LONDON (IT BOLTWISE) – Krypto-Gruppen haben in diesem Jahr bereits fast 640 Millionen US-Dollar für Rückkäufe eigener Token ausgegeben. Laut Daten von Allium Labs liegen die Summen deutlich über dem Vorjahr und konzentrieren sich stark auf wenige große Akteure. Besonders Hyperliquid und pump.fun treiben die Programme an, während der Markt insgesamt weiter unter Druck steht. Entscheidend bleibt, ob Rückkäufe den Preis tatsächlich messbar stützen können.

Rekord-Rückkäufe: Krypto-Gruppen investieren fast 640 Mio. US-Dollar in eigene Token
Rekord-Rückkäufe: Krypto-Gruppen investieren fast 640 Mio. US-Dollar in eigene Token (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Dynamik an den Kryptomärkten wirkt derzeit widersprüchlich: Während viele Anleger digitale Assets reduzieren, setzen einzelne Projektgruppen auf Rückkäufe der eigenen Token. In diesem Jahr sind dafür bis jetzt rund 638 Millionen US-Dollar ausgegeben worden, wie die Blockchain-Datenplattform Allium Labs ermittelte. Gegenüber dem Vorjahresvergleichszeitraum (545 Millionen US-Dollar) bedeutet das eine deutliche Beschleunigung, und selbst im Gesamtjahr 2024 lagen die Rückkäufe laut den gleichen Zahlen bei lediglich 366.000 US-Dollar. Dieser Sprung ist keine Kleinigkeit, sondern ein Signal dafür, dass immer mehr Teams eine Taktik aus dem Aktienmarkt auf Krypto übertragen.

Technisch und ökonomisch knüpfen solche Buyback-Programme an Mechaniken an, die aus dem klassischen Equity-Umfeld bekannt sind: Ein Unternehmen reduziert die Zahl der umlaufenden Aktien und signalisiert damit unter anderem Vertrauen in die eigene Bewertung. Bei Krypto ist die Ausgangslage jedoch anders, weil Token in der Regel weder automatisch ökonomische Ansprüche noch Stimmrechte wie klassische Wertpapiere mit sich bringen. Genau deshalb sind Rückkäufe in der Vergangenheit seltener gewesen: Während der Amtszeit von US-Regulierungschef Gary Gensler bei der Securities and Exchange Commission waren viele Führungskräfte in den USA besonders vorsichtig, wenn Maßnahmen den Eindruck erwecken könnten, ein Token könne als Security eingestuft werden. In der aktuellen Phase, in der US-Regulierer gegenüber Krypto deutlich offener auftreten, haben sich die Spielräume für solche Programme erhöht.

Der größte Hebel kommt dabei von wenigen Akteuren. Die Perpetuals-Plattform Hyperliquid liegt mit Abstand vorne und gibt nach Berichtslage 99 Prozent ihrer Einnahmen aus Trading-Fees für den Wiederankauf des eigenen HYPE-Tokens aus. Seit dem Launch im Dezember 2024 wurden so 1,3 Milliarden US-Dollar an HYPE zurückgekauft und anschließend storniert. Die Marktreaktion fällt im Vergleich zum breiteren Kryptotal deutlich positiver aus: HYPE ist in den vergangenen zwölf Monaten um 70 Prozent gestiegen, während Bitcoin seit seinem Hoch weiterhin um etwa 38 Prozent nach unten zeigt und andere große Token wie XRP oder Solana grob um rund 60 Prozent gefallen sind. Der für die Anleger relevante Punkt ist offenbar, wie stark eine aggressive Kaufpolitik das Vertrauen in die Token-Nachfrage stützen kann. Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise Asset Management, ordnete den Anstieg als „primary“ Grund vor allem Hyperliquids Buyback-Strategie ein und verwies darauf, dass Investoren davon ausgingen, „that a blockchain’s rising activity would flow through to the token“.

Auch außerhalb der Perpetuals-Branche wird das Modell inzwischen nachgebildet. Sky Protocol, ein dezentrales Finance-Projekt, hat laut Allium Labs 26 Millionen US-Dollar für Rückkäufe des eigenen SKY-Tokens eingesetzt. Rune Christensen, Co-Founder des Protokolls, stellte dabei heraus, dass das Modell darauf ziele, dass „the holders driving decision-making are aligned with the long-term success of the protocol“. Der SKY-Kurs zeigt im selben Zeitraum zwar moderatere Bewegungen, ist aber immerhin um 5 Prozent gewachsen. Lido kündigte außerdem an, ab August regelmäßige Rückkäufe durchführen zu wollen, sobald bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, darunter 40 Millionen US-Dollar an annualisierten Erlösen. Bemerkenswert ist hier der Kontrast: Während der Token in Erwartung solcher Mechaniken „stärker“ an den Erfolg des Protokolls gekoppelt werden soll, ist Lido’s Token in den vergangenen zwölf Monaten um 71 Prozent eingebrochen und notiert nahe historischen Tiefständen.

Die entscheidende Frage lautet dennoch: Wirken Buybacks bei Token-Preisen wirklich so verlässlich wie im Aktienmarkt? Die Daten zeigen zumindest, dass es keine einfache Eins-zu-eins-Übertragung gibt. Allium Labs nennt als Gegenbeispiel Jupiter: Die Plattform habe in diesem Jahr nahezu 14 Millionen US-Dollar für Rückkäufe eingesetzt, der Tokenpreis sei aber über die vergangenen zwölf Monate um 55 Prozent gefallen. Chainlink, das als Verbindungs- und Interoperabilitätslayer zwischen Blockchains fungiert, habe ebenfalls Buybacks ausgeführt, dennoch sei LINK in USD-Wert um etwa die Hälfte gesunken. Selbst ein explizites Stopp-Signal gab es: Helium beendete sein Buyback-Programm im Februar mit der Begründung, der Markt kümmere sich offenbar nicht darum, wenn Projekte eigene Token vom Markt nehmen. Mit Blick auf die Wirksamkeit formulierte Amir Haleem, Co-Founder von Helium: „The market doesn’t seem to care about projects buying their tokens back off the market, so we are going to stop wasting our money“.

Aus der Branche wird das Thema zudem stärker vom Hype-Modus in Richtung Fundamentaldaten geschoben. Amir Hajian, Researcher beim Krypto-Unternehmen Keyrock, beschreibt den Strukturwechsel so, dass die Ära schneller Token-Anstiege durch Marktstimmung abgelaufen sei und Händler nun genauer prüfen, ob Token wirtschaftliche Vorteile bieten. In seinem Fazit heißt es: Tokenholder betrachten den Wert „from a very fundamental point of view whereas before tokens would go up a lot on hype … it’s become a market where not everything goes up at once.“ Das passt zu einem zweiten Trend, der im Artikel mitschwingt: Einige Projekte behandeln Token zunehmend wie traditionelle Aktien, indem sie Inhaber an Erlösen beteiligen. So können Stakeholder beim dezentralen Exchange THORSwap Token von THORChain laut Bericht 55 Prozent der Einnahmen erhalten, während weitere 20 Prozent für Buybacks reserviert werden. Trotzdem bleibt der Kurseffekt begrenzt: Trotz dieser Kombination ist der Token über das vergangene Jahr um etwa die Hälfte gesunken.

Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus ein praxisrelevanter Schluss. Rückkäufe können zwar die Liquiditätssituation verändern und kurzfristig Angebot und Nachfrage beeinflussen, sie ersetzen aber nicht die Erwartung, dass ein Token als Vehikel für wirtschaftlichen Nutzen funktioniert. Wenn Märkte Buybacks als reines Signal wahrnehmen, aber nicht als dauerhaft belastbare Wertübertragung, verpufft der Effekt. Genau deshalb bleibt auch die kritische Einordnung von Allium Labs wichtig: Elton Shehdula, Head of Research, sagte sinngemäß, es gebe eine „optic incentive“, also einen optischen Anreiz, damit Gruppen Vertrauen zeigen. Gleichzeitig verwies er auf den Mechanismus: „Once they buy those tokens, they’re essentially reducing the supply, which is another lever of supporting the token price“. Für Projektteams heißt das: Die Buyback-Logik muss entweder durch klare, nachvollziehbare Erlösmodelle oder durch transparente Governance- und Anreizstrukturen unterfüttert werden, sonst wandert der Fokus der Investoren sehr schnell zurück zu fundamentalen Kennzahlen.

Damit verschiebt sich auch der Wettbewerb in der Krypto-Ökonomie. Wenn immer mehr Projekte Buybacks starten, wird der Unterschied zwischen „Token-Pflege“ und „Token-Wert“ schmaler. Der Markt entscheidet dann stärker über die Frage, ob der Token tatsächlich Teil eines geschlossenen Wertkreislaufs ist: Einnahmen, Staking-Belohnungen, Gebühren-Weitergabe oder die Kopplung an reale Nutzung. In einem Umfeld, in dem Bitcoin noch immer etwa 38 Prozent unter dem Peak liegt und viele Altcoins rund 60 Prozent tiefer notieren, dürfte diese Präzision bei der Nutzenargumentation darüber bestimmen, welche Programme länger als PR-Instrumente wirken und welche nur zusätzliche Kosten verursachen.


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