LINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – RWE und Kawasaki Heavy Industries haben in Lingen den Testbetrieb einer 34-MW-Wasserstoff-Gasturbine gestartet. Das Aggregat soll laut Angaben der Beteiligten als bislang größte Anlage dieser Art in Europa gelten und perspektivisch deutlich höhere Leistungen erreichen. Die Turbine kann mit Wasserstoff, Erdgas oder beliebigen Mischungsverhältnissen betrieben werden, um die Stromerzeugung auch bei Windflaute abzusichern. Parallel wollen die Projektpartner den Einsatz von bis zu 100 Prozent Wasserstoff im industriellen Maßstab über mehrere Monate erproben.

In Lingen bekommt die Energiewende einen technischen Prüfstand: RWE und Kawasaki Heavy Industries (KHI) haben den Testbetrieb einer Gasturbine zur Stromerzeugung mit Wasserstoff gestartet. Im Zentrum steht dabei eine installierte Leistung von 34 Megawatt, die in der Einordnung der Projektpartner als bislang größte Anlage dieser Art in Europa bezeichnet wird. Für die Betreiber ist das weniger eine Demonstration im Labor, sondern eine Frage der Robustheit im Dauerbetrieb: Eine Gasturbine muss Lastwechsel aushalten, bestimmte Temperaturfenster einhalten und dabei stabilen Wirkungsgrad liefern, gerade wenn der Brennstoffanteil im Betrieb variiert. Damit wird das Projekt zu einem realen Belastungstest für den Übergang von fossilen Erzeugungsketten hin zu klimaneutraleren Betriebsweisen.
Technisch adressiert die Anlage gleich mehrere typische Engstellen der Sektorkopplung. Die Gasturbine kann sowohl mit Wasserstoff als auch mit Erdgas sowie mit jedem Mischungsverhältnis der beiden Gase betrieben werden. Genau diese Flexibilität ist entscheidend, weil Wasserstoffmengen in der Praxis zunächst oft begrenzt sind und sich Verfügbarkeit, Transport und Preis zunächst nur schrittweise stabilisieren. Für RWE Generation SE nennt Nikolaus Valerius deshalb auch den Systemsicherheits-Aspekt: Wenn der Anteil grünen Wasserstoffs im Energiesystem steigt, soll die Stromerzeugung auch dann zuverlässig bleiben, wenn Wind- und Solarleistung zeitweise sinken. Aus einer technischen Perspektive bedeutet das: Die Turbine muss auf unterschiedliche Gemische und damit auf veränderte Verbrennungs- und Emissionsbedingungen so reagieren, dass der Betrieb nicht nur funktioniert, sondern reproduzierbar bleibt.
Die Testphase soll über mehrere Monate laufen und den Blick auf Betriebsweisen richten, die später in einem stärker von erneuerbaren Energien getragenen System erwartet werden. Laut Plan wollen beide Unternehmen die Verstromung von bis zu 100 Prozent Wasserstoff im industriellen Maßstab erproben, dabei aber nicht nur den „Best Case“ fahren. Getestet werden sollen unterschiedliche Betriebsarten und Lastzustände, also jene Dynamik, die entsteht, wenn Erzeugung und Nachfrage nicht gleichmäßig zusammenpassen. Gerade im Kontext von Windflaute und Dunkelzeiten ist das relevant: Stromsysteme müssen dann Leistung bereitstellen, die kurzfristig verfügbar ist, ohne dass sich die Anlagengeometrie oder die Brennstoffaufbereitung jedes Mal grundlegend umstellen lässt. Die Projektpartner knüpfen das damit auch an die Erwartung, dass die Umstellung auf eine klimaneutrale Energieversorgung in mehreren Schritten funktioniert.
Mit dem Wasserstoffbezug verbindet das Vorhaben außerdem konkrete Aussagen zur Herkunft und Einordnung als „grün“. Für die Wasserstoffproduktion in Lingen nutzt RWE vor allem Windenergie aus der Nordsee, sodass beim Elektrolyseprozess kein CO2 freigesetzt wird; der erzeugte Wasserstoff gilt damit als grün. Damit rückt auch die Elektrolyse als vorgelagerter Baustein in den Fokus: Erst die Kombination aus strombasierter Wasserstofferzeugung und darauf abgestimmter Rückverstromung macht das System kohärent. Für die Abnehmer ist das nicht nur eine Klimageschichte, sondern auch eine Vermarktungs- und Nachweisfrage. Nach Unternehmensangaben erfüllt der in Lingen produzierte Wasserstoff die EU-Anforderungen für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs (RFNBO), sodass Abnehmer Nachhaltigkeitsnachweise nutzen können und dadurch eigene Emissionsminderungen mit Blick auf Klimagas-CO2 geltend machen.
Dass Lingen dafür als Standort herausgestellt wird, hängt zudem an der Einbettung in das GET H2 Nukleus-Projekt. Teile davon werden laut Angaben in Teilen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mitfinanziert, und die Beteiligten stellen den Standort damit als einen der bedeutendsten Energiestandorte Deutschlands dar. Vom kommenden Jahr an soll die gesamte Anlage 300 Megawatt produzieren; damit wird die Wasserstoffproduktion nicht nur als Einzelprojekt gedacht, sondern als Skalierungsschritt. Diese Größenordnung ist für die Industrie ein entscheidender Faktor, weil viele Anwendungen – etwa im Verkehrssektor oder bei energieintensiven Branchen wie Stahl – eine verlässlichere Lieferfähigkeit benötigen, als sie in einer rein pilotartigen Struktur erreichbar wäre. Auch die chemische Industrie und Raffinerien kommen hier ins Spiel, weil Wasserstoff als Grundstoff und Prozessbaustein unterschiedliche Produktionspfade ermöglicht.
Das Projekt hat daneben eine klare internationale Komponente. Die japanische Botschafterin in Deutschland, Mitsuko Shino, ordnete die Inbetriebnahme der Gasturbine in Lingen als Beispiel für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Japan und Deutschland ein und verwies darauf, dass die japanische Regierung Wasserstoff als Kerngebiet der Förderung der grünen Transformation einstuft. Aus dieser Perspektive geht es nicht allein um Dekarbonisierung, sondern auch um industriepolitische Handlungsfähigkeit: Wer Wasserstofftechnologien in der Breite verfügbar macht, schafft Voraussetzungen für neue Wertschöpfungsketten. Für die europäische Praxis heißt das gleichzeitig: Je schneller die Rückverstromung im industriellen Maßstab gelingt, desto früher können sich Unternehmen auf Planungssicherheit einstellen, und desto eher entsteht ein stabiler Betriebspfad zwischen Produktion, Netzintegration und Nutzung von Wasserstoff. Genau an dieser Schnittstelle setzt Lingen mit dem aktuellen Testbetrieb an.
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