GÜTERSLOH / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Psychische Belastungen zählen bei Azubis zu den häufigsten Gründen, über einen Abbruch nachzudenken oder ihn bereits umgesetzt zu haben. Fast 40 Prozent nennen mentale Belastung als Auslöser. Gleichzeitig berichten 15 Prozent der Befragten von stark eingeschränktem Wohlbefinden. Von denen mit eingeschränktem Wohlbefinden denkt fast die Hälfte eher an einen Vertragsausstieg.

Die Zahlen aus der Ausbildung wirken auf den ersten Blick wie ein separater Befund zur Gesundheit junger Menschen. Bei genauer Betrachtung zeigen sie jedoch ein strukturelles Risiko: Wer psychisch stark belastet ist, verliert deutlich früher die Stabilität, die für die Fortsetzung einer Ausbildung nötig ist. In einer Umfrage, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt wurde, nannten fast 40 Prozent der befragten Auszubildenden psychische Belastungen als Grund, warum sie über eine Vertragsauflösung nachdenken oder sie bereits abgebrochen haben.
Bemerkenswert ist dabei die Kontrastlogik nach Wohlbefinden: Unter den Azubis, die ohnehin von stark eingeschränktem Wohlbefinden berichten, erwägt fast drei Viertel (73,6 Prozent) einen Ausbildungsabbruch. Bei jungen Menschen mit stabilem Wohlbefinden liegt dieser Anteil dagegen lediglich bei 12 Prozent. Die Studie zeigt damit weniger eine „Randursache“ als vielmehr einen klaren Zusammenhang zwischen emotionaler Belastung und Abbruchneigung. Das ist wichtig, weil sich dadurch Maßnahmen nicht nur auf den Betriebsebene-Komfort reduzieren lassen, sondern bei psychischer Stabilität ansetzen müssen.
Für die repräsentative Erhebung wurden im Frühjahr 2026 mehr als 900 Auszubildende im Alter von 15 bis 25 Jahren befragt. Auch wenn die Mehrheit insgesamt mit der Ausbildung zufrieden ist, berichtet ein relevanter Teil von rund 15 Prozent von stark eingeschränktem Wohlbefinden. In der Darstellung der Studienautoren spiegelt sich das in Form von emotionaler Belastung wider: Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und ein häufiges Gefühl des Unwohlseins. Zusätzlich gab ein knappes Drittel an, sich bereits einmal wegen mentaler Probleme krankgemeldet zu haben. Damit geht es nicht nur um subjektives Unbehagen, sondern auch um spürbare Auswirkungen im Alltag.
Vergleichbare Signale liefert der jüngst veröffentlichte Ausbildungsreport des Jugendverbandes im Deutschen Gewerkschaftsbund. Dort kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sich sogar jeder zweite Azubi psychisch belastet fühlt. Als Treiber werden Leistungs-, Zeit- und Verantwortungsdruck genannt, außerdem Personalmangel im Ausbildungsbetrieb. Dieser Mix passt zur Alltagserfahrung vieler Ausbildungsstätten: Mentale Belastung entsteht häufig aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, etwa wenn Betreuung knapp ist, Aufgaben gleichzeitig steigen und der Zeitdruck die Puffer für Lernphasen und Fehlerkorrekturen reduziert. Gerade in der Übergangsphase von Schule zu Beruf kann das die Stressregulation nachhaltig beeinträchtigen.
Konsequenzen ergeben sich zugleich für die Interpretation der Ursachen: Neben psychischen Belastungen wurden zwar auch andere Gründe genannt, etwa abweichende Erwartungen an die Ausbildung oder Unzufriedenheit mit den Lern- und Arbeitsbedingungen. Laut Umfrage entfielen diese Nennungen jedoch deutlich seltener auf etwa ein Drittel oder weniger. Für Entscheider in Betrieben und Berufsschul-Ökosystemen heißt das: Es reicht nicht, „die Bedingungen“ allgemein zu verbessern, wenn parallel die psychische Belastung als konkrete Eintrittsvariable in Richtung Abbruch arbeitet. Praktisch sollten Ausbildungsorganisationen daher stärker auf frühe Warnsignale achten und Unterstützungsangebote so verankern, dass sie ohne Scham oder formale Hürden nutzbar sind.
Für die Umsetzung in der Fläche lohnt zudem der Blick auf die Risikodynamik: Wenn 73,6 Prozent der ohnehin stark belasteten Jugendlichen an einen Abbruch denken, bedeutet das, dass ein Teil der Entscheidung bereits vor einem formalen Vertragsproblem entsteht. Das verschiebt die Logik von „Reaktion nach Problemen“ hin zu „Prävention vor der Eskalation“. Technisch und organisatorisch können Betriebe dabei von klaren Schnittstellen profitieren, etwa zwischen Ausbildungsleitung, betrieblichen Ansprechpersonen und externen Unterstützungsstrukturen. KI als Werkzeug spielt hierbei vor allem indirekt eine Rolle, etwa wenn sie zur strukturierten Erkennung von Mustern in anonymisierten Meldedaten oder zur Auswertung von Feedback eingesetzt wird; entscheidend bleibt jedoch, dass die menschliche Betreuung und Gesprächsfähigkeit im Vordergrund stehen.
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