BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung verschärft das Arbeitsrecht: Befristungen ohne Sachgrund sollen künftig bis zu 48 Monate möglich sein. Gleichzeitig soll eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag kommen, während die telefonische Krankschreibung abgeschafft wird. Gewerkschaften und Gesundheitsakteure sehen darin vor allem Bürokratie statt echter Fehlzeitenreduktion. Parallel sorgt der Bundeshaushalt 2027 mit Rekordinvestitionen, aber Sozial- und Budgetkürzungen für neuen politischen Druck.

Regierung will Befristungen bis 48 Monate ausweiten und Attest ab Tag 1
Regierung will Befristungen bis 48 Monate ausweiten und Attest ab Tag 1 (Foto: IT BOLTWISE)
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Anfang Juli hat die Bundesregierung ein Reformpaket mit spürbaren Auswirkungen auf Arbeitsverträge und den Umgang mit Arbeitsunfähigkeit vorgestellt. Im Kern geht es um eine Ausweitung der sachgrundlosen Befristung auf bis zu 48 Monate sowie um Änderungen bei Krankschreibungen. Für Arbeitnehmervertretungen ist das eine deutliche Belastung, weil befristete Beschäftigung im Alltag häufig mit geringerer Planbarkeit, mehr Unsicherheit bei Anschlussbeschäftigungen und einem höheren Verhandlungsdruck verbunden ist. Für Unternehmen bedeutet die Reform zugleich: Personalplanung, Vertragsdesign und HR-Prozesse müssen rechtssicherer und gleichzeitig schneller werden, weil die regulatorischen Stellschrauben enger sind.

Technisch wirkt das Paket zwar wie „klassisches“ Arbeitsrecht, berührt aber stark die Operationalisierung im Betrieb. Wenn eine Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag greift und die telefonische Krankschreibung entfällt, verlagern sich Prüf- und Dokumentationsaufgaben in die frühe Phase der Abwesenheit. Das ist nicht nur eine Frage von Papier, sondern auch von Prozess- und IT-Integrationen: Viele Unternehmen koppeln HR-Systeme, Zeiterfassung und Krankmeldungs-Workflows, um Fristen, Nachweise und Entgeltabrechnung automatisiert abzusichern. Zudem wird die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) weiter zum zentralen Datenobjekt, das in der Compliance Kette konsistent sein muss.

Genau dort setzt die Kritik an. Krankenkassen und wissenschaftsnahe Stellen argumentieren, dass die Diskussion um die telefonische Krankschreibung zu kurz greift. AOK-Vorstand Carola Reimann ordnet die geplanten Schritte als Symbolpolitik ein und verweist darauf, dass die eAU eine genauere Erfassung der Fehlzeiten ermögliche. Unterstützend kommen OECD-Vergleichswerte für 2022, wonach Deutschland bei Krankheitstagen mit 24, 9 auf hohem Niveau liegt – allerdings mit eingeschränkter Vergleichbarkeit, weil Länder Fehlzeiten unterschiedlich messen und dokumentieren. Insgesamt verschiebt sich damit der Fokus: Nicht die Form des Attests, sondern Datenqualität und Auswertung werden zur eigentlichen Stellschraube.

Auch ökonomisch wird die Maßnahme infrage gestellt. Der Wissenschaftsökonom Daniel Graeber vom DIW machte geltend, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Tag den Krankenstand statistisch nicht senke und die Zahl der Fehltage sogar erhöhen könne, weil organisatorische Reibung mehr „kurze“ Meldungen produziert. Daten der Barmer liefern zusätzlich ein Indiz: Telefonische Krankschreibungen machen demnach nur einen sehr kleinen Anteil der Fälle aus, während Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen den weitaus größten Block der Fehlzeiten verursachen. In der Konsequenz ähnelt das Vorgehen eher Modellen aus der Region Skandinavien, wo man über Teilkrankschreibungen steuert – nur dass Deutschland nun stärker auf frühere Nachweise setzt als auf eine graduelle Rückkehr.

Parallel verschärft sich die politische Gemengelage durch den Haushalt 2027. Der Kabinettsbeschluss sieht Rekordinvestitionen von 117, 5 Milliarden Euro vor, gleichzeitig sollen 160 Milliarden Euro in die Verteidigung fließen – rund 25 Prozent der Gesamtausgaben. Gewerkschaftsnah wird daraus ein Zielkonflikt abgeleitet: DGB-Vize Stefan Kürzell kritisiert insbesondere geplante Kürzungen bei Sozialleistungen sowie Streichungen im Klima- und Transformationsfonds. Hinzu kommt die Sorge, dass bis 2030 ein großer Teil des Budgets für Verteidigung und Zinszahlungen gebunden sein könnte. Für Arbeitgeber wirkt das auf mittlere Sicht wie ein zusätzlicher Kontextfaktor: Wenn Budgets schrumpfen, steigt der Druck, Personal- und Entgeltstrukturen effizient zu halten.

Ein weiterer Belastungspunkt liegt im Gesundheitswesen. Die Gewerkschaft ver.di warnt vor Personalmangel infolge geplanter Einschnitte beim Krankenhauspersonal. Genannt werden unter anderem die mögliche Abschaffung der Personalbemessung PPR 2.0 sowie eine Deckelung der Pflegebudgets bis 2028, die laut Kritik die Patientenversorgung gefährden könnte. Das ist nicht nur sozialpolitisch relevant, sondern hat auch eine arbeitsrechtliche Tiefe: Wo Personal knapp ist, werden Arbeitszeiten, Krankheitsvertretungen und Schichtplanung unter Spannung gesetzt. Unternehmen im Gesundheits- und Dienstleistungsbereich müssen daher mit höheren Ausfallrisiken und strengeren Nachweisschritten rechnen, die sich nicht allein durch „mehr Verwaltung“ stabilisieren lassen.

Expertenseitig wird zudem nach Alternativen gesucht, die Fehlzeiten anders adressieren. DAK-Chef Andreas Storm bringt als Konzept eine Teilkrankschreibung nach skandinavischem Vorbild ins Spiel, während das Finanzressort die Neuregelungen als praktikabel verteidigt und auf abweichende tarifliche Gestaltungsmöglichkeiten verweist. Gesundheitsministerin Warken prüft demnach die Einführung von Teilkrankschreibungen, was in Summe auf eine Zweiteilung der Strategie hindeutet: kurzfristig mehr Nachweisdisziplin, mittelfristig mehr medizinisch und organisatorisch fein abgestufte Rückkehrmodelle. Für Betriebe bedeutet das: HR- und Betriebsratskommunikation müssen die Varianten bereits jetzt antizipieren, damit sich Regeln nicht erst im Streitfall „ausprobieren“.

In der Zukunft dürfte die Reform vor allem an drei Stellen Wirkung entfalten: erstens bei der Gestaltung befristeter Arbeitsverträge, zweitens bei der Abwesenheitssteuerung und Datenkonsistenz rund um eAU und Nachweise, und drittens bei der unternehmensweiten Planung unter Budgetdruck. Für Entwickler und IT-Verantwortliche in Unternehmen entsteht daraus ein klarer Handlungsauftrag: Workflows für Krankmeldungen, Fristen und Nachweisprüfung müssen revisionssicher dokumentieren, Audit-Trails bereitstellen und Datenschutzanforderungen entlang der Datenflüsse abbilden. Wer das vernachlässigt, riskiert Rechtsunsicherheit – und damit Kosten. Gleichzeitig zeigt der Blick auf skandinavische Ansätze, dass die nächste Reformwelle wahrscheinlich stärker auf Teilrückkehr-Logik und Prozessqualität statt auf harte Vorverlagerung von Nachweisen setzen wird.


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