NEU-ISENBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Goodman, die Stadt Neu-Isenburg und die Stadtwerke (SWNI) haben einen Nachtrag zum städtebaulichen Vertrag für das Rechenzentrum FRA02 unterzeichnet. Nach der Inbetriebnahme soll das Projekt bis zu 50 MW thermische Leistung als Abwärme zurückgewinnen und ins Fernwärmenetz einspeisen. Damit sollen über 600 Gebäude vor Ort mit Wärme versorgt und die Dekarbonisierung der Kommune unterstützt werden. Geplant sind Fertigstellungsschritte bis 2026/2028, darunter ein Anschlussprojekt für die Energiezentrale.

In Neu-Isenburg entsteht gerade ein Modell, das Rechenzentren nicht nur als Stromverbraucher betrachtet, sondern als Wärmequelle für kommunale Netze. Der neue Nachtrag zum städtebaulichen Vertrag bindet Goodman, die Stadt und die Stadtwerke Neu-Isenburg (SWNI) enger aneinander und macht aus dem geplanten Campus FRA02 einen Baustein der lokalen Energieversorgung. Das Besondere: Das Vorhaben ist in Neu-Isenburg das erste dieser Art, bei dem Abwärme aus einem Rechenzentrum für die Wärmeversorgung der Kommune genutzt werden soll. Damit verschiebt sich die Diskussion im Umfeld von Datencentern spürbar weg von reinem Standort- und Flächenmanagement hin zu Energie- und Infrastrukturfragen, die langfristige Effekte haben.
Technisch konkretisiert sich das Vorhaben in einer Rückgewinnungskapazität von bis zu 50 MW thermischer Leistung nach der Inbetriebnahme. Diese thermische Energie soll in das von den SWNI errichtete und betriebene Fernwärmenetz eingespeist werden. Laut Vereinbarung profitieren dabei mehr als 600 Gebäude im Gewerbegebiet Süd, im Wohngebiet Neue Welt sowie im Umfeld des Waldschwimmbads; genannt werden Ein- und Mehrfamilienhäuser, gewerbliche Betriebe und öffentliche Einrichtungen. Für Unternehmen und öffentliche Träger ist das relevant, weil sich Wärmeplanung hier nicht nur auf Wärmeerzeuger vor Ort beschränkt, sondern auf die Netzebene ausweitet: Abwärme wird zur systemischen Ressource, die im Betrieb eine planbare Rolle für Lastspitzen und Grundlast übernehmen kann.
Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, geht es nicht allein um die „Wärmequelle“, sondern auch um vertragliche Anschlussmodalitäten. Der Nachtrag schafft die Grundlage für einen zusätzlichen Infrastrukturvertrag zwischen Goodman und den SWNI, der die konkreten Rahmenbedingungen der Wärmeeinspeisung aus FRA02 in das Fernwärmenetz regelt. Inhaltlich knüpft das Projekt an ökologische und gestalterische Verpflichtungen an, die bereits im städtebaulichen Vertrag aus dem Jahr 2024 verankert wurden. Der Zeitdruck ist dabei nicht abstrakt: Der Projektfortschritt gilt als planmäßig, die erforderlichen Baugenehmigungen liegen vor, und auch die Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) ist erteilt. Gleichzeitig laufen die nächsten Schritte in definierter Reihenfolge, was bei Infrastrukturvorhaben in Deutschland häufig entscheidend ist, weil Genehmigungen die spätere Betriebs- und Anpassungsfreiheit stark prägen.
Die genannten Projektmeilensteine zeigen, wie stark die Planungslogik entlang der Schnittstellen zwischen Energieerzeugung und Netzanschluss ausgerichtet ist. Die Arbeiten am Umspannwerk sollen wie vorgesehen 2026 abgeschlossen werden, während die Gesamtfertigstellung des Projekts dem Zeitplan entspricht. Goodman stellt zudem das Grundstück für die geplante Energiezentrale der SWNI bereit; der Baubeginn für diese Energiezentrale ist für 2028 avisiert. Unterm Strich heißt das: FRA02 wird nicht im luftleeren Raum gebaut, sondern als Teil eines abgestimmten Infrastrukturpfads, in dem elektrische Versorgungs- und Wärmeverteilkomponenten gemeinsam „hochgezogen“ werden. Gerade für Betreiber zählt hier die Kopplung von Ausbauphasen, weil sich die Wirtschaftlichkeit häufig erst dann stabilisiert, wenn Erzeuger, Wärmetransport und Abnahmeprofil zueinander passen.
Auf der Nachhaltigkeitsseite ist in der Meldung vor allem die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung als Zielbild klar herausgestellt. Der Country Manager Deutschland bei Goodman, Christof Prange, stellt dabei die langfristige Perspektive für Haushalt, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in Neu-Isenburg in den Vordergrund und verortet den Fortschritt in einer vierjährigen Zusammenarbeit zwischen Goodman, Stadt und SWNI. Für die Stadtwerke formuliert Kirk Reineke, Geschäftsführer der Stadtwerke Neu-Isenburg GmbH, den betrieblichen Kern: FRA02 soll künftig wertvolle Abwärme liefern und die Dekarbonisierungsziele unterstützen. Außerdem wird die Bedeutung von Partnerschaften betont, weil technische und wirtschaftliche Herausforderungen bei solchen Projekten nicht „en bloc“ gelöst werden, sondern sich über Planung, Bau, Betrieb und Optimierung erst in der Praxis ausprägen.
Auch der Bürgermeister von Neu-Isenburg, Dirk Gene Hagelstein, ordnet die Vereinbarung ausdrücklich in die Prioritätensetzung für eine klimafreundlichere Wärmeversorgung ein. Er nennt als Mehrwert, dass die SWNI das Abwärmeprojekt vorantreiben können und dabei auf Nachhaltigkeitsmaßnahmen Goodmans aufbauen. Konkret werden dabei unter anderem ein geschlossener Kühlkreislauf zur Begrenzung des Trinkwassereinsatzes, Photovoltaikanlagen auf den Dächern sowie begrünte Fassaden genannt. Damit wird ein Ansatz sichtbar, der über „nur“ Abwärmenutzung hinausgeht: Effizienz im Kühlsystem, zusätzliche Energieerzeugung vor Ort und bauliche Maßnahmen greifen ineinander. In der Summe soll so ein ehemals brachliegender Industriestandort reaktiviert, das Wärmenetz modernisiert und die digitale Infrastruktur lokal nutzbar gemacht werden.
Für den Markt ist das Projekt vor allem deshalb spannend, weil es zeigt, wie sich Datacenter-Standorte zunehmend als Infrastrukturtreiber verstehen lassen. Statt Abwärme schlicht „abzuführen“, wird sie über das Fernwärmesystem in den städtischen Betrieb integriert. Für andere Kommunen und Betreiber eröffnet das mehrere Anschlussfragen: Wie lassen sich Einspeisebedingungen so definieren, dass Qualität und Verfügbarkeit der Wärme im Jahresverlauf stabil bleiben? Welche Netzmodernisierungen sind nötig, um zeitweise höhere Temperaturniveaus oder Lastverschiebungen abzufangen? Und wie entwickelt sich das Business Case-Design, wenn die Wärmeabnahme nicht nur als „Nebenprodukt“, sondern als strategische Komponente betrachtet wird. Wenn FRA02 wie geplant voranschreitet, könnte der Fall in Neu-Isenburg ein praktikables Referenzmuster liefern – nicht als Copy-&-Paste-Lösung, aber als belastbares Fundament für die nächste Welle kommunaler Wärme-Kopplungen mit Rechenzentren.
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