MAGDEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Sechs Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben die im Landtag vertretenen Parteien ihre Koalitionsoptionen abgesteckt. CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke schlossen dabei ein Bündnis mit der AfD beim Wahlforum in Magdeburg aus. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund dagegen wirbt für eine Alleinregierung seiner Partei und signalisiert: In der aktuellen Lage sind Koalitionen mit anderen Parteien nicht vorgesehen. Damit rückt die Frage, wer nach der Wahl handlungsfähig bleibt, spürbar in den Mittelpunkt.

Sechs Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt werden Koalitionsfragen nicht mehr nur in Hinterzimmern diskutiert, sondern in einem eng getakteten Wahlkampf-Rahmen öffentlich sortiert. Anlass dafür war ein Wahlforum in Magdeburg, bei dem die Parteien mit klaren Linien aufwarteten: Ein Bündnis mit der AfD ist für CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke ausgeschlossen. Gleichzeitig versucht die AfD, das Spielbrett anders zu interpretieren und die eigene Regierungsfähigkeit in der Logik einer Alleinregierung zu verankern. Diese Gegenüberstellung verändert nicht nur die Debatte, sondern setzt auch verlässlichere Erwartungshorizonte für Wählerinnen und Wähler, weil sie die Zahl möglicher Mehrheiten von Anfang an reduziert.
Die CDU machte in Magdeburg besonders deutlich, dass sie sowohl nach links als auch nach rechts keine Anschlussfähigkeit an die AfD anbietet. CDU-Ministerpräsident Sven Schulze formulierte, er wolle sich politisch von niemandem abhängig machen; Koalitionen seien „sowohl mit ganz links als auch mit ganz rechts ausgeschlossen“. Für die CDU ist das inhaltlich eine Absage an breite Auslegungen des Mehrheitsbegriffs, praktisch aber auch eine Strategie, um die eigene Mitte-Position nicht durch potenzielle Projektkoalitionen zu verwässern. Damit legt die Partei zugleich fest, dass künftige Verhandlungen, falls sie überhaupt entstehen, in einem engeren Korridor stattfinden müssten, in dem die AfD nicht als Koalitionspartner, sondern maximal als Oppositionsakteur vorkommt.
Die AfD setzt dagegen auf einen Regierungsanspruch, der die Koalitionsarchitektur grundsätzlich umgeht: Ulrich Siegmund strebt laut seinen Aussagen eine Alleinregierung der AfD in Sachsen-Anhalt an. Auf eine Nachfrage der Moderation, ob damit Bündnisse mit anderen Parteien ausgeschlossen seien, antwortete er mit Blick auf die „aktuelle Situation“ entsprechend klar. Technisch betrachtet wirkt diese Position wie ein politisches „Design Constraint“: Wenn die Zielgröße alleinregierungsfähig ist, werden Verhandlungen mit Blick auf Koalitionsfähigkeiten frühzeitig zweitrangig. In der Konsequenz verschiebt sich auch die Dynamik für andere Parteien, weil sie nicht mehr primär prüfen müssen, welche Kompromisse möglich wären, sondern eher, ob sie ihre eigene Rollenverteilung für eine mögliche AfD-Mehrheit stabil planen können.
SPD und Grüne widersprechen dem AfD-Modus nicht nur in der Frage der AfD-Koalition, sondern sie ziehen darüber hinaus weitere rote Linien, insbesondere gegenüber dem BSW. SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann erklärte, eine Koalition mit der AfD sei ausgeschlossen und auch mit dem BSW könne er sich ein Bündnis nicht vorstellen; über alles andere müsse man „reden müssen“. Diese Formulierung ist bemerkenswert, weil sie bei aller Ablehnung gegenüber zwei möglichen Partnern gleichzeitig einen Verhandlungsraum für andere Konstellationen andeutet. Die Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz hingegen betonte, Koalitionen mit allen demokratischen Parteien seien grundsätzlich möglich, räumte aber ein, dass sie es sich mit dem BSW „im Moment auch schwer vorstellen“ könne. Damit entsteht ein differenziertes Bild: Beide Parteien signalisieren prinzipielle Offenheit gegenüber demokratischen Partnern, setzen aber bei konkreten Akteuren im jetzigen Moment eine hohe Hürde.
Auch FDP und Linke positionieren sich klar und begrenzen die Optionen frühzeitig. Die FDP-Spitzenkandidatin Lydia Hüskens schloss Koalitionen „ganz rechts, ganz links“ aus; das ist als politische Abgrenzung lesbar, aber ebenso als Signal an eigene Wählergruppen, dass die FDP nicht zum nachträglichen Korrekturfaktor in ideologisch extremen Lagen werden will. Linken-Spitzenkandidat Hendrik Lange erklärte, eine Koalition mit der AfD sei „selbstverständlich ausgeschlossen“ und seine Partei werde „alles daran setzen, dass die AfD dieses Land nicht regieren wird“. Gerade diese Betonung der Gegenrolle ist im Wahlkampf-Kontext relevant: Sie legt fest, dass eine mögliche AfD-Mehrheit nicht nur rechnerisch, sondern auch strategisch bekämpft werden soll. In Summe entsteht damit ein Muster, in dem die Parteien ihre Verhandlungslogik nicht erst nach der Wahl, sondern bereits vor der Wahl fest auf bestimmte Grenzen hin ausrichten.
Der politische Effekt dieser öffentlichen Absteckungen ist zugleich ein Kommunikations- und Vertrauensproblem der Demokratie: Wer Koalitionen ausschließt, muss im Gegenzug erklären, wie Handlungsfähigkeit ohne diese Partner gesichert werden soll. Die AfD dagegen versucht, den Verhandlungsdruck zu reduzieren, indem sie die Alleinregierung als Zielbild in die Mitte rückt. Das erhöht zwar die Kontrastwirkung im Wahlkampf, senkt aber für andere Parteien die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Nachgang noch „schnell“ eine gemeinsame Mehrheit herstellen könnten, falls die Sitzverteilung kompliziert ausfällt. Gleichzeitig zeigen die Aussagen von SPD, Grünen, FDP und Linke, dass die Parteien zwar unterschiedlich offen formulieren, aber in Bezug auf AfD-Kompatibilität weitgehend synchron sind: AfD wird nicht als Koalitionspartner in Betracht gezogen.
Für die strategische Lage nach der Wahl bedeutet das: Die entscheidenden Optionen verlagern sich stärker auf Konstellationen ohne AfD-Integration sowie auf die Frage, welche Parteien bereit sind, ihre roten Linien zu einem späteren Zeitpunkt flexibel genug zu halten. Da SPD und Grüne beim BSW zwar ablehnend bleiben, aber ihre Formulierungen mit zeitlichem „im Moment“ bzw. „über alles andere wird man reden müssen“ versehen, kann daraus nach der Wahl ein Verhandlungsthema werden, falls die Sitzarithmetik keinen anderen Ausweg zulässt. Genau hier entsteht jedoch ein Risiko für alle Beteiligten: Je stärker bereits vor der Wahl festgezurrt wird, desto höher ist später der politische Druck, diese Festlegungen zu begründen oder zu revidieren. Das kann das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Aussagen erhöhen oder sie gleichzeitig anfälliger für Vorwürfe machen, je nachdem, wie stark die Wahlkommunikation von der tatsächlichen Mehrheitslage abweicht.
Am Ende steht damit weniger eine einzelne Koalitionsformel im Fokus als eine Grundsatzentscheidung über Regierungsfähigkeit: Die AfD setzt auf ein Modell, bei dem die Koalitionsfrage weitgehend entfällt, während die anderen Parteien ein Modell bevorzugen, in dem Koalitionsarithmetik zwar möglich bleibt, aber nicht mit der AfD. Für Beobachterinnen und Beobachter wird deshalb die Frage nach der Sitzverteilung noch stärker zur Schlüsselfrage, weil sie darüber entscheidet, ob die ausgeschlossenen Konstellationen tatsächlich „wegfallen“ oder nur als politischer Rahmen existieren. Unabhängig vom Wahlergebnis dürfte der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt aber klar dokumentiert haben: Die Parteien wollen nicht nur Wählerstimmen gewinnen, sondern auch die Deutungsmacht über die späteren Verhandlungen schon vorab sichern.
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