LONDON (IT BOLTWISE) – Die Rekordpreise für Rindfleisch in den USA sind nicht nur eine Frage der Nachfrage, sondern vor allem eine Folge von Knappheit. Laut Bericht liegt der Preis für Rindfleisch im Einzelhandel etwa 12% über dem Vorjahresniveau, bei deutlich stärkerer Steigerung als die allgemeine Inflation. Gleichzeitig berichten Züchter, Feedlots und Schlachtereien, dass ihre Erlöse mit Kostensteigerungen aufessen. Am Ende bleibt die Versorgungslage der Engpass, weil neue Rinder nicht über Nacht auf den Markt kommen.

Rekordpreise für US-Rindfleisch: Dürre und Knappheit drücken durch die Kette
Rekordpreise für US-Rindfleisch: Dürre und Knappheit drücken durch die Kette (Foto: IT BOLTWISE)
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US-Rindfleisch wird derzeit so teuer wie lange nicht. Entscheidend ist dabei weniger, dass „irgendwo“ jemand mehr verlangt, sondern dass ein echter Engpass die gesamte Wertschöpfungskette gleichzeitig trifft: Es gibt schlicht zu wenige Rinder. Das zeigt sich schon in den Zahlen, mit denen Züchter Eric Gropper seine Situation beschreibt. Auf den Höfen liegt das Problem nicht abstrakt in den Schlagzeilen, sondern ganz praktisch im Stallplan und auf dem Feld: 350 Zuchtkühe auf rund 8.000 Acres Grünland, dazu ein stark abgelegener Standort im Südwesten von South Dakota, der in einem Jahr vor allem von Trockenheit geprägt ist.

Gropper liefert kein Preissignal „von oben“, sondern nimmt am Auktionsmechanismus teil: Einmal pro Jahr werden die Kälber zu einer Viehversteigerung gebracht, und der Zuschlagspreis entsteht durch Gebote. In diesem Marktumfeld werden diese Gebote laut Bericht so hoch wie nie zuvor. Für ein 600lb (272kg) Kalb werden etwa 2.500 US-Dollar genannt, gegenüber rund 2.000 US-Dollar vor zwei Jahren. Hinter dieser Dynamik steckt ein einfacher Treiber: weniger Tiere. Zu Jahresbeginn gab es in den USA dem Bericht zufolge weniger Rinder als zu jedem Zeitpunkt seit 1951. Dürre in mehreren Bundesstaaten und zusätzlicher Krankheitsdruck treffen nicht nur einzelne Betriebe, sondern reduzieren das Angebot auf nationaler Ebene – und damit die Verhandlungsmasse an jeder Station der Kette.

Damit verschiebt sich die Rechnung von Zuchtbetrieben weg von „Gewinn aus Preis“ hin zu „Kosten aus Preis“. Gropper beschreibt, dass ihm das Wasser fehlt: 13 natürliche Brunnen auf seinem Land sind trocken, er nutzt statt dessen einen Tankwagen. Gleichzeitig steigen überall in der Betriebskalkulation die Preise, die man normalerweise als relativ stabil betrachtet: Ein neuer Pickup soll von 40.000 US-Dollar auf 100.000 US-Dollar gestiegen sein. Holzpfosten, Zaunmaterial und Futtertransport sind ebenfalls teurer – der Bericht nennt etwa Sprünge bei Zaunpfosten von ungefähr 6 US-Dollar auf bis zu 19 US-Dollar und bei einer 1/4-Meile Rollenlänge von Stacheldraht von 60 US-Dollar auf 130 US-Dollar. In der Fütterung gilt dann dasselbe Prinzip: Wenn auf ausgedörrten Flächen weniger Gras wächst, müssen Betriebe Heu, Silage und anderes Futter zukaufen. Dabei sind die Daten zur Größenordnung klar: Über 60% der US-Rinder grasen auf dürreresistenten, aber trockenheitsschädlich getroffenen Flächen.

Auch in den nächsten Stufen bleibt es bei einem Grundmuster: Wer heute hohe Preise erzielt, zahlt sie im nächsten Moment wieder ein. Feedlots sind dafür das anschaulichste Beispiel. Die Kälber kommen mit etwa sechs Monaten an, werden dann in großen Anlagen vor allem auf Basis von Mais und anderen Getreideprodukten für den letzten Abschnitt der Mast – typischerweise drei bis sechs Monate – „fertiggemacht“. Laut Bericht werden etwa 95% der US-Rinder so fertiggestellt, und die größten Anlagen halten über 100.000 Tiere gleichzeitig. Gleichzeitig müssen diese Feedlots aber zuerst die Tiere einkaufen. Genau das verhindert laut agricultural economics Professorin Brenda Boetel, dass aus „Rekordverkaufspreisen“ automatisch „Rekordgewinne“ werden: Die Einkaufspreise liegen ebenso am oberen Ende der historischen Verteilung, sodass Margen unter Druck geraten.

Bei den Schlacht- und Zerlegebetrieben kommt ein zweiter Mechanismus hinzu: Marktstruktur und Auslastung. Vier große Unternehmen – Tyson, JBS, Cargill und National Beef – kontrollieren dem Bericht zufolge rund 85% der Verarbeitung. Solch eine Konzentration führt in der öffentlichen Debatte immer wieder zu Vorwürfen, etwa in Richtung Preisabsprachen. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass die Gewinnlogik bei hohen Rindpreisen nicht automatisch nach oben geht: Tyson habe in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres mehr als 500 Mio. US-Dollar Verlust bei der Rindfleischsparte gemeldet. Das passt zu dem beschriebenen Alltag in kleineren Anlagen wie Harpley’s Meatpacking in North Carolina. Dort sagt Jamie Crumley, dass der Preis, den man für lebende Tiere zahlen muss, in drei Jahren um bis zu 60% gestiegen sei. Zwar können auch Packerei-Unternehmen ihre Verkaufspreise erhöhen, aber der Spielraum bleibt begrenzt: Wenn Restaurants und Supermärkte nicht mitziehen können, weichen Verbraucher auf Hähnchen oder günstigeres – und teils importiertes – Rindfleisch aus. Daneben macht die Auslastung einen harten Unterschied. Harpley’s ist auf 425 bis 450 Tiere pro Tag ausgelegt, läuft aktuell aber nur mit etwa 350. Die Gebäude-, Linien- und Personalaufwände fallen weitgehend unabhängig von der Menge an, während sich die Fixkosten damit auf weniger Tiere verteilen. Crumley beschreibt, dass sie je Kopf im aktuellen Betrieb zwischen 100 und 400 US-Dollar verlieren könne.

Am Ende der Kette landet der Preisdruck dort, wo er für Konsumenten am sichtbarsten ist: im Restaurant. Paul und Jessica Urban betreiben „Block 16“ in Omaha, Nebraska. Der Bericht beziffert den Bedarf mit rund 300lb (136kg) Hackfleisch pro Woche, entsprechend etwa 2.800 Burgern pro Monat. Als das Restaurant 2010 eröffnete, kostete ein Burger 8,95 US-Dollar; heute liegt der Preis bei 11,95 US-Dollar. Das Problem: Die Marge bleibt klein, weil der Einkaufspreis für das Grundprodukt deutlich stärker steigt als der Verkaufspreis im Kundenerlebnis. Pauls Aussage bringt die praktische Grenze auf den Punkt: Um die Profitabilität zu maximieren, müsste man vielleicht 13 US-Dollar pro Burger verlangen, doch das würde das psychologische Preisgefühl nach oben verschieben. Die Konsequenz ist keine Insolvenz, aber eine durchwachsene Kalkulation: Man kommt zwar weiter durch den Laden, „extra“ bleiben aber kaum übrig.

Wenn man diese Stationen zusammennimmt, ergibt sich ein klares Bild: Der Züchter verkauft zwar zu Rekordkonditionen, trägt aber ebenso Rekordkosten. Feedlots drehen Geld um, müssen jedoch dieselbe Knappheit als Einkaufspreis wieder bezahlen. Packerei und Verarbeitung verlieren wegen Preisgrenzen und Unterauslastung. Selbst die Verbraucherpreisschilder können nur begrenzt nach oben skaliert werden, weil Käufer sonst Substitution betreiben. Der Bericht formuliert die Lösung daher nicht als „besser verhandeln“, sondern als „mehr Rinder auf den Markt“. Doch genau daran scheitert es zeitlich: Eine Heifer, also eine junge Färse, braucht bis zur ersten Kalbung etwa zwei Jahre. Für das spätere Erreichen des Schlachtgewichts kommen noch einmal rund ein Jahr hinzu. Dadurch dauert es ungefähr drei Jahre, bis zusätzliches Fleisch aus heute verbesserten Rahmenbedingungen überhaupt ankommt. Solange dieser Zeitversatz nicht ausgeglichen ist, bleibt die Situation ein Kaskadeneffekt aus Knappheit und Kosteninflation – und nicht ein klassischer Fall, in dem alle Akteure automatisch vom Preis profitieren.


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