UNITED STATES / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Analysen großer Testdaten zeigen Hinweise auf einen Reverse-Flynn-Effekt: In einem Zeitraum von 2006 bis 2018 sinken zusammengesetzte Ergebnisse in zentralen Denkaufgaben. Gleichzeitig verbessern sich die Leistungen in einem räumlichen Test zur dreidimensionalen Rotation über alle betrachteten Altersgruppen hinweg. Der Rückgang betrifft besonders junge Erwachsene und Personen mit niedrigerem Bildungsniveau, während verbales Denken vergleichsweise stabil bleibt. Als mögliche Einflussfaktoren werden neben Smartphone-Nutzung auch Veränderungen im Medienkonsum diskutiert.

Der Flynn-Effekt gehört zu den bekanntesten Befunden der Psychometrie: Über Jahrzehnte hinweg lagen die Ergebnisse typischer Intelligenztests in vielen Ländern im Schnitt höher als bei früheren Generationen. Damit wurde die Idee verknüpft, dass moderne Lebensbedingungen – etwa bessere Ernährung, mehr Bildung oder komplexere Umwelten – messbare kognitive Fähigkeiten mit anheben. In Europa melden dagegen mehrere Länder Rückgänge, die auf standardisierte Testverfahren gestützt sind. Um zu klären, ob sich ein ähnliches Muster auch in den USA zeigt, hat eine Forschungsgruppe um die Sozialwissenschaftlerin Elizabeth Dworak die verfügbaren Daten systematisch auf mögliche Gegenbewegungen geprüft.
Die Analyse basiert auf einem Datensatz mit fast 400.000 Teilnehmenden, erhoben zwischen 2006 und 2018. Grundlage ist das Synthetic Aperture Personality Assessment (SAPA) Projekt, eine Online-Plattform, die laut Beschreibung auf mehr als eine Million Antworten zurückgeht. Für die Studie wurden 394.378 Personen im Alter von 18 bis 90 Jahren ausgewählt, die Aufgaben aus dem International Cognitive Ability Resource (ICAR) bearbeitet hatten – einem Open-Source-Intelligenztest mit mehreren Teilbereichen. Entscheidend war dabei nicht nur ein Gesamtwert, sondern eine Aufsplittung in einzelne kognitive Domänen: Matrix Reasoning als Maß für abstraktes Mustererkennen, Letter-and-Number-Serien für logische Sequenzaufgaben, Verbal Reasoning für Wortschatz und allgemeines Wissen sowie eine Aufgabe zur drei-dimensionalen Rotation, die mentale räumliche Visualisierung abprüft. Zusätzlich bildeten die Forschenden über die verschiedenen Aufgaben hinweg zusammengesetzte Composite Scores.
Über die 13 Jahre hinweg fanden sie Hinweise, die zu einem Reverse Flynn Effekt passen: Die Composite Scores gingen im Zeitverlauf zurück. Auffällig ist, dass der Trend nicht nur bei einer Altersgruppe sichtbar wird. Er zeigt sich über Altersgruppen hinweg, ebenso über unterschiedliche Bildungsniveaus und in beiden Geschlechtern. Am stärksten fielen die Abnahmen bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 22 Jahren aus – und bei Teilnehmenden mit niedrigerem Bildungsniveau. Gleichzeitig ist das Ergebnis nicht homogen: Je nach Aufgabentyp variieren Ausmaß und Richtung. Bei Matrix Reasoning und Letter-and-Number-Serien gingen die Werte typischerweise ebenso zurück wie der Gesamttrend. Das spricht dafür, dass vor allem abstraktes und logisches Problemlösen über die Zeit hinweg stärker unter Druck geraten ist.
Ganz anders verläuft es beim Bereich Verbal Reasoning: Hier waren die Veränderungen so gering, dass sie die Schwelle für einen „meaningful reverse Flynn effect“ in der Studie nicht klar überschritten. Das ist für die Interpretation wichtig, weil es gegen ein pauschales „Menschen werden insgesamt dümmer“ spricht. Stattdessen deutet der Befund auf eine selektive Veränderung kognitiver Leistungen hin: Manche Fähigkeiten scheinen zu erodieren, andere bleiben stabil. Am deutlichsten sticht jedoch die räumliche Domäne heraus. Bei der drei-dimensionalen Rotation verbesserten sich die Werte über den Untersuchungszeitraum. Dass dies über einen breiten Teil des Erwachsenenalters hinweg zu sehen ist, legt nahe, dass es sich nicht um einen Effekt handelt, der nur bei sehr jungen Jahrgängen auftritt. Als Hypothese wird diskutiert, dass Video Games mit der trainierten Fähigkeit zur mentalen Manipulation von Objekten im Raum in Zusammenhang stehen könnten.
Solche Verschiebungen wirken auch außerhalb des ICAR-Rahmens. In den USA sinken seit Jahren die Durchschnittswerte bei standardisierten Aufnahme-Tests: Der ACT, der als Alternative zum SAT genutzt wird, verzeichnete laut dem Text einen stetigen Rückgang im Verlauf des letzten Jahrzehnts; auch beim SAT werden Abnahmen berichtet. Gleichzeitig beginnt diese Abwärtsbewegung dem Bericht zufolge bereits vor der breiten Verfügbarkeit generativer KI – also bevor KI-Tools als „Cheating“- oder Lernhilfen im Mainstream eine Rolle gespielt hätten. Ebenso wird ausgeführt, dass der Trend nicht erst in der Pandemiephase startet: Die Abnahme habe bereits zuvor begonnen. Damit rückt die Frage stärker in den Fokus, ob Mediennutzung und Lernumgebungen – etwa der Wechsel von gedrucktem Lesen zu Smartphone-basierten Formaten – eher als erklärende Variable taugen könnten.
In diesem Zusammenhang wird ein Erklärungsansatz genannt, der auf veränderte Denk- und Lesestrategien zielt. James Marriott, Kolumnist in London, führt als Argument an, dass der Übergang vom Print-Text zu Smartphone-Inhalten die Verarbeitungskultur verändern könne. In einem Podcast sagt Marriott: „Print requires us to make a logical case for a subject“ und später: „You can’t just assert things in the way you can on TikTok or on YouTube… print privileges a whole way of thinking and a whole way of processing the world that is logical, that is more rational, that is more dense information, that is more intellectually challenging.“ Die Richtung der Argumentation passt zu den gemessenen Mustern: Wenn abstrakt-logische Problemlöseaufgaben zurückgehen, könnte das in einer Lebensrealität plausibel sein, in der Informationskonsum stärker fragmentiert ist.
Gleichzeitig bleibt die Studie methodisch bei der Frage nach den Ursachen begrenzt. Dworak und Kolleginnen und Kollegen nutzen wiederholte Querschnittsdaten: Die Forschenden verfolgen also nicht dieselben Personen über die Zeit, sondern vergleichen Leistungsstände verschiedener Jahrgänge innerhalb des Untersuchungsfensters. Dadurch können die Analysen Bevölkerungsänderungen sichtbar machen, aber sie können nicht eindeutig bestimmen, welche Faktoren diese Veränderungen auslösen. Genau diese Lücke führt die Arbeit selbst an: Das Ergebnis ist ein Signal für komplexe Verschiebungen, aber kein kausaler Beleg. Interessant ist auch die Reaktion von Dworak auf den Befund, der offenbar mehr als einmal einen Prüfprozess auslöste. Laut der zitierten Aussage sagte sie: „I spent weeks going back through all the code, “ und weiter: „I thought I’d messed something up and would have to delay submitting. But then I showed my adviser, and he said, ‘Nope, your math is right.’“
Für Unternehmen und Bildungseinrichtungen ergibt sich daraus eine nüchterne, aber handlungsrelevante Schlussfolgerung: Kognitive Fähigkeiten scheinen nicht in einem einzigen „Intelligenz“-Maß zu verlaufen, sondern in Teilkomponenten. Wenn räumliches Vorstellungsvermögen messbar steigt, während logisches und abstraktes Problemlösen sinkt, verändert das die Anforderungen an Training, Förderung und auch an die Gestaltung von KI-gestützten Lern- und Arbeitsprozessen. KI-Systeme können zwar Wissen bereitstellen und Aufgaben automatisieren, ersetzen aber nicht automatisch die Fähigkeit, Probleme sauber zu strukturieren. Genau hier könnte die beobachtete Entwicklung die Prioritäten verschieben: weg von reiner Wissensbeschaffung, hin zu Umgebungen, die logisches Denken konsequent fordern und durch Feedbackschleifen stabilisieren. Gleichzeitig bleibt die zentrale wissenschaftliche Frage offen, warum Verbal Reasoning vergleichsweise robust wirkt – und wie sich digitale Mediennutzung, Übungsdichte und Lernpfade konkret auf verschiedene kognitive Domänen auswirken.
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