operativ vorbereiten. Dafür bringt das Land im Herbst die ersten Militärübungen der „Coalition of the Willing“ auf polnischem Territorium auf den Weg. Wie aus Angaben des polnischen Verteidigungsministeriums hervorgeht, sollen Frankreich und das Vereinigte Königreich als „framework nations“ den Kern der Übung bilden, während die polnischen Stellen die Rolle als logistisches und infrastrukturelles Rückgrat der Multinational Force Ukraine (MNF-U) zugleich praktisch untermauern.

Der Ablauf ist auf Koordination ausgelegt: Die beteiligten Nationen zielen laut Sprecherangaben auf ein höheres Maß an abgestimmter Kräfteplanung, bevor der Konflikt endet. Die Übung soll dabei nicht nur als Manöver im engeren Sinn verstanden werden, sondern als Testumgebung für Führungs- und Befehlsstrukturen (command-and-control), für die Organisation der logistischen Unterstützung und für das Zusammenwirken von Truppen bei einem Szenario, das explizit an die Zeit nach den Kampfhandlungen anschließt. Dass dabei Interoperabilität zum Stichwort wird, ist für europäische Einsatzverbünde entscheidend, weil moderne Verbundoperationen häufig an Schnittstellen scheitern: nicht an der reinen Verfügbarkeit von Einheiten, sondern an Datenflüssen, Protokollen, Verantwortlichkeiten und daran, wie schnell ein gemeinsames Lagebild aufgebaut und geteilt wird.

Parallel zu den Übungen wird in Polen eine strukturelle Antwort auf die Art des Kriegs gesucht, die sich nach dem Ukraine-Krieg besonders deutlich abzeichnet: unbemannte Systeme und die damit verbundene Notwendigkeit, frühzeitig zu erkennen, gezielt zu verfolgen und wirksam zu bekämpfen. Unter der 10 Milliarden Zloty schweren „East Shield“-Initiative baut die polnische Armee defensive Infrastruktur entlang einer etwa 800 Kilometer langen Grenze zu Russlands Kaliningrad-Exklave und Belarus. Dabei setzt das Programm bewusst nicht auf eine einzige durchgehende Linie aus Gräben, Bunkern und massiven Panzersperren, sondern auf ein „diversifiziertes“ System, das als Lehre aus dem Krieg auch die schnelle Zunahme von Drohnen und anderen unbemannten Plattformen berücksichtigt.

Technisch beschreibt das Programm einen modularen Mix aus baulichen Elementen und Sensorik: Je nach operativem Bedarf sollen Logistik-Hubs, Materiallager, Befestigungsbauteile und Unterstände entstehen. Ergänzt werden solche Hardening-Elemente durch Systeme zur Drohnenerkennung und -verfolgung, die laut polnischer Darstellung auf Radar, thermischer Bildgebung und akustischen Sensoren basieren. Genau an dieser Multi-Modalität entscheidet sich in der Praxis, wie gut ein Grenzraum mit komplexen Zielprofilen funktioniert: Radar liefert Reichweite und Geschwindigkeit, Thermalkameras helfen bei der Identifikation über Hintergrundsignale, und akustische Sensorik kann – vor allem in bestimmten Lagen und bei geeigneten Verfahren – zusätzliche Hinweise liefern. In der Summe soll das die Fähigkeit verbessern, unbemannte Luftfahrzeuge wirksam zu kontern, die im Ukraine-Krieg laut den Angaben zunehmend und teilweise in größerer Taktung eingesetzt wurden.

Damit die Infrastruktur nicht nur „gebaut“, sondern auch in bestehende Bündnisstrukturen eingepasst wird, sucht Polen eine NATO-Kompatibilität und macht „East Shield“ zu einem priorisierten Projekt. Ein sichtbares Element ist die Kooperation mit der Bundeswehr, die das Land im Rahmen des East-Shield-Vorhabens zur Unterstützung der Entwicklung der Infrastruktur heranzieht. Im Juli 2026 erklärte ein Sprecher des Generalstabs der polnischen Streitkräfte, dass eine deutsche Militäringenieureinheit rotationsbasiert nach Polen verlegt worden sei: „At the invitation of the Polish side, German soldiers are supporting the Polish Armed Forces in expanding defensive infrastructure on NATO’s north-eastern flank“, sagte Colonel Marek Pietrzak. In der gleichen Passage betont er, die Einbindung sei eine praktische Demonstration von Bündnissolidarität und das Ergebnis einer wachsenden sicherheitspolitischen Kooperation zwischen Polen und Deutschland.

Der Blick nach vorn umfasst zudem den Verbundgedanken über Europa hinaus. Polen führt Gespräche mit weiteren Partnern aus dem Ostseeraum und den nordischen Staaten, genannt werden dabei explizit Estland, Lettland, Litauen und Finnland. Ergänzend will das Land die Kooperation mit den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und Frankreich ausbauen; das ordnet die polnischen Aktivitäten in eine breitere Diskussion über künftige Sicherheitsgarantien ein. Władysław Kosiniak-Kamysz stellte dazu Anfang August in einem Social-Media-Post dar, dass polnische und deutsche Soldaten bereits Seite an Seite Infrastrukturmaßnahmen entlang der Grenze umsetzen und die Aufklärung vor dem Eintreffen weiterer französischer Kräfte laufe; außerdem kündigte er für den September Aufklärung mit Beteiligung amerikanischer Soldaten an: „Reconnaissance is underway ahead of support from French troops, and in September, reconnaissance involving American soldiers will begin.“

Aus Sicht der Industrie und der technischen Umsetzung ist vor allem die Kopplung von Übungsszenarien und Infrastrukturplanung relevant. Denn „Interoperabilität“ wird in solchen Programmen häufig greifbar an genau den Dingen, die man später im Feld nicht mehr improvisieren kann: an der Verbindung von Lagebildern, an der Koordination von Logistikströmen und an der Frage, wie Sensorikdaten in Echtzeit zu taktischen Entscheidungen führen. Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass Verteidigung zunehmend als System aus baulichen Barrieren, Sensorik und Prozessfähigkeit verstanden wird – nicht als starres Linearsystem. Für NATO-nahe Anbieter und Integratoren entsteht daraus ein klarer Bedarf an robusten, modularen Komponenten für Aufklärung, Erkennung und Führungsunterstützung, während der organisatorische Teil im Herbst-Manöver aufzeigt, ob diese Bausteine bereits „zusammen denken“ können.


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